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Sky-Serie „Gentleman Jack“ : Mit Schirm, Charme und Zylinder

Große Liebe: Anne Lister (Suranne Jones, links) erobert ihre Nachbarin Ann Walker (Sophie Rundle). Bild: Die Verwendung ist nur bei redak

Die Serie „Gentleman Jack“ feiert Anne Lister als erste moderne Frau, die sich nicht scheute, offen lesbisch zu leben. Ihr in Geheimcode geschriebenes Tagebuch wurde erst lange nach ihrem Tod entziffert. Es kündet von einem außergewöhnlichen Menschen.

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          Die Lady ist ein Gentleman. So wird sie genannt – „Gentleman Jack“. Das ist abschätzig gemeint, aber sie tritt auch so auf, gegenüber Damen und Herren, wobei sie sich allmorgendlich in elegantes Schwarz schnürt und mit Zylinderhut rüstet wie Django vor dem Showdown. Und zudem tritt Anne Lister jeden Tag gegen jedermann, der sie herausfordert, auch an. Anne Lister fordert alle heraus. Sie gehorcht nicht den gesellschaftlichen Konventionen, die weit über ihre Zeit hinaus gültig waren. Anne Lister liebt Frauen und macht daraus recht wenig Hehl. Sie weiß, was die meisten Leute denken und über sie sagen. Aber sie hält es aus, und sie hält an ihrem Wunsch fest, mit einem geliebten Menschen fest zusammen zu sein und – zu heiraten. Aber eben nicht einen Mann, auch nicht pro forma oder zur Tarnung, wie andere es tun, sondern eine Frau.

          Michael Hanfeld

          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

          Wir schreiben das Jahr 1832. Wir befinden uns im viktorianischen England, in Halifax, auf dem Landsitz Shibden Hall. Hier führt Anne Lister das Regiment, weil da sonst keiner wäre, der die Dinge erledigte. Tante und Onkel sind tatterig, ihre Schwester Marian (Gemma Whelan) ist zwar resolut, bricht aber aus der Rolle der Kümmerin in der zweiten Reihe nicht aus. Der Laden muss auf Vordermann gebracht, die Pacht muss eingetrieben werden, die üblen Nachbarn, die Gebrüder Rawson, welche die Listers unter der Erde um ihre (Stein-)Kohle bestehlen, in die Schranken gewiesen werden. Dafür braucht es Courage, Durchsetzungskraft und Geschick. Anne Lister hat davon genug für zwei, Schwung hat sie für drei. Doch den braucht sie auch, bei den Hindernissen, die sie in einer von Männern beherrschten Welt überwinden muss. Und den braucht sie auch, um das Herz ihrer Nachbarin, der scheuen Ann Walker, zu erobern.

          Dass diese Anne Lister, die es tatsächlich gegeben hat, heute eine Heldin der LGBTQ-Szene ist, versteht sich von selbst. Sie gilt als erste moderne Lesbe, als lesbische Powerfrau, als Vorkämpferin für gleiche Rechte, und eine solche dürfte sie wohl gewesen sein, ohne dies im Sinn gehabt zu haben. Nachvollziehen lässt sich dies, weil Anne Lister, geboren 1791, früh verstorben an einem Fieber auf einer Reise in den Kaukasus im Jahr 1840, Tagebuch geführt hat. 27 Bände von jeweils dreihundert Seiten hat sie hinterlassen. Die Ausführungen über ihrer Eroberungen und Liebschaften verfasste sie in einem Geheimcode, einer Mischung aus Algebra und Altgriechisch, der erst 1930 entziffert werden konnte. Spätestens da wurde offenbar, was für ein Mensch Anne Lister war.

          Suranne Jones spielt sie als hinreißenden Tausendsassa. Wie miserabel die Dinge auch erscheinen mögen, „Gentleman Jack“ ist gewillt, sie zum Positiven zu wenden. Dabei weiht sie uns, die Zuschauer, immer wieder in ihre Pläne ein. Sie tritt durch die virtuelle vierte Wand, spricht uns direkt an und macht uns zu ihren Komplizen. Das ist kein neuer, aber ein von der Produzentin und Autorin Sally Wainwright effektiv eingesetzter Kniff. Man kann gar nicht anders, als Anne Lister die Daumen zu drücken, wenn sie sich mit den Rawsons anlegt, um ihre Pächter kümmert oder auf Freierinnenfüßen unterwegs ist und ihre Nachbarin Ann (Sophie Rundle) als weiblicher Casanova aus der Reserve lockt. Davor, Anne Listers Verlangen auch in der einen oder anderen Sexszene zu zeigen, hat diese Serie keine Scheu.

          Dass es auch Anne Lister das Herz zerreißen kann, sehen wir derweil auch, als sie von ihrer früheren großen Liebe die Einladung zur Hochzeit erhält – mit einem Mann. Zur Trauung reist Gentleman Jack selbstverständlich in Schwarz an und rührt die Braut zu Tränen.

          Sally Wainwright macht aus der historischen Figur zum Glück keine Superheldin und aus der Serie kein Lehrstück. Anne Lister bleibt dem Geist ihrer Zeit verhaftet. Sie pflegt ihren Standesdünkel; Hausangestellten und Pächtern gegenüber kann sie zwar durchaus gütig sein, aber auch herablassend. Dass Frauen nicht wählen dürfen, stört sie vor allem, weil jeder Fabrikarbeiter eine Stimme hat, nicht aber sie – die Großgrundbesitzerin und Fabrikantin mit großen Plänen. Das alles zeigt uns „Gentleman Jack“ in prächtiger Ausstattung, in einem England à la Jane Austen, mit period living bis zum Abwinken. Gedreht wurde zum Teil am historischen Originalschauplatz von Shibden Hall, das inzwischen zum Pilgerort für Touristen geworden ist, die sehen wollen, wo „Gentleman Jack“ lebte.

          Die Serie begeisterte das Publikum des amerikanischen Bezahlsenders HBO im vergangenen Jahr ebenso wie das der BBC. Eine zweite Staffel ist schon anberaumt worden. In dieser wird es dann Folge für Folge auch den eingängigen Folksong zu hören geben, in dem die beiden Sängerinnen O’Hooley & Tidow „Gentleman Jack“ auf die Reise schicken und vor den Häschern warnen, die hinter ihr her sind: „Gentleman Jack, oh Gentleman Jack, Watch your back, you’re under attack, Their husbands are coming, you’d better start running. For nobody likes a Jack-the-lass.“

          Gentleman Jack läuft mittwochs um 20.15 Uhr bei Sky Atlantic.

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