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TV-Serie „The Pier“ bei Joyn : Mit ihr war er nicht nackt baden

  • -Aktualisiert am

Die Hälfte eines Doppellebens: Oscar (Àlvaro Morte) und Veronica (Irene Arcos) fahren durch die Lagunenlandschaft von Albufera. Bild: Joyn

In der spanischen Serie „The Pier“ erkundet eine Architektin, weshalb ihr verstorbener Mann ein Doppelleben geführt hat. Sie findet es heraus und – stellt ihr eigenes Leben in Frage.

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          Es war etwas peinlich: Der Geschäftsmann Óscar (Àlvaro Morte) lag textilfrei im Meer, als Diebe am Strand seine Kleidung stibitzten. Er musste also nackt bis zum Parkplatz hinauf, und so sah ihn auch Veronica (Irene Arcos), die in ihrem Auto vorbeifuhr und ihre Hilfe anbot. Aber so beginnen nun einmal Liebesgeschichten. Der schüchterne Oscar, der auch als Erwachsener mit Bart noch wie ein staunender Knirps in die Welt blickt, und die heißblütige Veronica, die im Nationalpark von Albufera wohnt und Reisbäuerin ist, wurden ein Paar.

          Heikler ist: Óscars Ehefrau Alejandra (Verónica Sánchez), eine Architektin in Valencia, die Hochhäuser baut, bekam von dieser Beziehung acht Jahre lang nichts mit. Sie erfährt davon erst auf die harte Tour, als Óscar eines Morgens auf dem titelgebenden „Pier“ in Albufera gefunden wird. Ein Suizid, meint die Polizei und reicht ihr Óscars Handy. Es ist randvoll mit Bildern und Videos eines Doppellebens. Stets sieht ihr grundgütiger Gatte nicht minder glücklich aus als auf den Aufnahmen, die Alejandra von ihrer Ehe im Kopf hat.

          Mit diesen Schocknachrichten startet die spanische Serie „The Pier“, die in acht Folgen von Óscars Doppelleben und Alejandras Umgang mit der Wahrheit erzählt. Alejandra ist nicht von ungefähr in einem Job tätig, in dem es rational zugeht. Sie sucht eine Erklärung, um sich zu sortieren, kratzt zusammen, was sie an Belegen über das Doppelleben ihres Mannes auftreiben kann, klebt ausdruckte Mails und Fotos wie im Krimi an die Scheibe ihres Apartments – und gibt das Vorhaben auf, die andere in Albufera wütend zur Rede zu stellen. Stattdessen hört sie ihr zu. Denn auch Veronica war offenbar ehrlich in Óscar verliebt, und über eine Lüge, durch die aus der Architektin Alejandra eine beruflich in der Lagunenlandschaft weilende Naturforscherin wird, ist deutlich mehr über Òscars heimliches Leben in Erfahrung zu bringen als per Konfrontation.

          „The Pier“ darf man sich dabei durchaus auch als erotische, mit den Phantasien der Zuschauer spielende Serie vorstellen. Intime Details, die Veronica in ihrer freizügigen Art von Óscar erzählt, lassen Alejandra nicht kalt. Fotografiert ist „The Pier“ wie ein Werbe- oder Videoclip. Unentwegt blinzelt die Kamera am Profil hübscher Gesichter entlang ins Gegenlicht, sie folgt Reiskörnern in Zeitlupe, die eine Hand im flachen Wasser verstreut, inszeniert einsame Lichtquellen, die auf dem nachtschwarzen Lack eines Fahrzeugs schimmern, und gerade in den ersten Folgen kommt ein Filter, der Alejandras zusammengebrochene Welt blaukühl und Veronicas in leidenschaftlichem Orange erscheinen lässt, ausgiebig zum Einsatz. Keine Farbe ist Zufall, das zieht sich bis zu den Schuhen oder Bällen, die durchs Bild rollen.

          Der Plot, der erwartungsgemäß um Themen wie Liebe und Sex, Kontrolle und Kontrollverlust, Freiheit und Verantwortung und schließlich Suizid oder Mord kreist, ist nicht ganz so platt wie bei dieser Fixierung auf die Optik erwartet. Er stammt von Esther Martínez Lobato und Álex Pina, die „Haus des Geldes“, eine Gangsterserie, in der Òscar-Darsteller Àlvaro Morte als stoischer „Professor“ zu sehen war, durch außerordentliche Charaktere zu einem internationalen Überraschungshit werden ließen. Auch „The Pier“ lebt von Schauspielern, die eine ganz andere Art von Emotionalität mitbringen als jene, die wir von amerikanischen oder deutschen Serien gewohnt sind. Allerdings schrammt die MoviestarPlus-Produktion nur haarscharf am Kitsch vorbei. Was auch die Autoren bemerkten, sonst hätten sie nicht die Schriftstellerin Blanca erfunden, die Alejandras Selbstfindungstrip beobachtet und heimlich einen Roman daraus macht: „Das klingt wie eine Fernsehschnulze, aber so ist es nicht“, behauptet sie.

          Das kann man nur deshalb als These stehen lassen, weil Almodóvar-Star Cecilia Roth diese Nebenrolle mit angenehm rauhem Charme spielt. Währenddessen fragt man sich, ob die sexuell demonstrativ selbstbestimmt lebende Veronica und die biedere Alejandra, die in Schnappatmung verfällt, wenn sie Unerhörtes über ihren Gatten erfährt („Und wir waren noch nicht mal am FKK-Strand, verstehen Sie?“), vor der Auflösung des mäßig spannenden Suizid-oder-nicht-Rätsels etwas miteinander anfangen oder erst zum Finale.

          The Pier startet an diesem Samstag auf Joyn, der Online-Plattform von Pro Sieben Sat.1.

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