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Western-Serie „Deadwood“ : Das Ende ist da

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Das waren noch Zeiten: Für „Deadwood: The Movie“ hat HBO die Originalbesetzung fast vollständig wieder versammelt. Bild: HBO

Vor dreizehn Jahren wurde die Westernserie „Deadwood“ eingestellt, nach drei Staffeln, ohne echtes Ende. Das holt ein fulminanter Film mit Originalbesetzung jetzt nach. Er zeigt, warum „Deadwood“ so gut war.

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          Noch ein Finale: Nachdem „Game of Thrones“ und „The Big Bang Theory“ sich verabschiedet haben, setzt nun auch „Deadwood“ einen würdigen Schluss unter großes Fernsehen. Dass die herausragende Westernserie nicht mehr jedem präsent ist, liegt auch daran, dass die letzte Episode so lange zurückliegt: 2006 nahm HBO „Deadwood“ nach nur drei Staffeln und 36 Episoden plötzlich aus dem Programm.

          Lange bevor Netflix und Amazon kamen, bevor „Breaking Bad“ und „The Walking Dead“ liefen, gehörte „Deadwood“ zum Besten des amerikanischen Fernsehens, damals noch: Abofernsehens. Die Westernsaga von David Milch stand auf einer Stufe mit HBO-Produktionen wie „The Sopranos“ oder „The Wire“. Milch fasste den amerikanischen Frontiermythos neu: Er lokalisiert ihn 1876 in einem dreckigen Goldgräbercamp jenseits etablierter politischer Strukturen, wo Abenteurer und Gestrandete, Idealisten und Morallose ein Gemeinwesen gründen – mit Faust und Strang und Pistole. Und er fasste ihn in eine Sprache, der die deutsche Synchronisation bei aller Mühe hilflos gegenübersteht: Die Dialoge in „Deadwood“ sind eine düstere Komposition von Flüchen und blumiger Grammatik, die den Cowboy-Slang des Wilden Westens mit einem pointierten, bisweilen fast Shakespearschen Duktus verbindet.

          Zu den Hauptfiguren der Geschichte zählen der geradlinige Gesetzeshüter Seth Bullock (Timothy Olyphant) und sein Partner Sol (John Hawkes), der liebenswerte Charlie Utter (Dayton Callie), der Bordellbesitzer und Saloonbetreiber Al Swearengen (Ian McShane), die hitzköpfige Hure Trixie (Paula Malcomson), die rauhbeinige Calamity Jane (Robin Weigert), der Chinese Mr. Wu (Keone Young), der Arzt Doc Cochran (Brad Dourif), der Hotelier E.B. Farnum (William Sanderson), der machtbewusste Unternehmer George Hearst (Gerald McRaney) und der Verleger der Lokalzeitung, A. W. Merrick (Jeffrey Jones). Allein, dass HBO fast die gesamte Besetzung wieder zusammenbrachte, muss als kleines Wunder durchgehen. Manche der Figuren sind über die in der Geschichte vergangenen Jahre gereift, manche milder geworden, einige haben nichts dazugelernt. Fast alle tragen schwer an der Vergangenheit.

          Flintenweib: Robin Weigert spielt die legendäre Calamity Jane.

          Nachdem der plötzliche Schluss 2006 der preisgekrönten Serie ein echtes Ende versagt hatte, gab es immer wieder Spekulationen, dass es doch noch zu einer Fortführung kommen würde, was die Beteiligten stets kategorisch negierten. Erst 2016 wurde offiziell, dass ein abschließender Film in Arbeit sei. Und der Film gibt sich nun mit einer großzügigen Einführung ins Geschehen und zahlreichen Rückblenden erfolgreich Mühe, sowohl Fans der Serie als auch Neulinge zu begeistern. Dem fallen zwar hin und wieder Logik und Dramaturgie zum Opfer, mehr als einmal wünscht man sich die erzählerische Sorgfalt, die sich nur das Serienformat leisten kann.

          Der Film, der sich mit einer Geburt, einer Beerdigung, einer Hochzeit und beinahe einem Lynchmord von „Deadwood“ verabschiedet, ist indes doppelbödig, wo man das sehen möchte: ein Abgesang auf die großen HBO-Werke der frühen zweitausender Jahre, als Leute wie David Simon, David Milch und David Chase Literatur auf den Bildschirm brachten und noch nicht Horden von Content-Schöpfern danach strebten, das nächste „Breaking Bad“ auf dem Reißbrett zu entwerfen. Ein Abgesang auch auf eine Ära, in der vermittelte Kommunikation noch nicht die persönliche Auseinandersetzung verdrängt hatte – stehen die Telefonleitungen, die hier die Ankunft des „Fortschritts“ markieren, etwa nicht für die Seuche der sozialen Medien? Und ein Abgesang schließlich auf die Vergangenheit, auf die Bedeutung von Zusammenhängen und Erinnerungen – und auf die herausragende Karriere von David Milch, der an Alzheimer erkrankt ist. Wenn Al Swearengen zu Beginn des Films meint, es sei Dienstag, wo es doch Freitag ist, wird er deutlich zum Alter Ego des Mannes, der Gedanken über das Vergessen und Vergehen wortgewaltig ins Drehbuch webt.

          Aber vieles könnte auch bloß nostalgisch verbrämt sein. „Deadwood“ wurde nicht zuletzt abgesetzt, weil der damals drogen- und wettspielsüchtige Milch mit seinem unbändigen Stil die HBO-Oberen nervös machte. Nun verschafft er einer der besten Serien des amerikanischen Fernsehens ein großes Finale, das bei uns auch bei Sky zu sehen sein wird (Termin steht noch nicht fest). Es bleibt der fromme Wunsch Al Swearengens, den er mit dem ihm eigenen Sarkasmus an das Brautpaar und die erwachsen werdende Gemeinde richtet: „Rechtschaffenheit. Liebe und Güte. Gerechtigkeit.“

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