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„Die verlorene Tochter“ im ZDF : Von den Tücken des Vergessens

  • -Aktualisiert am

Isa von Gems (Henriette Confurius) hat keine Erinnerung. Das bringt sie in Gefahr. Bild: ZDF und Alexander Fischerkoesen

Die ZDF-Serie „Die verlorene Tochter“ erzählt spannungsvoll von einer Heimkehr in den Selbstverlust. Starke Darsteller und ihre unaufgeregte Tonalität zeichnen diese außergewöhnliche ZDF-Serie aus.

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          Bei Rembrandt ist die Sache einfacher. Sein großes Spätwerk „Heimkehr des verlorenen Sohns“ kann man kaum trockenen Auges ansehen, so überwältigend leuchtet einen aus der zentralen Szene die Liebe an. Voller Güte und Dankbarkeit umarmt der halb erblindete Vater den Verlorengeglaubten. Der Groll des anderen, des treuen Sohns, von dem wir bei Lukas lesen, scheint bereits verflogen. Nachdenklich, doch ergriffen, steht er da. Die Umarmung von Vater (Christian Berkel) und verlorengeglaubtem Kind gibt es auch in der hervorragend besetzten, sehenswerten „Event-Miniserie“ des ZDF, allerdings, wie alles hier, emotional deutlich zurückgenommen. Zudem müssen wir auf diese Szene beinahe bis zum Ende der zweiten Episode warten.

          Dafür scheint der Bruder (Rick Okon) nun wieder biblisch missgünstig zu sein. Ansonsten freilich leistet sich das Buch von Christian Jeltsch viele Freiheiten gegenüber dem vielleicht berühmtesten aller Gleichnisse. Es beginnt schon mit einer nicht unwesentlichen Abweichung beim Geschlecht. Heimgekehrt nämlich ist in diesem Fall die Tochter der in Traditionen erstarrten Brauereifamilie von Gems. Hildegard Schmahl als Mutter Patriarchin ist von exquisiter Verschlagenheit. Hinzugefügt wurde auch der tragende Aspekt eines totalen Gedächtnisverlusts. Isa, von Henriette Confurius souverän zwischen Verunsicherung und Trotz gespielt, hat zehn Jahre lang ein Leben unter anderer Identität geführt, was nicht völlig glaubwürdig scheint, aber narrativ spannend ist. Freunde und Familie haben sie anfangs für entführt und irgendwann für tot gehalten. Verschwunden war das als feierwütig bekannte Mädchen, aus dem eine in sich gekehrte junge Frau geworden zu sein scheint, nach einem Schulfest. Sehr gut funktioniert die Idee, jede der sechs Episoden mit einem Rückblick auf das Fest zu eröffnen und dabei immer weitere Details der damaligen Geschehnisse aus verschiedenen Blickwinkeln zu präsentieren.

          Ein Triumph ist Isas Rückkehr keineswegs. Zunächst wird ihr Auftauchen als Gerücht abgetan. Schließlich will sie nur der ehemalige Ermittler Peter Wolff (Götz Schubert) gesehen haben. Der aber ist an diesem Fall – dafür gibt es einen persönlichen Grund – zerbrochen: Zum Alkoholiker geworden, hat er Job und Familie verloren. Inzwischen arbeitet er beim Wachschutz der Brauerei. Sein Ermittlungsmisserfolg lässt ihm bis heute keine Ruhe. Obwohl manches an dieser Figur nach Klischee klingt, schafft es Schubert, ihr eine so starke Individualität zu verleihen, dass man Wolffs verzweifelter Suche nach der Wahrheit, die einigen Staub aufwirbelt, gerne folgt.

          Mit der Heimkehr, das ist der Clou der Serie, ist die Verlorenheit nicht überwunden. Der Protagonistin steht bei der Suche nach ihrem alten Ich, das in gelungenen Szenen als Alter Ego auftritt, vielmehr die Einsicht bevor, dass so gut wie alle Personen in ihrem Umfeld leiden. Neid, Misstrauen, Überheblichkeit, Intrigen, Lebenslügen und Trauer um aufgegebene Träume sind hier so verbreitet, dass sie die Freude über die Wiederkehr zu überwiegen scheinen. Anders als Isas Mutter (Claudia Michelsen), die zwar gebrochen wirkt, aber doch von Liebe ergriffen, so fremd ihr die Tochter nun auch entgegentritt, lässt der Vater zunächst keine Nähe zu. „Sie ist dein Gast“, gibt er seiner Frau brummig zu verstehen und verschanzt sich hinter den – nicht sehr rosigen – Bilanzen.

          Die Stimmen im Kopf der Protagonistin warnen nicht umsonst, bald schon hat sie offene wie subtile Angriffe zu gewärtigen, während die Erinnerungssuche, bei der Isa der inzwischen mit ihrer besten Freundin (Nina Gummich) liierte Ex-Freund Robert (Max von der Groeben), Wolffs Sohn, behilflich ist, immer abgründigere Geheimnisse zutage fördert. Nie aber steht hier ein Verbrechen, sondern immer das familiäre Drama und der Selbstverlust im Vordergrund. Gegen Ende schlägt das Buch vielleicht die eine oder andere Volte zu viel, aber insgesamt wirkt die Handlung, auf viereinhalb Stunden gestreckt, nicht überladen.

          Vor allem überzeugt diese X-Filme-Produktion durch ausdrucksstarke Schauspieler, Kai Wessels in Stil und Tempo elegant sichere Regie und durch eingängige, nie aufdringliche Bilder (Kamera Alexander Fischerkoesen). So wird etwa Heinrich von Gems dadurch charakterisiert, dass er, ganz beiläufig, eine Flasche Wein öffnet, einen Schluck kostet, dann den Inhalt in den Ausguss kippt, um die nächste Flasche zu öffnen, während der Dialog um ganz anderes kreist. Dieser Mann hat Ansprüche und Prinzipien, registrieren wir; umso bitterer wird es für ihn, sobald er sich fragen muss, ob er denselben selbst noch genügt.

          Eine gewaltige Staumauer, über die wir Isa immer wieder laufen sehen, bildet eines der Leitmotive. Die Symbolik des Bilds – das lange Aufgestaute, das alles zu überfluten droht – wird von seiner Erhabenheit in Schach gehalten; keine der Ebenen drängt vorlaut nach vorn. Dazu passt, dass mit leisen Tönen große Fragen gestellt werden. Ob man da weitermachen kann, wo man sich verloren hat. Ob Vergessen gegen Einsamkeit oder Schuld hilft. Und ob man in einem Mikrokosmos, in dem alle mit allen verbunden sind, den anderen vertrauen darf. Die Bezeichnung „Event-Miniserie“ freilich ist alberner Überverkaufsjargon, den diese in ihrem Understatement an britische Produktionen wie „Liar“ erinnernde Serie nicht nötig hat.

          Die verlorene Tochter, heute, am Montag, 27. Januar, am Mittwoch und am Donnerstag, jeweils um 20.15 Uhr im ZDF.

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