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Fernsehserie „Sylvia’s Cats“ : So zuverlässig wie ein verliebter Freier

Versprochen ist ein „Kaleidoskop an Milieu-Figuren“: Ruth Becquart und Josse De Pauw in einer Szene aus „Sylvia’s Cats“. Bild: ZDF und Kris Dewitte

Wenn der Vater einem ein Bordell vererbt: Die flämische Serie „Sylvia’s Cats“ verirrt sich ins Rotlichtmilieu. Und jedes Klischee taucht zuverlässig auf.

          Nüchtern und bei Lichte betrachtet, lässt sich die Obsession mit dem Rotlicht-Milieu, oder vielmehr, die, davon zu erzählen, gar nicht so leicht erklären. Was dort abzüglich aller moralischen Wägbarkeiten passiert – Sex und dessen spielerische Abwandlung gegen Geld – ist doch meist ein eher kurzes, weil teures Vergnügen. Doch die Kreativindustrie wird einfach nicht müde. Es leuchtet alles immer so bunt, die Arbeitskleidung weist eine höhere Dichte an Pailletten auf, als beispielsweise ein Arztkittel, schillernde Figuren gibt es zuhauf und die Unterwelt ist nicht weit. Sex sells. Das dachten vermutlich auch die Produzenten der flämischen Serie „Chausée d’Amour“, die nun bei ZDFneo unter dem etwas irreführenden Titel „Sylvia’s Cats“ zu sehen ist.

          Der Vater tot, der Mann ein Lüstling, das Erbe ein Puff - Was nun?

          Axel Weidemann

          Redakteur im Feuilleton.

          Es geht schnell zur Sache – allerdings nur, was die Sprunghaftigkeit der Handlung anbetrifft. Gerade noch tanzte die titelgebende Sylvia Carlier (Tiny Bertels) auf der Einweihungsparty im Garten ihres neuen Ökohauses zu den Klängen der eigens einbestellten Mariachi-Band, da wird ihr Mann Daniël (Günther Lesage) vor den Augen der Gäste und der beiden Kinder, Sep (Thomas De Smet) und Eva (Romy Lauwers), von zwei Polizisten abgeführt. Der berühmte Gynäkologe steht im Verdacht, zwei seiner Patientinnen missbraucht zu haben. Die Familie hatte gerade erst seine Affäre mit der Assistentin verarbeitet. Seinen Job ist der porschefahrende Frauenarzt ebenso schnell los wie seine Frau und seine Kinder. Auch das Geld ist von nun an bei beiden knapp. Was nun?

          Dafür hat das Drehbuch (Pieter Peyls, Jan Pepermans, Stefanie Vanhecke) den Hauptstrang des Geschehens vorgesehen. Sylvias Vater, von dem sie der Familie erzählt hatte, er sei längst tot, verstirbt gleich zu Beginn der ersten Folge. Er wird ihr jenes Haus auf der Chausée d’Amour in der Kleinstadt Sint-Truiden hinterlassen, in dem das Bordell mit den neonbeleuchteten Jaguar-Emblem untergebracht ist, das „Cats“. Dort zieht sie mit ihren Kindern notgedrungen ein – und der Zuschauer kann sich schon jetzt sicher sein: Jedes Klischee, das je in einer Rotlichtmilieuerzählung verhandelt wurde, taucht auch in dieser Serie so zuverlässig auf wie ein verliebter Freier. Wo, wenn nicht hier soll Sylvie eine wirkliche Familie finden und sich mit der Vergangenheit ihrer Eltern versöhnen können. Was auf der Bildebene (Kamera Brecht Goyvaerts) reichlich vorhanden ist – der Kontrast –, fehlt der Serie ansonsten fast vollständig. Die Illusion, hier passiere tatsächlich einmal etwas Dramatisches, wird allein durch den vom Geschehen (Regie Pieter Van Hees, Frank Devos) oft kaum motivierten Einsatz von Thriller-Jagdszenen-tauglicher Musik erzeugt – selbst wenn die Tochter lediglich nach elf Uhr mit dem Rad ausgebüchst ist.

          Das im Begleittext zur Serie versprochene „Kaleidoskop an Milieu-Figuren“, das sich vor dem „Auge des Zuschauers“ entwickele, es ist ein Reigen gut gemeinter Pappkameraden – als hätte man die Lindenstraße ins Hannoveraner Steintor-Viertel verlegt. Nur ohne Hells Angels. Das, was das gesamte Unterfangen vielleicht noch retten könnte, Ironie oder Überspitzung, sucht der Zuschauer vergebens. Stattdessen bekommt er eine Collage aus Möchtegern-Milieu-Studie, Familien- und Krimiserie, in der einmal zu oft dieselbe rote Limonaden-Marke zu sehen ist. Besser, man hält sich an das jugendfreie Original aus Köln-Bocklemünd.

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