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ZDFneo-Serie „Tanken“ : Die Nachtgestalten wollen was verkaufen

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Hände hoch, Überfall: Auch in brenzligen Situationen bleibt Geschäftsführer Georg gelassen. Bild: ZDF und Marion von der Mehden

Alles ist super, nicht nur das Benzin: In der neuen Sitcom „Tanken“ von ZDFneo bringen drei Gescheiterte die Welt am Rande der Zivilisation zum Leuchten. Das hat echtes Witzpotential.

          Das angestrahlte Plakat in deutlichem Aral-Tankstellen-Blau sagt alles: „Super ist super – Diesel ist auch super – E10 ist super“. Weitere Werbebanner schreien den wenigen Kunden, die es nachts in die Provinztankstelle am Rand der bewohnbaren Zivilisation verschlägt, sekundenschlafverhindernd mitten ins Gesicht.

          Laut Corporate Marketing sind die auf der „Frischetheke“ im Wärmebehälter totgeschrumpelten Bockwürste super, die Quengelriegel, fast zu hundert Prozent aus ADHS-förderndem Zucker gefertigt, sind super, die unzulänglich vor Kinderaugen verborgenen Pornohefte sind super, die Neonbeleuchtung, die jede Haut aussehen lässt wie die von Graf Dracula ist auch super, denn sie lässt diesen Außenposten der Galaxie in nachtschwarzer Dunkelheit von fern hinter den Zapfsäulen hervorleuchten wie ein großes Glück-durch-Konsum-Ufo.

          Würde „Tanken – mehr als Super“ von ZDFneo nicht als „Sitcom“ annonciert, könnte man die zwölfteilige Serie auch für einen späten Nachklapp der 2002/2003 von Max Hollein begleiteten Konsumkritikausstellung „Shopping“, damals in der Schirn Kunsthalle und in der Tate Liverpool zu sehen, halten.

          Tragik und Komik der immerwährenden Optimierung

          Das Titelbild des „Shopping“-Katalogs, ein Ausschnitt aus Andreas Gurskys Diptychon „99 Cent II“, findet sich direkt vor der Kasse der chaotischen Nachtschicht-Besetzung wieder, die diesen Tankstellen-Laden im doppelten Wortsinn schmeißt. Die Ausstattung der schrägen Komödie aus der Arbeitswelt ist das Bemerkenswerteste der ganzen Unternehmung, die mit Benzinaufnahme kaum je etwas zu tun hat. Wo „Strombergs“ Büro der Vorhof zur Hölle des hierarchischen Miteinanders von Chef und Untergebenen war, wirken die Angestellten der Firma „Super“ inmitten der Verlockungen ihrer Regale existentiell verloren, als fänden sie nicht einmal mehr die Schwelle zur dämonischen Unterwelt, in der verordnete „Workflow-Optimierung“ und „Performance-Steigerungsmechanismen“ ihnen satanische Qualen bereiten könnten. Tausendundein nicht existierende Warennamen und kauflustfördernde Verpackungen wurden für „Tanken“ kreiert, auch darin dem begehbaren Supermarkt und der reproduzierten Schaufensterästhetik der „Shopping“-Ausstellung ähnlich.

          Dass sich „Tanken“ den zivilisatorischen Problemen unserer Zeit von der stockfinsteren Peripherie her nähert, kommt nicht von ungefähr. Vorbild der Drehbücher von Gernot Gricksch und Julia Drache ist die isländische Sitcom-Serie „The Night Shift“ der Firma Sagafilm. Karriere, Zukunft, Verweigerung, Lebensangst, Zuneigung, Liebe – in der Nachttankstelle des Konzerns „Super“ kommt alles zur Sprache und zur Erscheinung – und wird durch groteske Übertreibung, wie sie vielleicht nur Menschen hervorbringen können, die, statistisch gesehen, ja fast alle an Trolle und Feenringe glauben, dekonstruiert. Das Dreißig-Minuten-Format bewahrt die drei aristotelischen Tragödien-Tugenden Einheit der Handlung, der Zeit und des Ortes denn auch nicht zufällig.

          Um endlich zum Witz zu kommen: „Tanken“ funktioniert in den Episoden am besten, in denen es nicht bloß um eskalierende Klamaukzusammenhänge geht, wie etwa in der zweiten Folge „Pornorausch“, in der eine Death-Metal-Band hinter dem Verkaufsraum einen dementen Opi sucht, der inzwischen am neu installierten Server durch Umstecken der Kabel ein unglaubliches Hackerdrama anrichtet, bevor kurz vor Morgengrauen der Vorstandsvorsitzende des „Super“-Konzerns, Dr. Ehrenreich (Alexander E. Fennon), das so verwaiste wie verwüstete Ladenlokal betritt.

          Die sinnstiftende Verbindung von Tragik und Komik stellt beispielsweise die Auftaktfolge „Kundenterror“ her, in welcher der aus der Tagschicht degradierte neue Leiter der Nachtzombies, Georg Bergstedt (Stefan Haschke), der sich auf dem Weg in den Vorstand eines Dax-Konzerns wähnt, erst dem Enkel einer netten Großmutter den Toilettengang mit Hinweis auf den Mindestverzehr verweigert („You pay, you pee“), dann einem ohnmächtigen Mitarbeiter fast einen Luftröhrenschnitt verpasst und später eine Kundin mit Kopftuch (Sara Fazilat) wegen Ausfalls der Kasse im Verkaufsraum einsperrt. Ihr verzweifeltes Winken um Hilfe hält ein versprengter Vorbeikommender für die Vorbereitung eines IS-Bombenanschlags.

          Geglättet werden die Wogen von der geheimnisvollen Tagschicht-Teamleaderin Jana Leleur (Christina Petersen), in die sich die dauerfutternde Aushilfskraft Olaf (Daniel Zillmann) schockverliebt, obwohl diese eher auf den grüblerischen Daniel (Ludwig Trepte) steht, der sich, trotz Yale-Medizin-Stipendium, an der Tanke selbst finden will – bevor seine Freundin Charlotte (Vita Tepel) nächtens auftaucht, um ihn resolut in die Karrierespur zurückzubringen. Das Trio Haschke, Zillmann und Trepte passt. Manche Episode hat noch Luft nach oben. Insgesamt aber macht die – dem Anschein nach eigenständig adaptierte – deutsche Sitcom „Tanken“ Lust auf mehr.

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