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„Solo für Weiss“ im ZDF : Gut, dass im Navi noch die Adresse war

  • -Aktualisiert am

Heimliche Beobachter:Nora Weiss(Anna Maria Mühe)und Simon Brandt(Jan Krauter) Bild: ZDF

Seekrank in Sekunden: Das dritte „Solo für Weiss“ ist die bislang schwächste Episode einer mäßigen Reihe. Soll das noch lange so weitergehen?

          2 Min.

          Ein Solo ist das fürwahr. Anna Maria Mühe verleiht der Lübecker LKA-Zielfahnderin Nora Weiss eine solche Präsenz und Noli-me-tangere-(außer-ich-will-es-)Ausstrahlung, dass man daneben die übrigen Darsteller, in erster Linie sich abstrampelnde Männer, kaum wahrnimmt. Ebenso wenig das marzipanweiche Drehbuch von Mathias Klaschka. Aber auch „kaum“ ist in diesem Fall noch zu viel. Das ist bedauerlich, weil die schwerste Aufgabe bei der Etablierung einer noch weiteren Zwanzig-Uhr-fünfzehn-Krimireihe gut gemeistert wurde. Diese vor unkonventionellen Methoden nicht zurückschreckende Ermittlerin, die in Lübeck-Travemünde in einer eleganten Strandvilla im Bauhausstil lebt (eigentlich ein Häuschen in Heikendorf bei Kiel), gibt eine ordentliche Ankerfigur ab.

          Verwundern darf allerdings bereits, warum man nach dem Zweiteiler, der die Figur einführte, bis zur nächsten Episode beinahe anderthalb Jahre gewartet hat. Immerhin ist diese inhaltlich in sich abgeschlossen. Nora Weiss kehrt im Triumph zurück in den Dienst: Kaum ist ihre Suspendierung wegen Geständniserpressung ausgestanden, bringt sie vor den Augen ihres Vorgesetzten und Immer-noch-Liebhabers Jan Geissler (Peter Jordan) einen Schurken zur Strecke, was ihr Glückwünsche des Staatssekretärs Naumann (Jörg Pose) aus dem Innenministerium einträgt. Dass sie bald auch wieder mit Simon Brandt (Jan Krauter) ermittelt, dem schmucken Kollegen von der Mordkommission, liegt an einem in Heiligenhafen angespülten toten Segler. Dessen Identität gibt Rätsel auf, und das hat mit einer weit zurückliegenden Flucht von Ost- nach Westdeutschland zu tun.

          Nun reiht sich ein erschütternder Drehbucheinfall an den nächsten, eine unfassbar tölpelhaft ausgelegte falsche Fährte, der nach zwei Sekunden auf einem festgemachten Boot seekranke Kommissar, die Idee, Nora Weiss ohne Erklärung plötzlich Gebärdensprache beherrschen zu lassen, eine aufbewahrte Quittung über zwei Kaffee (wer bitte bewahrt so etwas auf?), ein Mietwagen, in dessen Navigationsgerät eine entscheidende Adresse noch eingespeichert ist. Diese führt zu Maik Wosniak (André M. Hennicke), der sich durch deppertes Weglaufen und strafrechtlich nicht weiter verfolgtes, wahrscheinlich vom Autor einfach vergessenes Schießen auf die Polizei grundlos selbst belastet. Gerade als man denkt, es könne nicht plumper werden, findet Nora im Mülleimer ihres Vaters (Rainer Bock) zwei nur pseudoverknüllte Drohbriefe, die exakt aussehen wie in jeder Persiflage. Ausgeschnittene Zeitungsbuchstaben in verschiedener Größe besagen: „Du bekommst Deine Strafe“ und „Verräter“. Bei anschwellender Musik liest uns die Protagonistin beide Botschaften noch einmal vor. Immerhin verzichtet sie dabei auf die Gebärdenfassung.

          Konspirativ: André M. Hennicke und Lina Wendel spielen in „Solo für Weiss“ diesmal auch eine Rolle.
          Konspirativ: André M. Hennicke und Lina Wendel spielen in „Solo für Weiss“ diesmal auch eine Rolle. : Bild: ZDF und www.manju.de

          Erst allmählich gibt sich so das eigentliche Thema dieses Films zu erkennen, der lange Schatten des DDR-Unrechts. Und wieder ist Nora Weiss ganz zufällig persönlich in das Geschehen involviert, denn ihr Vater hatte als ostdeutscher Pastor Menschen zur Flucht verholfen. So jedenfalls lautet die offizielle Version, für die er just jetzt von besagtem Staatssekretär eine Auszeichnung erhalten soll. Bald geht es um informelle Mitarbeiter der Staatssicherheit, alte Akten, offene Rechnungen, noch weitere Beteiligte mit doppelten Identitäten, aber bis auf eine Aussprache zwischen Nora und ihrem Vater wirkt all das papieren, den Figuren wenig glaubwürdig aufgepfropft.

          Regisseurin Judith Kennel und Kamerafrau Nathalie Wiedemann scheinen indes ihre Aufgabe einzig darin gesehen zu haben, Ostholstein als prächtiges Urlaubsziel zu inszenieren. Alle Innenräume sehen aus wie aus dem Einrichtungs-Katalog ausgeschnitten, selbst das Polizeipräsidium scheint es auf einen Architekturpreis anzulegen; vollends aber stehlen die Aufnahmen aus der pittoresken Lübecker Altstadt und das sommerliche Strandflair der vermurksten Handlung die Show.

          Diese ungebrochene Postkartenästhetik beschädigt sogar die Hauptfigur. Wenigstens sind vom Holstentor diesmal nur die Spitzen zu sehen, mag man aufatmend denken. Aber dann, kurz vor Schluss, sitzt es natürlich doch noch breit und bräsig im Bild, gleich zweimal hintereinander. In seiner Elefantenhaftigkeit taugt es durchaus zum Symbol dieses allzu dickhäutigen, auf nichts hinauswollenden Krimiunfalls vor Meeresidylle.

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