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ZDF-Serie „Schuld“ : Vom Flackern an den Rändern des Rechts

  • -Aktualisiert am

Pflichtverteidiger für alle Fälle: Einem seiner Mandanten muss der Anwalt Kronberg (Moritz Bleibtreu) sogar in ein brasilianisches Gefängnis hinterherreisen. Bild: ZDF und Julia Terjung

Oliver Berben und Hannu Salonen legen für das ZDF abermals vier Verfilmungen nach Ferdinand von Schirach an. Das Ergebnis ist superb: intelligente Krimi-Unterhaltung auf der Höhe der Zeit.

          Das Verbrechen schläft nicht, schon gar nicht im deutschen Fernsehen. Die Reflexion über die Bewertung einer Tat, deren Ort in der Regel der Gerichtssaal ist, kommt trotzdem oft zu kurz. Es ist ja auch nicht leicht, die Schwere einer Schuld abzuwiegen, weil dabei das Subjektivste überhaupt zu objektivieren ist. Und der Kriminalfilm will Eindeutigkeit.

          Bei den für ihre ästhetische Raffinesse, schauspielerische Qualität und genaue Dramaturgie zu Recht gefeierten Verfilmungen der Kurzgeschichten Ferdinand von Schirachs, die Oliver Berben seit vier Jahren fürs ZDF produziert, ist das wohltuend anders. Hier dreht sich alles um die Betrachtung einer Straftat in psychologischer, anthropologischer Hinsicht. Wir sehen, wie sich vor unseren Augen Moralvorstellungen auflösen und neu formieren. Wie sich ganz normale Menschen am Scheideweg zwischen Licht und Dunkel impulsiv entscheiden. Wir erkennen, wie schmal die Grenze zwischen Anstand und Schuld, zwischen Strafe und Rache ist und wie leicht man in ein Dilemma gerät, wo Schatten einander überlagern. Selten sahen moralische Ambivalenzen so gut aus.

          Zu den bislang sechs Folgen nach dem Band „Verbrechen“ (2013) und den sechs nach dem Band „Schuld“ (2015) kommen nun weitere vier Episoden hinzu, die sich größtenteils am Band „Schuld“ orientieren. Als Regisseur fungiert Hannu Salonen, der schon sechs der erwähnten Episoden gedreht hat und als kongeniale Ergänzung zum Autor gelten darf. Mehr noch: Erst in diesen Verfilmungen scheinen die im betont ungerührten Protokollstil literarisch zur Marke erstarrten, immer schon an Drehbuch-Plots erinnernden Erzählungen ihre Bestimmung gefunden zu haben. Obwohl die Zusicherung des Autors, seine „Storys“ seien „wahr“, wenn auch nicht „real“, keineswegs ein True-Crime-Zertifikat ist, sondern gerade das Eingeständnis des Ausgedachtseins, umgibt sie der Nimbus des Authentischen. Denn: Juristen lügen nicht. So sieht gutes Marketing aus.

          Für die Filme ist das Sensationsreportagehafte der Vorlage kein Problem. Sie verleihen den spröden Handlungsskizzen Opulenz und Tiefe, schmücken aus und verzichten programmatisch auf jedes Authentizitätsversprechen. Mut zur Lücke findet sich aber auch hier. Eine ganzer Kranz aus Lücken umgibt etwa die Zentralfigur, den Anwalt Friedrich Kronberg: Von Moritz Bleibtreu sympathisch zurückgenommen gespielt, wirkt dieser stoische Streiter für die absolute, deshalb sogar der Gnade fähige Souveränität des Rechts wie eine Kunstfigur zwischen all den von Leidenschaften und Ängsten getriebenen Protagonisten, die ihr Leben vor ihm ausbreiten. Kronberg scheint keine Interessen jenseits der Verteidigung Angeklagter zu haben, keine Laster, keine Freunde, keine Familie. Charakterlich ist das zwar dürftig, aber nicht eigentlich ein Einwand, denn so wird seine herausgehobene, olympische Position unterstrichen: ein Spielleiter gewissermaßen. Das markiert den Abstand zu all den Serien, in denen sich Ermittler in Nebenhandlungen verkämpfen.

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