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ZDF-Serie „West of Liberty“ : Wer braucht noch Spione aus echtem Schrot und Korn?

  • -Aktualisiert am

Spielen die Altagenten: Wotan Wilke Möhring und Matthew Marsh. Bild: ZDF und Frédéric Batier

Das ZDF legt einen internationalen Agententhriller auf, der auf der Höhe der Zeit sein will. „West of Liberty“ wirkt aber ein wenig verstaubt. Daran kann auch Hauptdarsteller Wotan Wilke Möhring nichts ändern.

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          Als RTL vor vier Jahren mit „Deutschland ’83“ eine ambitionierte Kalter-Kriegs-Spionageserie präsentierte, war der Zuschauerzuspruch marginal. Die Hauptfigur Martin Rauch (Jonas Nay) irritierte als DDR-James Bond viele. Das hohe Actiontempo und die Entscheidung der Produzenten und Autoren, Anna und Jörg Winger, ihren Agententhriller mit nicht allzu viel zeithistorischer Tiefenschärfe zu belasten, stattdessen so unterhaltsam zu erzählen, dass auch „Jason Bourne“-Fans auf ihre Kosten kamen, fanden manche „verharmlosend“. Im Ausland feierte man „Deutschland ’83“. Die Serie war international wesentlich erfolgreicher als in Deutschland selbst. Die Fortsetzung gab es nur dank des Einstiegs von Amazon Prime. In „Deutschland ’86“ und „Deutschland ’89“ ging das Spionieren zwischen den Fronten weiter. Selbst in Amerika war die Serie auf einem Kanal im Original mit Untertiteln zu sehen.

          Das ZDF, das mit der Tochterfirma ZDF-Enterprises im weltweiten Koproduktionsgeschäft mitmischt, setzt mit dem schwedisch-englisch-deutschen Spionagethriller „West of Liberty“ nun da an, wo „Deutschland ’89“ aufhörte. Die Internationalität und den Weltvertrieb á la Netflix hat man sich ausdrücklich auf die Fahnen geschrieben. Die Romanvorlage stammt von dem Schweden Thomas Engström, die Drehbuchautorinnen kommen aus England (Donna Sharpe) und Schweden (Sara Heldt). Die Bildgestaltung liegt bei Carl Sundberg, die Spannungsmusik schrieben Ian Person und Kalle Gustafsson Jerneholm. Das Rollenpersonal ist vorwiegend deutsch, englisch und amerikanisch, wobei die Synchronisierung teilweise ungelenk gerät. Die österreichische Regisseurin Barbara Eder setzt vor allem auf Action. „West of Liberty“ wird immer dann zäh, wenn die Figuren Vorzüge und Nachteile von Sozialismus und Kapitalismus erörtern.

          Wir schreiben die Gegenwart. In „West of Liberty“ ist beim maßgeblichen Berliner Agentenpersonal davon allerdings nichts zu merken. Desillusionierung und allgemeine Karrieremüdigkeit herrschen vor. Hochrangige Ex-Stasi-Mitarbeiter machen bezahlte Touristenführungen. Spioniert wird heute digital. Für Manipulationsaktionen und Desinformationskampagnen braucht man andere Typen als den CIA-Oberen GT Berner (Matthew Marsh), der mit seinem grauen Staubmantel verwachsen scheint, oder den Ex-Stasi-CIA-Doppelagenten und kaputten Mittfünfziger Ludwig Licht (Wotan Wilke Möhring). Gutmeinende munkeln zwar, dass Berner den Kalten Krieg „ganz allein gewonnen habe“. Die Europa-Führung der CIA sieht das jedoch anders. Die Vorgesetzte Fran Bowden (Dona Croll) will ihren Berliner Stellvertreter lieber heute als morgen in den Ruhestand schicken. Jungagenten wie Almond (Philipp Karner) und Martha (Anastasia Hille) sägen kräftig an Berners Stuhl. Ein letztes Aufbäumen des Alten: Wenn den Fastfood-Süchtigen nicht das Cholesterin umbringt, dann will er mit seinem alten Weggefährten Licht mit Krawall abtreten. Der, chronisch pleite, ist in seiner Kneipe der beste Kunde und wird von mordbereiten moldawischen Geldeintreibern verfolgt.

          Zupass kommt Berner und Licht da die junge Amerikanerin, die in Berlin verzweifelt den Botschafter Harriman (Richard Dillane) zu erreichen sucht. Faye Morris (Michelle Meadows) war in Marrakesch Zeugin der Ermordung dreier Amerikaner – und eines Arabers, aber der zähle nicht, wie Berner seine Mitarbeiter instruiert. Er engagiert Licht, um Morris aus der Schusslinie zu ziehen. Bald sind andere hinter Morris her, denn sie scheint eine Schlüsselfigur der Whistleblower-Plattform „Hydraleaks“ zu sein. Sie könnte über brisante Information verfügen. Währenddessen schmort Lucien Gell (Lars Eidinger), der umstrittene Kopf von „Hydraleaks“, im Keller der syrischen Botschaft in Berlin seit neun Monaten vor sich hin und hält sich mit Minislip-Yoga und Schlagzeugspielen fit. Erhält er konspirativen Besuch, inszeniert er sich als größenwahnsinniger Messias. Licht, der müde Spion, soll die Erstürmung der Botschaft durch syrische Exil-Oppositionelle orchestrieren. Es kommt zu katastrophalen Zwischenfällen und zur Flucht gen Südschweden, wo Lichts Sohn als Investigativjournalist arbeitet. Was weder Berner noch Licht ahnen: Hinter alten Frontlinien befinden sich neue, unsichtbare.

          „West of Liberty“ bemüht über weite Strecken bekannte Agententhriller-Stereotype und Berlin-Verbrecher-Klischees. Wer die Serie „Im Angesicht des Verbrechens“ von Dominik Graf gesehen hat, könnte fast weinen. Eine Schau ist allein Lars Eidinger als Julian-Assange-Wiedergänger. Möhrings Spionfigur bedient dagegen allein gängige Klischees. Für den deutschen Fernsehmarkt gibt es im übrigen einen Extraschnitt (von Jörg Kroschel). Das ZDF zeigt „West of Liberty“ programmschemagemäß und durchaus ermüdend als Zweiteiler. Alle anderen, und auch die Mediathek, bekommen die sechsteilige Miniserien-Fassung zu sehen, die dramaturgisch weit besser funktioniert.

          West of Liberty, am Sonntag um 22.15 Uhr im ZDF und in der Medieathek.

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