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„Kommissarin Heller“ im ZDF : Der Samstagabendkrimi findet seine Form

Was weiß die Schülerin Jessica (Annika Schrumpf) wirklich? Kommissarin Winnie Heller (Lisa Wagner) befragt sie. Bild: Hannes Hubach/ZDF

Ein skandinavisch angehauchter Look und weibliche Intuition: Fast hatten wir „Kommissarin Heller“ schon unter „netter Versuch“ abgehakt. Der dritte Fall, „Querschläger“ lässt neue Hoffnung schöpfen.

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          Die jüngste, die schrägste, die andersartigste unter den ohnehin schon besonders besonderen Fernseh-Polizistinnen im ZDF - so annoncierte der Sender vom Lerchenberg im vergangenen Frühling seine neue Krimi-Serie „Kommissarin Heller“ mit der fünfunddreißig Jahre alten Schauspielerin Lisa Wagner in der Titelrolle. Wenn es schon fast nur noch Morde und Romanzen zur besten Sendezeit gibt, so wohl der Anspruch, sollen zumindest die Verbrechensgeschichten an Individualität und Niveau gewinnen. Wo der Markt überfüllt ist, sind Alleinstellungsmerkmale nötig.

          Ursula Scheer

          Redakteurin im Feuilleton.

          „Tod am Weiher“, der erste Fall von Winni Heller zeigte, wohin die Reise geht: nach Wiesbaden, zu einer Nachwuchskommissarin, die tatsächlich auf wenig ausgetretenen Pfaden Spuren sucht. Nicht etwa, weil sie etwas anderes täte als all die anderen Ermittler, und auch nicht, weil Winni Heller die Frau mit den Fischen im Wohnzimmer ist. Sondern weil diese Figur eine eigentümliche Mischung aus Bodenständigkeit und Somnambulismus verkörpert, wie ihn das deutsche Fernsehen noch nicht gesehen hat. Lisa Wagner spielte ein Jahrzehnt lang am Münchner Residenztheater, bevor sie ins Fernsehfach wechselte. Sie verleiht der Kommissarin mit dem blonden Kurzhaarschnitt und dem mädchenhaften Gesicht, die Romanen von Silvia Roth entlehnt ist, eine kumpelige Spröde, unter der ein echtes Angefasstsein vom Leben lauert. Das ist natürlich ein Klischee, aber ein gut gespieltes.

          Eine Viertelstunde Atemlosigkeit

          Mit übermäßiger Originalität kann auch die Grundkonstellation, dass diese junge Frau neben Hendrik Verhoeven (Hans-Jochen Wagner), einem grummeligen Kommissar mittlerer Jahre, das Verbrechen jagt, nicht aufwarten. Doch das Gespann hat Potential, weil sich schnell so etwas wie unbedingte Loyalität bei gleichzeitigem Misstrauen entwickelt. Dennoch: Die zweite Folge, „Der Beutegänger“, hing durch, weil es Regisseurin Christiane Balthasar mit den Kameraexperimenten und Farbentsättigungsspielchen übertrieb. Sie sollen „Kommissarin Heller“ einen skandinavisch angehauchten Look verleihen und das weiblich Intuitive (wieder so ein Klischee) in Bilder fassen. Aber wenn die Geschichte rund um die Wirkung einer Perücke eher haarsträubend ist, überzeugt das nicht.

          Drei Polizisten müssen einen Dreifachmord aufklären: Kommissarin Heller mit den Kollegen Hinnrichs (Peter Benedict, l.) und Jens (Trystan W. Pütter).

          Wir hatten „Kommissarin Heller“ also fast schon unter „netter Versuch“ abgehakt. Kommissarin mit Fischen und Schwester im Koma, die stirbt. Doch der dritte Fall, „Querschläger“ (Buch: Mathias Klaschka), lässt neue Hoffnung schöpfen. In ihm läuft Winni Heller zu neuer Form auf.

          Nach einem Amoklauf in einer Schule, die (natürlich) auch Verhoevens Tochter besucht, liegen drei Menschen erschossen auf dem Boden: die Direktorin, eine Schülerin und ein Schüler. Der Täter, ein weiterer Schüler, gilt schnell als ausgemacht - aber so einfach ist es natürlich nicht. Die schrittweise aufgedeckte Kriminalgeschichte - so viel darf verraten werden - gibt ein Mordmotiv her, das eher in die fünfziger Jahre gepasst hätte als in das Hessen von heute. Und die Todesschüsse im Gymnasium stecken die Eltern, mit denen die Kommissarin redet, seltsam lässig weg. Dennoch wird daraus ein ansehnlicher Krimi.

          Exkurse ins Private: Kommissarin Heller trifft ihre Mutter Giesela (Maria Hartmann) am Grab ihrer Schwester Giesela

          Die erste Viertelstunde zeigt, wie ein ambitioniert geschnittener Film (Kamera: Hannes Hubach, Schnitt: Andreas Althoff) Atemlosigkeit erzeugen kann; die Geschichte danach interessiert sich mehr für die Kommissare und ihr Umfeld als für die Tat, und die Szene „Winni in Lebensgefahr“ hatten wir bereits. Aber dass Verhoeven wegen seines angefahrenen Hundes einen Krieg mit dem Nachbarn beginnt und Winni einen SEK-Mann eiskalt nach einer gemeinsamen Nacht abserviert, will man dann doch gerne sehen. Vielleicht erzeugt beim nächsten Mal ja auch der Kriminalfall Spannung.

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