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ZDF-Serie „Herzensbrecher“ : Der neue Pfarrer pilgert in Turnschuhen zum Gottesdienst

  • -Aktualisiert am

Alle für einen, einer für alle: Pfarrer Tabarius (Simon Böer, Mitte) und seine Jungs Bild: Frank Dicks

Die ZDF-Familienserie zieht vom Forst- ins Pfarrhaus und wird sanft renoviert. Mit vorhersehbarer Dramaturgie liefert das Zweite im Positiven wie Negativen nichts Überraschendes.

          Man kann dem ZDF viel vorwerfen, eines nicht: eine kurze Aufmerksamkeitsspanne. Den bei Stammzuschauern äußerst beliebten Familienserien hält man bisweilen über Jahrzehnte die Treue. Wie im Fall von „Der Landarzt“ (seit 1987) und „Forsthaus Falkenau“ (ein Vierteljahrhundert). In mittlerweile 22 respektive 24 Staffeln wechselte dort zwar von Zeit zu Zeit das Personal, die Geschichten aber blieben ähnlich. Etwas aufregend, aber nicht zu sehr. So ging es im „Forsthaus Falkenau“ gerade um einen seltsamen Pilz im Wald, während sich beim Renovieren der Landarztpraxis vor kurzem ein Bauarbeiter an einem herabfallenden Dachbalken verletzte.

          Nun aber hat das ZDF beschlossen, sein Serienprogramm zu verjüngen. Zum großen Ärger der eingefleischten Fans werden beide Serien mit der aktuellen Staffel beendet. Stattdessen können sich die Serienfreunde bald auf „Mad Men“ freuen. „Ein Fall für zwei“ wird mit deutlich verjüngtem Personal neu aufgelegt. Und mit „Herzensbrecher“ zeigt der Sender eine zunächst auf zehn Folgen angelegte Pfarrerfamilienserie, deren Schauplatz zwar äußerst retro ist, deren „Look“ und Erzählweise aber frisch und modern wirken (sollen). Vom naturverbundenen Forsthaus ins evangelische Pfarrhaus. Schon einmal gab es eine „Geistlichenschwemme“ (Das Fernsehlexikon) im deutschen Fernsehen. Ausgelöst wurde sie Ende der Achtziger durch die ARD-Serie „Oh Gott, Herr Pfarrer“ von Felix Huby mit Robert Atzorn und Maren Kroymann, dicht gefolgt von „Pfarrerin Lenau“ und anderen Berufspredigern. Irgendwann verlief man sich. Das Pfarrhaus aber war und ist ein dankbarer Ort für Familienserien. Ein Ort, an dem Werte ventiliert werden (können), das Familienleben ein Muster für das Gemeindeleben abgibt und kleine und große Konflikte des Zusammenlebens auf gemeinschaftsstiftende Art zu verhandeln sind.

          Maßvoller Bruch mit dem Gewohnten

          Pfarrhaus, Forsthaus, Landarztpraxis, familiengeführter Hotelbetrieb: An solchen Orten wird die mehr oder weniger ideale Freundschafts- und Familienkonstellation zum integrativen Gesellschaftskonzept. Fernsehen zum Zurücklehnen. So will es das breite Publikum. Eine dankbare Aufgabe für Drehbuchautoren. Wobei die Ausgestaltung dieses Grundmusters weniger betulich sein kann, als man denkt. Schon die Familie in „Oh Gott, Herr Pfarrer“ war eher unkonventionell. Anfangs wohnte die Pfarrersfrau nicht einmal mit im Pfarrhaus! Doch für jedes dieser Familienprogramme, und da macht „Herzensbrecher“ keine Ausnahme, gilt: „Am Ende wird alles gut. Und wenn es nicht gut ist, ist es noch nicht zu Ende.“ (Oscar Wilde)

          Das ist der Wahlspruch auf Christian Pfannenschmidts Website. Ihm verdankt das ZDF Publikumserfolge wie „Girlfriends“, der Autor steht aber auch für Filme wie „Mandy will ans Meer“ (über Kinderarmut) oder „Willkommen zu Hause“ (über einen beim Afghanistan-Einsatz traumatisierten Bundeswehrsoldaten, gespielt von Ken Duken). Für „Herzensbrecher“ stellt Pfannenschmidt das Bild des emotional gesetzten geistlichen Beistands maßvoll auf den Kopf. Simon Böer spielt mit breitem Lächeln und durchtrainiertem Körper, der bei Gelegenheit wie zum Beweis oben ohne zu sehen ist, den alleinerziehenden Pfarrer Andreas Tabarius, der seine neue Stelle bei einer Bonner Gemeinde antritt und für den sprichwörtlichen frischen Wind sorgen soll.

          Überraschungen bleiben aus

          Etwas, das naturgemäß nicht jedem gefällt. Besonders nicht der verkniffenen Kirchenvorsteherin Brigitte Abels (sehr passend verkörpert von Tamara Rohloff). Vier unglaublich knuffige Söhne im Alter von zwanzig (Gerrit Klein als Medizinstudent) bis sechs (Maurizio Magno als Schulanfänger) wuseln, streiten und herzen sich mit ihrem attraktiven Witwer-Vater durch den Alltag, haben in der ersten Folge mit einem ungewöhnlichen Fall von Kirchenasyl zu tun (die altkluge zehnjährige Paula kettet sich in der Kirche an, weil sie den infantilen Streit zwischen Eltern und Großmutter nicht mehr erträgt) und engagieren eine nette Rothaarige (Annika Ernst) als Gemeindesekretärin.

          Geflirtet wird in dieser Serie auf Teufel komm raus, die Steaks brennen an, der Pfarrer kleidet sich stylish (Neonturnschuhe im Gottesdienst) und fährt ein Liebhaber-Cabrio und einen Range-Rover-Geländewagen. Die Kinder tragen Justin-Bieber-Gedächtnisfrisuren und anderes angesagtes Jungs-Styling. Wenn es zum Schwur kommt, wird Solidarität großgeschrieben. Familienserie verjüngt? Auf jeden Fall. Das Kind dabei mit dem Bade ausgeschüttet? Eher nicht. Die Dialoge sind recht pfiffig, der Schlagabtausch zwischen Pfarrer und Vorsteherin vergnüglich und die Konflikte des Zusammenlebens solide dargestellt. Für die Fans dürfte es, mit etwas Gewöhnung an die neuen Klamotten und den saloppen Ton, vom Forst- ins Pfarrhaus kein allzu krasser Umzug sein.

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