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ZDF-Serie „Eichwald, MdB“ : Dieser Politiker ist wirklich ein Witz

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Der Abgeordnete Hajo Eichwald (Bernhard Schütz, Zweiter v. r.) ist stets auf der Suche nach Themen, mit denen er seine Konkurrenten ausstechen kann. Bild: Daniela Incoronato

Das gibt es nicht alle Tage. Das ZDF stellt eine rasante Polit-Comedy vor. Der Serie „Eichwald, MdB“ gelingt ein Kunststück: Sie macht Politiker sympathisch.

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          Was das gemeine Volk über das süße Leben seiner Parlamentarier denkt, dass es sich nämlich darin erschöpft, von Stehempfang zu Arbeitsessen zu kugeln, dröhnend über das gemeine Volk abzulästern und einmal im Jahr im Bundestag aufzuschlagen, um TTIP durchzuwinken, weil der Sportwagen ja irgendwo herkommen muss, das also, sehen wir jetzt beim ZDF, stimmt gar nicht. Oder besser: Es stimmt haargenau, ist aber eben nur ein kleiner Teil der täglichen Routinen unserer Politiker.

          Die Hauptbeschäftigung eines MdB wie Hajo Eichwald (Bernhard Schütz) – Direktmandat Bochum II, seit dreißig Jahren – besteht darin, Feuer zu löschen, und zwar Feuer, die er selbst gelegt hat bei dem stets nach hinten losgehenden Versuch, mit Intrigen („Irgendwas mit Nutten oder ’ne Affäre, aber dann mit ’ner richtig Hässlichen“) oder mit undurchdachten Ratzfatz-Kampagnen wie einer Initiative für „Ekelbilder von fetten Menschen auf Fast-Food-Verpackungen“ Konkurrenten und Kritiker wegzubeißen, die ihm den faul verdienten Lebensabend bei Stehempfängen und Arbeitsessen noch streitig machen könnten.

          Eine Strategie immerhin beherrscht Eichwald, der selbst kein einziges Ideal besitzt und dennoch schwer sympathisch ist, im Schlaf: Wenn die Hütte brennt, behauptet man einfach, das zuvor Gesagte sei Ironie gewesen („weil wir das staatsmäßig total übergriffig fänden, wenn man fette Menschen auf Fast-Food-Schachteln abbildet“). Manchmal ist diese Polit-Komödie nach einem Buch von Stefan Stuckmann schon verdammt nah dran an der Realität.

          Dass es direkt, rasant und saftig wird, weiß der Zuschauer schon nach Sekunden, denn der Einstieg ist hart und unvermittelt. Wir erblicken den Bundestag, einen Dienstwagen, und schon fliegen uns folgende Sätze um die Ohren: „Bin so froh, dass ich die fette Sau nicht mehr sehen muss. Weißt du, wie wir den Sarg zugekriegt haben? Die Landesgruppe musste sich auf den Deckel stellen, und dann ist der Banz mit’m Akkuschrauber drum rum.“

          Was den sonst dauerfluchenden Eichwald im Gespräch mit dem gutmütigen, im Dienst ergrauten und auf Schnäppchen aller Art abfahrenden Mitarbeiter Berndt (Rainer Reiners) dermaßen freut, ist das Ableben des Parteifreunds Schulz, denn noch weiß er nicht, dass über die Landesliste ein smarter Kollege aus seinem eigenen Wahlkreis nachrücken wird, der sogar – Eichwald hat dafür die Jungspunde Sebastian (Leon Ullrich) und Julia (Lucie Heinze) – selbst mit Facebook und tumblr umgehen kann: eine echte Gefahr für das Direktmandat. Da muss man schmutzig spielen. Die nächste Schelte von der selbstherrlichen Fraktionsvorsitzenden Birgit Hanke (Maren Kroymann) ist programmiert.

          Die Mini-Serie aus dem ZDF-Formatlabor Quantum orientiert sich in Setting und Handkamera-Optik an dem BBC-Vorbild „The Thick of It“ und an dessen amerikanischem HBO-Spin-off „Veep“ (beide erschaffen vom schottischen Satiriker Armando Iannucci), setzt aber unter der Regie von Fabian Möhrke stärker auf Tempo, Pointe und Gutmütigkeit. Der Humor funktioniert, weil er aus den liebenswürdig naiven Figuren (alles andere als Francis Underwood) selbst entwickelt wurde und von sehr guten Schauspielern lässig unterspielt wird. Dass man dabei nur von Witz zu Witz denkt, die Handlung also ständig wieder auf null stellt, statt größere Bögen zu konstruieren, ist die einzige Schwäche dieser sehenswerten Kurzserie über Mittelmaß in Maßanzügen.

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