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ZDF-Krimi mit Superheldin : Ihr Name ist Kohr, Sarah Kohr

  • -Aktualisiert am

Haben einen Plan: Staatsanwalt Mehringer (Herbert Knaup) und Sarah Kohr (Lisa Maria Potthoff. Bild: ZDF und Marion von der Mehden

Auch bei ihrem dritten Einsatz macht Lisa Maria Potthof als supercoole Einzelkämpferin der Polizei eine gute Figur. Das Drehbuch aber bietet kein Quantum Trost.

          Dass Agent 007 einen neuen Gegenspieler bekommt, geht in Ordnung. Aber ausgerechnet den sensiblen Rami Malek? Am neuen „Bond“-Drehbuch soll zudem lange herumgedoktert worden sein, um mehr hintersinnigen Humor unterzubringen. Was ist nur aus der guten alten Action-Klamotte geworden, in der stumpf perfide Gauner, die um den schlechtesten Russenakzent wetteifern (ein Hoch auf Walter Gotell und Robbie Coltrane), einen gigantischen Anschlag planen? Keine Sorge, das gibt es alles noch – und läuft heute, gendergerecht rundgeknüppelt, im ZDF.

          Timo Berndt jedenfalls stürzt sich in seinem zweiten Buch für die Geheimermittlerin Sarah Kohr, eine neben der Spur laufende Mitarbeiterin des Kriminaldauerdienstes, kopfüber in Gut-Böse-Trash. War schon der Vorgängerfilm eine Action-Farce, wenn auch noch mit Hamburger Apfelzüchter-Lokalkolorit, servieren uns Berndt und der neu als Regisseur eingestiegene Christian Theede mit dem aktuellen, ganz auf Tempo setzenden Fall für die Hamburger Einzelkämpferin endgültig altes Erdnussflipsfernsehen, und das in erschreckend hochkarätiger Besetzung.

          Es beginnt nach bester Bond-Manier in medias res. Kohr, von Lisa Maria Potthoff so kraftvoll wie pokergesichtig verkörpert, schaltet mit geübten Schlägen drei bewaffnete Personenschützer aus, um dann – unsereins wäre schon am zackigen Auftreten der stabil wirkenden Tür gescheitert – einen Mann mit zwei Schüssen niederzustrecken. Anders als die Beamten zuvor spielte Letzterer, ein Kronzeuge gegen einen ukrainischen Waffenschieber, freilich mit, denn die Aktion war eine von Staatsanwalt Mehringer (Herbert Knaup) an Innensenator Bader (Devid Striesow) vorbei organisierte Schauveranstaltung. Ausgetrickst werden soll Oberschurke Lasarew (ein unterforderter, zurückhaltend das slawische „R“ rollender Ulrich Matthes). Der nämlich hat aus der Untersuchungshaft heraus seine Männer die Tochter eines Polizisten entführen lassen. Seine Forderung lautet Ermordung des Zeugen gegen das Leben der Tochter: So platt läuft das bei Gangsters. Als originellen Übergabeort hat Lasarew, der trotz Fuchsschläue dann doch jeden Bluff glaubt (zumal in Bezug auf seine Familie), den Hamburger Hafen vorgesehen, selbstverständlich mit bestem Blick auf die Elbphilharmonie.

          Unterste Kalaschnikow aber ist es natürlich, dass der ehrlose Schurke gar nicht vorhatte, das Mädchen laufen zu lassen. Die hemmungslos in Russenakzent badenden Handlanger Egor (Stipe Erceg) und Juri (Anton Levit) sollen die Angekettete umbringen, kommen bloß nicht dazu vor lauter Schurkendialogen: „Polizeifunk. Es gab einen Toten. Die quatschen da über nichts anderes.“ „Bist du sicher? Kann doch alles Mögliche sein. Ist eine große Stadt.“ „Zwei Schüsse in die Brust, sagen die. So macht man das.“ So geht das weiter und weiter, einfach herrlich.

          Spitzfindig ließe sich einwenden, dass die beiden Ukrainer, statt zu radebrechen, auch ukrainisch miteinander sprechen könnten oder dass es seltsam ist, wenn sich Sarah Kohr nur einmal kurz schütteln muss, nachdem ihr ein Kantholz mit voller Wucht gegen den Hinterkopf gezimmert wurde, noch seltsamer aber, dass die entsprechende Wunde dann zwanzig Zentimeter tiefer liegt. Aber wir sind hier ja nicht bei Agent Null-Null-Hintersinn. Unsere Heldin geht noch aus jedem Kugelhagel unverletzt hervor. Alte Schule ist auch ihr abstruser Flirt mit der Gegenseite, der nicht nur zu Ian Fleming wohl gefallender Handschellenerotik führt, sondern dazu, dass auch Golo Euler noch einen (halben) Ukrainer spielen darf. Er sorgt für die sympathisch gefühlvollen Momente des Films.

          Entworfen hat die abgebrühte, emotional distanzierte Polizistin, die im Jahr 2014 noch ein Verhältnis mit dem seither liebeskranken Staatsanwalt unterhielt, der Autor Stefan Kolditz. Bei ihrem Debüt – auch damals war ein Kind in Gefahr – ging es jedoch vor allem um Intensitäten, um Traumata und Beziehungen, Flucht und Befreiung. Von solcher Vielschichtigkeit ist der Lasarew-Fall weit entfernt. Hier läuft alles, rasant geschnitten, warmfarbig und gutaussehend, auf einen mehrstufigen Showdown zu. Ohne großen Anschlag machen es irrationale Ostschurken bekanntlich nicht.

          Dass sich das Ergebnis locker weggucken lässt, liegt auch daran, dass die Darsteller offenbar Gefallen daran gefunden haben, diesen nostalgisch naiven Rache-Plot mit vollem Einsatz zu spielen. Lisa Maria Potthoff, die alle Stunts selbst bestreitet, aber gerade in den leisen Szenen beeindruckt (altes Amazonen-Schicksal: Einsamkeit), definiert dabei neu, was ein Bond-Girl heute ist: Agens, nicht Beute.

          Sarah Kohr – Das verschwundene Mädchen läuft heute, Montag 6. Mai., um 20.15 Uhr im ZDF.

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