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Staatsanwalt Alberto Nisman : Ein toter Ermittler und jede Menge Fragen

  • -Aktualisiert am

Unklar: Wurde der argentinische Staatsanwalt Alberto Nisman ermordet? Bild: ZDF und brindicci, marcos

Was wusste Staatsanwalt Alberto Nisman über den Anschlag auf eine jüdische Gemeinde in Buenos Aires? Am Tag, bevor er im argentinischen Parlament aussagen sollte, wurde er tot aufgefunden. Das ZDF rollt den Fall auf.

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          Es beginnt an diesem 18. Januar 2015 wie in einem klassischen Krimi: Ein Notruf bei der Polizei, eine Frau bittet um Hilfe. Sie befindet sich in der Wohnung ihres toten Sohnes, des Sonderstaatsanwalts Alberto Nisman. Er war mit der Aufklärung eines brutalen Terroranschlags betraut: Am 18. Juli 1994 hatte ein Bombenanschlag auf das jüdische Gemeindezentrum in Buenos Aires 85 Menschen getötet und Hunderte verletzt. Seine Ermittlungen führten nach Iran und zur Hizbullah in den Libanon als potentiellen Urhebern. 2007 setzte Interpol iranische Staatsbürger auf ihre Fahndungsliste, darunter einen späteren Verteidigungsminister. Nisman wurde in Argentinien zu einem Star. Acht Jahre später hatte sich das geändert: Wenige Tage vor seinem Tod bezichtigte er unter anderen die damalige Präsidentin Cristina Kirchner des Landesverrats. Sie habe die Verantwortung Irans für das Verbrechen vertuscht. Am 19. Januar 2015 sollte er dazu vor dem Parlament aussagen. Einen Tag zuvor liegt er tot im Badezimmer, neben sich eine Pistole.

          In „Nisman – Tod eines Staatsanwalts“ beschäftigt sich Justin Webster mit diesem Fall, dessen Natur scheinbar offen zutage liegt: Ein strahlender Held kämpft gegen seine Feinde, Moral steht gegen Unmoral, Recht gegen Unrecht. Die von der argentinischen Justiz beauftragte Staatsanwältin fand keinen Beweis für ein Fremdverschulden an Nismans Tod.

          Was liegt näher, als einen Mord zu vermuten? Entsprechend argumentierten Unterstützer Nismans. Einen solchen Film hätte Webster machen können, hat er aber nicht. Vielmehr bemerken die Zuschauer seine zunehmende Verunsicherung. Er zeigt die Fallstricke der Geschichte auf. Sie reichen von der polarisierten Innenpolitik in Argentinien bis zu den weltpolitischen Zusammenhängen. Webster bekam viele Akteure vor die Kamera: Politiker, Journalisten und Geheimdienstagenten, Juristen und Ermittlungsbeamte. Zeugen, die später zu Angeklagten wurden, erscheinen genauso wie Angehörige der Opfer. Bisweilen bräuchte der Zuschauer ein Glossar, um das alles einzuordnen. Bezeugt das den komplizierten Sachverhalt, oder hat der Autor den Überblick verloren?

          Längst auf verlorenem Posten

          Webster stellt Alberto Nisman in den Mittelpunkt. Das ist ein Problem, weil es den Blick verstellt. Ein Soldat im Schützengraben sieht den Krieg anders als der General im Hauptquartier. Dabei war Nisman kaum mehr als ein Bauer in einem Spiel, das ihm über den Kopf wuchs. Sein wichtigster Informant war die graue Eminenz des argentinischen Geheimdienstes, eine zwielichtige Figur namens Antonio Stuisso. Jemand, der Informationen beschaffte und mit Desinformation Politik machte. „Pass auf“, so der Rat von berufener Stelle, „du spielst jetzt bei den Großen vom Geheimdienst mit.“ Das sagte ein früherer Geheimdienstler zu Nisman. An anderer Stelle wird eine Erkenntnis vermittelt, die nicht nur in Buenos Aires gilt: Wer einmal „Einblick in die Welt der Geheimdienste“ hatte, sei „allem gegenüber misstrauisch“. Dafür braucht man keine Verschwörungstheoretiker, die tatsächlichen Verschwörungen reichen aus.

          Sie sind leider schwer zu beweisen. War es Mord oder Suizid? Die Antwort ändert sich mit den politischen Konjunkturen. Zurzeit wird in Argentinien eine Mordermittlung durchgeführt. Webster kontrastiert die Perspektiven: Ist der Zuschauer von der Mordthese überzeugt, erläutert die Gegenseite ihre Position, und man kommt wieder ins Grübeln.

          Aber ist das überhaupt wichtig? Nisman klagte die Präsidentin des Landes zu einem Zeitpunkt an, als die Welt auf Entspannung setzte. Es war die Zeit des Atomabkommens mit Iran. Die argentinische Regierung wollte die alten Geschichten offenbar zu den Akten legen. An guten Handelsbeziehungen hatte der notorische Pleitekandidat auch ein Interesse. Das kann man politisch kritisieren, es reichte aber nicht für eine juristische Anklage. Nisman stand längst auf verlorenem Posten. Wusste er überhaupt noch, woran er war? Daran gibt es Zweifel. So ist diese Dokumentation ein Lehrstück über die schwierige Suche nach der Wahrheit. Das ist für den Zuschauer anstrengend, aber es lohnt. Das Glossar findet man heutzutage schließlich im Internet.

          Die beiden ersten Folgen von Nisman – Tod eines Staatsanwalts laufen an diesem Freitagabend um 20.15 Uhr bei ZDFinfo.

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