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TV-Serie „It’s a Sin“ : Ich werde leben

Szene aus „It’s a Sin“ Bild: dpa

„It’s a Sin“ ruft den Beginn der Aids-Pandemie auf. Die britische Miniserie ist eine Ode an die homosexuelle Emanzipationsbewegung und das London der Achtzigerjahre.

          3 Min.

          Ritchie will einfach nur weg. Weg von der Isle of Wight, seinem strengen Vater, der Perspektivlosigkeit in Liebesdingen und Karrierefragen. Sein Traum sind die Bühnen des Londoner West Ends. Er will Schauspieler werden. Als er endlich auf der Fähre gen Festland steht und ihm später die britische Hauptstadt durchs Zugfenster entgegenscheint, fühlt er sich der Erfüllung seiner Träume schon ganz nah. Das erinnert an den Song „Small Town Boy“ von Bronski Beat – Ritchie ist schwul, der Umzug für ihn eine Befreiung. Doch dann muss Colin, einer seiner Freunde, ins Krankenhaus. Kein Arzt weiß, welche Krankheit ihn schwächt. Die ersten Gerüchte über eine mysteriöse Infektion namens Aids breiten sich aus.

          Kevin Hanschke
          Volontär.

          Im Jahr 1981 setzt die Handlung der britischen Miniserie „It’s a Sin“ ein. Sie erzählt vom Beginn der Aids-Krise in London und von deren Auswirkungen auf das Leben einer Gruppe von Freunden. Russell T Davies hat die fünfteilige Serie, die in Großbritannien auf Channel 4 lief und bei uns auf Starzplay startet, geschrieben: der Mann, der als Produzent und Autor hinter „Doctor Who“ und der Dramaserie „Queer as Folk“ steht. Hier zeigt er die teilweise autobiographisch geprägte Geschichte eines bunten Quintetts.

          Eine gelungene Ode an die schwul-lesbische Emanzipationsbewegung

          Ritchie lernt auf der Schauspielschule Jill kennen, mit der er in eine Wohngemeinschaft zieht, die sie „Pink Palace“ nennen. Lange Partynächte und freie Liebe bestimmen das Leben in der WG. Weitere Mitbewohner ziehen ein: Roscoe, der mit seinen religiösen Eltern aus Nigeria gebrochen hat, der schüchterne Schneiderlehrling Colin aus Wales und Ash, den die anderen in einer Bar kennenlernen. Sie stammen aus unterschiedlichen Milieus, doch eint sie die Sehnsucht nach Zugehörigkeit. Die Freunde werden zur Ersatzfamilie, denn auch Ritchie, gespielt von dem „Years and Years“-Sänger Olly Alexander, traut sich nicht, sich vor seinem Vater zu outen.

          Die Serie umfasst einen Zeitraum von zehn Jahren. Die Figuren werden erwachsen, finden erste Jobs und erste Beziehungen. Die fünf sind voller Optimismus. Das endet abrupt – mit dem ersten Aids-Toten. Davis zeigt die Vorurteile, mit denen HIV-Infizierte zu kämpfen hatten, das Schweigen der Gesellschaft, das Leid der Angehörigen, wenn beispielsweise Colins Mutter ihren schwer kranken Sohn pflegt.

          Mit „It’s a Sin“ nähert sich Davies auch seiner eigenen Jugend und dem Umgang mit der Aids-Krise in seinem Freundeskreis. Vieles sei tatsächlich so passiert, erzählte er im Interview mit dem Guardian. Die WG organisiert einen Straßenprotest für Aids-Aufklärung mit, den Polizisten niederknüppeln. Colin wird von einer Menschenrechtsanwältin verteidigt, um der Isolation des Krankenhauses zu entkommen. Das Gerichtsverfahren ist an Aids-Prozesse aus den achtziger Jahren angelehnt, mit denen Angehörige von Infizierten um Besuchserlaubnisse kämpften. Daneben glänzt Stephen Fry in der Rolle eines Parlamentsabgeordneten (für den es ein reales Vorbild bei den Tories gab), der seine sexuelle Orientierung verbirgt, aber eine Affäre mit Roscoe eingeht. Neil Patrick Harris hingegen spielt einen gealterten Dandy im Maßanzug, der Colin unter seine Fittiche nimmt und ihm das Nachtleben zeigt. Doch eines Tages ist er wie vom Erdboden verschwunden. Colin entdeckt ihn nach langer Suche im Krankenhaus wieder. Auch er hat sich mit dem Virus infiziert.

          Der Handlungsbogen der Serie ist vorhersehbar, die Dialoge wirken mitunter gestelzt, und doch ist es eine gelungene Ode an die schwul-lesbische Emanzipationsbewegung und das London der Achtzigerjahre. „It’s a Sin“ ruft zudem die Zeit der die Gesellschaft polarisierenden Thatcher-Ära auf, in der London Zentrum der Populärkultur ist und dennoch 1986 mit der „Clause 28“ diskriminierende Gesetze gegen Homosexualität eingeführt wurden, die die HIV-Aufklärung erschwerten.

          In den Nachtclubs von Soho ertönen trotzdem die Synthiepop-Melodien der Pet Shop Boys, die der Serie den Namen geben. Die Szene tanzt zu „Love will tear us apart“ von Joy Division oder „Tainted Love“ von Soft Cell. London als Epizentrum der schwul-lesbischen Community Großbritanniens war stark von der Aids-Pandemie betroffen. Das Wechselspiel von Leben und Tod prägt jede Folge – die Clique lebt ein vergleichsweise freies Leben, obwohl die äußeren Bedingungen immer schwieriger werden. Es gibt Momente der Hoffnung und Ritchies Wunsch, den er beim Vorsprechen an der Schauspielschule äußert: „Ich will einfach nur glücklich sein.“

          It‘s a Sin, ab Sonntag bei Starzplay.

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