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„High Score“ auf Netflix : Vom Beginn der Liebe zu Pixeln

  • -Aktualisiert am

Der Künstler Yoshitaka Amano zeichnet seine Charaktere der Final-Fantasy-Reihe nach. Bild: Courtesy of Netflix

Netflix’ liebevoll gestaltete Dokumentationsserie „High Score“ zeigt die Anfänge des Videospiels und dessen stille Helden. Die Stimme des Erzählers dürfte Zockern bekannt sein.

          3 Min.

          Es bedarf heute keiner großen Transferleistung mehr, um voll und ganz in die Welt eines Computerspiels einzutauchen. Spieler sind an riesige Landschaften gewöhnt, oft nahezu fotorealistisch, mit Geräuschkulissen, die quakende Frösche oder brüllende Monster zum Leben erwecken, als wären sie direkt neben dem Wohnzimmersessel. Man kann mit Avataren spielen, die aussehen wie man selbst oder eben man selbst in seinen schönsten Träumen, fliegen, tauchen, kämpfen, springen, in flüssigen Bewegungen mit intuitiver, also verhältnismäßig leicht zu erlernender Steuerung. Sich davon nicht mitreißen zu lassen ist eher die Herausforderung.

          Das war nicht immer so. In der Doku-Serie „High Score“ zeichnen Melissa Wood und France Costrel nach, wie sich Computerspiele in nicht einmal fünf Jahrzehnten von ein paar beweglichen Pixeln zum Leitmedium und jener Multi-Milliarden-Dollar-Industrie von heute entwickelt haben. Es ist eine Geschichte, die in Code geschrieben wurde, doch dessen Sprache und Befehle sowie der Prozess ihrer Entstehung lassen in den Köpfen der meisten Zuschauer kaum anschauliche Bilder entstehen. Wood und Costrel haben für ihre Version der Geschichte daher Menschen ausgewählt, die ihre eigene Geschichte mit dem Medium Revue passieren lassen, emotional und zugänglich, animiert im Stil der Spiele der jeweiligen Zeit, erzählerisch enthusiastisch begleitet von Charles Martinet, der Stimme von Super Mario persönlich.

          Das Gefühl des Aufbruchs darstellen

          Unter den Porträtierten sind Giganten der Branche wie der Space Invaders-Erfinder Tomohiro Nishikado, der mit seinem Arcaden-Spiel einen derartigen Hype auslöste, dass in ganz Japan die 100-Yen-Münzen knapp wurden. Oder Nolan Bushnell, der sich als Gründer der Firma Atari den Spitznamen „Godfather of Videogames“ eingehandelt hat: Das Atari Video Computer System war mit 30 Millionen verkauften Exemplaren die mit Abstand erfolgreichste Spielekonsole der späten siebziger und frühen achtziger Jahre. Auf dieser Plattform brachte es auch Howard Scott Warshaw zu zweifelhaftem Ruhm, als Entwickler von „E.T. the Extra-Terrestrial“. Dieses wurde häufig als das schlechteste Spiel aller Zeiten bezeichnet und für den temporären Crash einer ganzen Industrie verantwortlich gemacht.

          Solche Schlüsselfiguren sind aus der Kulturgeschichte von Videospielen nicht wegzudenken. Spannend sind aber vor allem die oft unbekannten Menschen, die die Filmemacherinnen mit der gleichen Aufmerksamkeit und Sendezeit bedenken wie die berühmten Pioniere. Jerry Lawson zum Beispiel, ein afroamerikanischer Entwickler, der für Atari unter anderem das System der austauschbaren Spiele erfand und so die Konsolen-Industrie revolutionierte. Oder Ryan Best, der Entwickler von „GayBlade“, des ersten Rollenspiels mit Themen aus der queeren Community. Sein Endgegner war der republikanische Politiker Pat Buchanan, der 1983 AIDS als „Vergeltung der Natur für widernatürliche Handlungen“ bezeichnete. Oder Shaun Bloom, der vom besten Job seines Lebens erzählt: Als Spieleberater saß er nach der Schule mit einer Horde Gleichaltriger an den Telefonhörern von Nintendo und beriet Spieler, die an der heimischen Konsole nicht mehr weiterkamen. Denn – was für die Generation Youtube heute undenkbar ist – blieb man früher irgendwo hängen, konnte das Spiel nie beendet werden. Woran wiederum die Entwickler kein Interesse hatten, denn schließlich sollte schnell das nächste Spiel gekauft werden.

          Daraus, dass Spiele immer auch Kommerz waren, wird kein Hehl gemacht. Der Fokus von „High Score“ liegt aber klar auf der emotionalen und künstlerischen Ebene. In leidenschaftlich aufgeladenen Einstellungen zeichnet der Künstler Yoshitaka Amano seine Charaktere der Final-Fantasy-Reihe nach, und der Komponist Hirokazu Tanaka erklärt, wie er die legendären Geräusche entwickelte, zu denen Super Mario sich 1981 seinen Weg über die rollenden Fässer zum brutalen Affen Donkey Kong bahnte, um die Prinzessin zu befreien. Das sind nur kleine Steine eines riesigen Kulturmosaiks, doch in sechs Episoden die komplexe Geschichte eines ganzen Mediums wiederzugeben ist eine unmögliche Aufgabe.

          Wood und Costrel gelingt es aber anhand ihrer Auswahl unterschiedlichster Zeitzeugen, das Gefühl des Aufbruchs, den Rausch der Innovation und auch der Goldgräberstimmung darzustellen, die ab den siebziger Jahren vor allem in Tokio und San Francisco geherrscht haben. Und sie vermitteln, wieso auch damals schon, als Figuren aus nicht mehr als ein paar Pixeln bestanden und sich so manches Abenteuer nur in kurzen Sätzen auf einem Bildschirm abspulte, Spiele ebenso in Ekstase versetzen konnten wie heute unter der modernsten Virtual-Reality-Brille.

          High Score ist auf Netflix abrufbar.

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