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„Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“ : Sie nennen es Modernisierung

Die Kinder vom Bahnhof Zoo (von links): Lea Drinda, Lena Urzendowsky, Jana McKinnon, Michelangelo Fortuzzi und Bruno Alexander. Bild: Foto Constantin Television GmbH / Amazon Studios / Soap Images

„Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“ war ein Buch über das Jungsein in den Siebzigern. Kann man aus dem Stoff überhaupt eine Coming-of-Age-Story für die Gegenwart machen?

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          Wenn Produzenten und Regisseure versichern, dass sie eine „universelle und zeitlose Geschichte“ erzählen wollen, die zugleich „große Aktualität“ habe, wenn der Kameramann ergänzt, dass die Bilder „zeitlos wirken“, dann wird man leicht misstrauisch. Zwischen Immer, Überall und Jetzt könnte fast die Orientierung verlorengehen, wenn man nicht wüsste, dass der Produzent Oliver Berben und der Regisseur Philipp Kadelbach sich den größten bundesrepublikanischen Sachbuch-Bestseller vorgenommen haben, der zwischen 1978 und 1981 einundneunzig Wochen lang in den Charts stand. Ein Buch, das fast jeder, der seit den achtziger Jahren eine Schule besucht hat, auch im Deutsch- oder Sozialkundeunterricht kennengelernt hat, weil gewarnt werden sollte vor dem Weg von Haschisch zu Heroin, kurz „H“ oder „Äitsch“: „Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“. Und vermutlich haben nach den fünf Millionen Kinobesuchern von „Christiane F. – Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“ im Jahr 1981 noch weitere Millionen den Film von Uli Edel gesehen.

          Peter Körte

          Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Heute ist nicht nur bekannt, dass das F. für Felscherinow steht und Christiane als Einzige aus ihrer Clique noch am Leben ist, inzwischen 58 Jahre alt. Für die achtteilige Serie, die nun nach dem Buch entstanden ist, ist man zum alten Titel zurückgekehrt, denn der Blick ist weiter: Nicht nur geht die Serie den Geschichten von Christiane F.s Freunden nach, auch der Erzählzeitraum ist ausgedehnter als im Kinofilm, der

          Die Produktion hatte Zugang zu den zahlreichen Tonbändern, auf denen die Reporter Kai Hermann und Horst Rieck 1978 Gespräche mit Christiane F. und einigen ihrer Freunde aufzeichneten. Die Bänder dienten als Grundlage für die Fortsetzungsgeschichte im „Stern“, der damals noch eine Illustrierte war, die man lesen konnte. Aus der Story wurde das berühmte Buch, und wer um 1980 nach West-Berlin fuhr, der kam nicht nur am Bahnhof Zoo an; der besichtigte den Bahnhof, als wäre er eine Sehenswürdigkeit wie der Funkturm und Schloss Charlottenburg, nur mit mehr Schauereffekten und voyeuristischen Reizen.

          Christiane F.s Bahnhof Zoo, den der beinahe dokumentarische Stil von Uli Edels Film 1981 noch konservierte, gibt es heute nicht mehr, so wie es dieses ganze West-Berlin nicht mehr gibt, diese absterbende graue Stadt, in der ein Farbfilm aussah, als wäre er in Schwarzweiß gedreht. Von diesem düsteren Look musste man sich jetzt natürlich absetzen, sonst wäre Amazon Studios wohl kaum als Finanzier eingestiegen, und das Serienformat mit seiner horizontalen, breit angelegten Erzählweise, die ein ganzes Ensemble von Charakteren braucht, ist sicher eine sinnvolle Lösung.

          Es war auch eine gute Idee, weniger bekannte junge Schauspielerinnen und Schauspieler zu verpflichten (was der Kinofilm damals übrigens auch tat). Man schaut nun in interessante, einprägsame Gesichter, wobei Lena Urzendowsky als Stella, Lea Drinda als Babsi oder Michelangelo Fortuzzi als Benno sogar noch überzeugender wirken als Jana McKinnon in der Rolle der Christiane F.; in Gesichter, in denen sich Lebensgier und schwindende Unschuld spiegeln, Hoffnung, Träume und Verzweiflung, Kälte, Sucht und physischer Verfall.

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