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Amazon-Serie „Hanna“ : Sie schlägt schneller als ihr Herz

Brutal langsam: Schnell sind bei „Hanna“, gespielt von Esme Creed-Miles, nur die Schläge. So bleibt viel Zeit für Fragen, die man sich besser nicht stellt. Bild: Amazon

Da werden Mädchen zu Hyänen: Die Erzählung von „Hanna“, einer künstlichen Superfrau aus dem Genlabor, funktioniert als Film. Als neue Amazon-Serie jedoch fährt sie gemächlich an die Wand.

          2 Min.

          Das Schöne an Actionfilmen ist, dass sie nicht stehen bleiben. Jedes Mal, wenn man sich fragen möchte, ob das, was man gerade gesehen hat, eigentlich stimmt, sind sie schon wieder eine Ecke weiter, rennend, schießend, prügelnd, ein Projektil auf dem Weg zum Einschlag, ein Flugkörper auf der Flucht vor der Plausibilität, und wenn es dann knallt (und es knallt immer), ist jeder vernünftige Zweifel beseitigt, denn darin, in der Überwindung des Zweifels, liegt ja das Wesen der Action: Sie zeigt, was nur im Kino geht, weil draußen, in der wirklichen Welt, die Schwerkraft regiert. Und weil der Mensch zerbrechlich ist und kein Superwesen wie Hanna, das Mädchen aus dem Genlabor.

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Alles aber ändert sich, sobald aus der Geschichte eine Serie wird. Der Film, „Hanna“ von Joe Wright – bei uns hieß er „Wer ist Hanna?“ –, dauerte 2011 hundert Minuten, die Amazon-Serie aber dauert vierhundert, und um diese lange Zeitspanne zu füllen, muss vieles erzählt werden, was unter Action-Gesichtspunkten eigentlich unwichtig ist. Der Bildschirm wird hell, und schon beginnen die Verständnishilfen, denn das Auto, das, verfolgt und beschossen von anderen Autos, auf einen Waldrand zurast und die Frau, die darin stirbt, gehören zur Vorgeschichte, die Wrights Film in einem kurzen Dialog abgehandelt hat; Sarah Adina Smith hingegen, die Regisseurin der Serie, reibt sie uns in die Augen.

          Dann sind wir im Gebirge, wo Hanna, inzwischen fast fünfzehn, mit ihrem Ziehvater lebt, und auch hier hat es die Serie alles andere als eilig. Sie zeigt uns, wie die beiden in einer geräumigen Höhle hausen, einer Art SUV-Version von Lascaux, dann schickt sie Hanna auf einen Ausflug und noch einen, sie trifft einen Jungen, wird von der Polizei erwischt und muss fliehen, und schließlich ist die Robinson-Idylle vorbei. Blut fließt im Wald. Ende der ersten Episode.

          So geht das acht Folgen lang, und während das Amazon-Vehikel im Wesentlichen in der Reifenspur des Kinofilms dahinrollt – nur der Anfang, der in „Wer ist Hanna?“ in Lappland spielt, ist aus Kostengründen in die Hohe Tatra verlegt –, haben wir Zeit, das zu tun, was man in Actiongeschichten niemals tun darf: Fragen zu stellen. Warum braucht ein Supergirl eigentlich so wenig Nahrung und Schlaf? Warum sind Hannas Verfolger so gottverdammte Tölpel? Bei Joe Wright wurde das Mädchen von Saoirse Ronan gespielt, die anschließend eine große Filmkarriere begonnen hat. Esme Creed-Miles, die Hanna in der Serie verkörpert, ist ihr ebenbürtig, sie strahlt jene feingliedrige Brutalität aus, von der reale Mädchen träumen, und auch Mireille Enos und Joel Kinnaman, die Darsteller der Gegenspielerin und des Ziehvaters, können ihren Vorbildern im Kino mühelos das Wasser reichen.

          Das Einzige, was nicht Schritt hält, ist die Serie selbst, weil sie eben viel zu viel Wasser hat, die Fluten der Oder (die Kinnamans Figur durchschwimmen muss) und die wässrigen Übergänge, die zwischen den Aktionen liegen und aufs Zeitschinden angelegt sind wie die Rückpässe beim Fußball. Da wird die Kugel über Marokko, Spanien und Frankreich in verschiedene Ecken von Berlin und Brandenburg geschlenzt, ohne dass die deutsche Filmförderung dabei ein Heimspiel hätte, denn die entsprechenden Szenen wurden in Budapest und der Slowakei gedreht. Und am Schluss gibt es statt einer einzigen Hanna ein ganzes Rudel von Supermädchen, denn die Einrichtung, in der die Amazonen gezüchtet werden, ist hier noch aktiv, wie der Konzern, der solche Remakes in Auftrag gibt. Ein Flugzeug holt die Übermenschinnen ab; sie landen, und man sieht die Rebellion in ihren Augen glimmen – Fortsetzung folgt.

          Am Autor hat es nicht gelegen. Der Film wie die Serie wurden von David Farr geschrieben, der auch als Exekutivproduzent für das Amazon-Werk fungierte. So lag es an der Form. „High concept“ nennt man das, was Joe Wright vor acht Jahren gemacht hat: eine Art Kino, dessen Inhalt man üblicherweise in einem einzigen Satz zusammenfassen kann und bei der alles auf Schnelligkeit, Überraschung und Überwältigung ankommt. Als Serienstoff ist sie ungeeignet. Es kommt nicht oft vor, dass man Goethe zitieren muss, wenn es um Teenager mit Superkräften geht, aber hier lässt es sich nicht vermeiden: „Getretner Quark / Wird breit, nicht stark.“ Jüngstes Beispiel: „Hanna“.

          Hanna, von Freitag an bei Amazon Prime.

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