https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/medien/serien/westworld-vierte-staffel-mit-rauen-sitten-und-terminator-potenzial-18146876.html

Vierte Staffel von „Westworld“ : Der Code und das Mädchen

Lehrt Leatherface das Fürchten: Ed Harris ist der Mann in Schwarz. Bild: Sky

In der vierten Staffel der Serie „Westworld“ werden die Sitten rauer, die Maschinen ungeduldiger und die Helden einsilbiger.

          3 Min.

          Im dauerrauschenden Bilderwald der Streaminganbieter war die Serie „Westworld“ (2016) nicht nur ein Angebot, das sich lohnte, im Auge zu behalten, sondern auch eines, bei dem das Publikum genau hinschauen musste. Die erste Staffel nach Vorlage der gleichnamigen Michael-Crichton-Verfilmung aus dem Jahr 1973 über einen Vergnügungspark, in dem unanständig reiche Menschen via hyperrealistischer Menschmaschinen, genannt Hosts, herausfinden konnten, was sie im Innersten zusammenhält oder aber zersetzt, beherrschte es meisterhaft, existenzielle Unterschiede durch Details zu markieren. Mensch oder Maschine, Leben oder Tod, Erzählung oder Realität – all das konnte durch eine Fliege erzählt werden, die in Großaufnahme über die feucht glänzende Fläche eines Auges lief, das nicht blinzelte.

          Axel Weidemann
          Redakteur im Feuilleton.

          Wer die erste Staffel „Westworld“ mit Anthony Hopkins in der Rolle des Dr. Robert Ford sah, der konnte ins Grübeln geraten: Was, wenn Menschen Roboter bauen, die ihnen immer ähnlicher werden? Steht am Ende der Entwicklung die menschliche Maschine aus Zellgewebe, aus Fleisch und Blut, mit außergewöhnlicher Rechenleistung? Dann wären Maschinen nicht die besseren Menschen, sondern wäre der Mensch die beste Maschine.

          „Terminator“-Potential

          Doch entglitten der Serie in den Folgestaffeln ihre Feinheiten zugunsten einer zwar immer noch höchst verschachtelten, aber in Dialog- und Bildsprache gröberen, das heißt auf Knalleffekte und Sprüche setzenden Erzählung. Diese fragte weniger, was ein Bewusstsein ausmacht, sondern wie viel „Terminator“-Potential in „Westworld“ respektive der Menschheit steckt.

          Mussten sich in Staffel 2 noch die Hosts von der Vorherbestimmtheit ihrer Geschichten lösen, waren es in Staffel 3 die Menschen, denen Big Data mithilfe groß angelegter Verhaltensanalyse (gestützt durch Daten Tausender „Westworld“-Park-Besucher) Geschichten schrieb, denen sie nur schwer entkommen konnten. Dabei bestand die Erkenntnis der beobachtenden Maschine, in Person der aus dem Park geflohenen Roboterrebellin Dolores (Evan Rachel Wood) – der Eva dieser maschinellen Genesis –, darin, dass der Mensch sich zwar im schlimmsten Fall von einer ihm vorgegebenen Erzählung fesseln lassen kann, in Stress- und Extremsituationen aber fähig ist, zwischen Empathie und Apathie zu entscheiden. Basierend auf diesem Modell des freien Willens, stellte die Serie die alte Frage: Ist die Welt der Menschen noch zu retten? Wenn ja, durch wen, Mensch oder Maschine? Und: Ist es danach noch die Welt der Menschen?

          Zwischen Traum und Realität

          Zu Beginn der vierten Staffel müssen sich geneigte Zuschauer erst einmal erneut der Herausforderung stellen, sich zu erinnern und zu orientieren: Wer ist wer? Wer ist Maschine, wer Mensch? Welcher Geist wohnt in welchem Körper? Was ist maschineller Traum und was menschliche Realität – und vor allem: Wann ist all das?

          Die vierte Staffel folgt einer Version von Dolores, die in einer eigentümlichen Welt für den Konzern Olympiad Hintergrundgeschichten für Videospiele schreibt und so unfreiwillig Einfluss auf das Schicksal ihrer Mitbürger nimmt. Sie weiß nichts von den Taten ihres bösen Zwillings, der machtgierigen Dolores-Kopie im replizierten Körper der einstigen Park-Chefin Charlotte Hale (Tessa Thompson) – in Fachkreisen „Charlores“ genannt. Auch der mordlustige William ist als ewiger Blackhat mit von der Partie. Ed Harris legt ihn so an, dass selbst der kettensägenschwingende Lea­therface sich vor ihm gruselte. Wir erleben auch, wie der in Liebe erleuchtete Host Maeve (Thandie Newton) sich erneut mit dem Ex-Soldaten Caleb (Aaron Paul) verbündet, um sich der endgültigen maschinellen Befriedung des Planeten entgegenzustellen. Und wir begegnen dem einstigen Chefprogrammierer von „Westworld“, Bernard Lowe (Jeffrey Wright), der sich selbst als Maschine mit Zugriff auf das Roboter-Nirvana „Sublime“ nicht ausrechnen kann, welche der unzähligen Zukunftsszenarien, die er durchgespielt hat, nun auf die Basisrealität zutreffen.

          Der Vorspann erzählt einiges von dem Vektor, über den das Ende des freien Willens pandemieartig in die Köpfe der Menschen gelangt: Ausgerechnet die an sich für Organisches und Verfall stehende Fliege, an die sich die aktionsgetriebene Kamera von Paul Cameron schon nicht mehr so nah herantraut wie in den ersten Folgen, steht hier in Form eines mit parasitären Imperativen beladenen Schwarms stellvertretend für all die lästigen maschinellen Einflüsterungen, die den Menschen umschwirren und von ihm wenn auch nicht komplexes Verhalten, dann zumindest eine Reaktion fordern. Das läuft, wenig überraschend, auf die Versklavung der Menschen durch Maschinen und von ihnen generierte Lebenssimulationen hinaus. „Eine neue Weltordnung“, nennt Charlores das. Und während die, die keine Digital Natives sind, sich noch schwertun mit den maschinellen Steuerbefehlen, sind ihre Kinder dankbare Opfer: „Sie sind so gut darin, Befehle entgegenzunehmen. Der Parasit wuchs in perfekter Symbiose mit ihrem Geist“, sagt Charlores. Das wäre eine naheliegende, aber nichtsdestoweniger traurige Pointe unserer maschinenbesoffenen Leistungsgesellschaft.

          Nur wird in Staffel vier als Gegengift nicht etwa digitales Detox propagiert, sondern geschwätzige amerikanische Breitbeinigkeit. Es gibt zu viele „Hasta la vista, baby!“-Momente, in denen die Serie sich immer wieder als Action-Kino ausgibt. Ihre einst elaborierte Sprache ist zu Einzeilern und Punchlines verkümmert. Als Ausweis der Fiktion in der Fiktion würde es funktionieren – als Unterhaltung wirkt es ermüdend. Doch wer weiß, vielleicht hat sich hier noch nicht die letzte all der Matrjoschka-Realitäten vor dem Zuschauer entpuppt. Und egal in welcher Realität die Serie unterwegs ist, eine Frage bleibt: Sollen die Maschinen uns, die Erde oder nur sich selbst retten? Darüber sollte man sich mit ihnen möglichst früh verständigen.

          Die Folgen von Westworld, Staffel 4 laufen montags bei Sky Atlantic.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Die Gasumlage kommt.

          Energiekrise : Gasumlage wird 2,4 Cent betragen

          Die Entscheidung ist gefallen: Von Oktober an liegt die neue Gasumlage bei rund 2,4 Cent je Kilowattstunde. Für alle Gasverbraucher wird es nun teurer werden.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Sie können bis zu 5 Newsletter gleichzeitig auswählen Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.