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Western-Serie „Godless“ : Gott erschuf den Menschen und die Klapperschlange

Revolverheldinnen: In „Godless“ sind die Frauen am Drücker. Bild: Netflix

Gottlos, aber gewaltig: In dem Netflix-Western „Godless“ sind vor allem die Frauen mit Stärke und Vernunft gesegnet. Die Männer haben nichts als Rache und Gewalt im Sinn.

          3 Min.

          In einem Western stirbt, wer es zu eilig hat. Die Schnelligkeit, die es braucht, um ein Projektil aus dem Lauf einer Handwaffe zu befördern, bevor es der Gegner tut, mit Eile zu verwechseln ist in aller Regel tödlich. Schon deshalb lassen sich zwei alte Waffenbrüder wie Sheriff Bill McNue (Scoot McNairy) und Marshall John Cook (Sam Waterston) stets Zeit. Auch wenn es darum geht, etwas zu besprechen. So muss der Marshall, dessen grauer Schnurrbart in seinem Gesicht hängt wie ein totes Tier, sich zunächst die Frage gefallen lassen, ob er „auf dem toten Eichhörnchen nur rumkauen“ oder es auch „runterschlucken“ will. Erst dann darf er dem Sheriff der Minen-Siedlung „La Belle“ von dem Grauen erzählen, das ihm zuvor begegnet ist. Hätte er sich besser an jene gehalten, die in „La Belle“ das Sagen haben: die Frauen. Ihre Männer sind beinahe allesamt bei einer Explosion unter Tage ums Leben gekommen. In „La Belle“ helfen die Frauen nun sich selbst – oder auch nicht.

          Axel Weidemann

          Redakteur im Feuilleton.

          Der Beginn von „Godless“, der neuen Westernserie von Scott Frank und Steven Soderbergh, die die beiden für Netflix produziert haben, lässt keinen Zweifel daran, dass es in dieser Erzählung um mehr geht als den alten Kampf zwischen den Weiß- und den Schwarzhüten. Es gibt sie zwar – so wie eigentlich jedes Westernelement hier seinen vermeintlich festen Platz hat –, doch die Anordnung und die Art, wie davon erzählt wird, demonstrieren mit einiger Wucht, dass nichts davon unumstößlich ist.

          Nachdem der Zuschauer von den lupenreinen Bildern der HBO-Tech-Western-Serie „Westworld“ verwöhnt, ja fast verzogen wurde, versucht „Godless“ gar nicht erst, diesen Hochglanz nachzuahmen. Auch ist das Töten hier stets nur eine beiläufige „Notwendigkeit“ und wird filmisch selten so ausgestellt wie zuletzt in der AMC-Western-Serie „The Son“.

          Augenschmaus: Frank Griffin (Jeff Daniels, Mitte) reitet mit seiner Bande durch einen Fluss.

          Alles beginnt in Asche und Staub. In einem Nest namens Creede, in Colorado im Jahr 1884. Marshall John Cook traut seinen Augen nicht. Er reitet an Getöteten vorbei, die auf alle nur erdenkliche Arten ums Leben gekommen sind. Dass hier ein Lynchmob gelyncht wurde, erfahren wir erst viel später.

          Männer als defekte Wesen

          Der Mann, der im Zentrum des Unheils steht, heißt Frank Griffin (Jeff Daniels leiht sich hier den Namen eines Regisseurs und Schauspielers der Stummfilm-Ära). Griffin hat einen Arm verloren. Er sinnt auf Rache, und alle, die seinen Weg kreuzen, fallen ihr zum Opfer. Der von Griffin Gesuchte heißt Roy Goode (Jack O’Connell). Er trägt die Kleidung eines Toten und hat keine Stimme mehr, seit ihm Alice Fletcher (Michelle Dockery) eine Kugel durch den Hals gejagt hat – die ein anderes Ziel gefunden hätte, „wenn der Mond nicht so verdammt hoch gestanden hätte“. Er darf schließlich bei ihr unterkommen. Nicht zuletzt, weil er sehr gut mit Pferden kann. In einer beeindruckenden Sequenz zeigt uns Scott Frank, wie sich ihm die ungestümen Pferde der verwitweten Ranchbesitzerin reihenweise zu Füßen legen – als wäre die Koppel eine Zirkusmanege. Begriffe wie Freiheit, Gehorsam und Verantwortung werden hier vor allem im Umgang mit Pferden verhandelt.

          Männer sind in „Godless“ schon rein körperlich defekte Wesen. Der eine hat keinen Arm mehr (Frank Griffin), der Nächste erblindet allmählich seit dem Tod seiner Frau (Sheriff McNue). Nur sein Stern glänzt noch. Dem Dritten versagt die Stimme (Roy Goode). Die Herren müssen instand gesetzt werden – von Frauen, Indianern, Optikern und Ärzten. Die Starken, Zielsicheren und Lässigen in „Godless“, das sind die Frauen von „La Belle“. Aus #metoo (ich auch) wird hier #notme (ich nicht oder nicht mit mir). Sie leben seit dem Tod der Männer mit einer neugewonnenen Freiheit, von der jedoch keine so recht weiß, wie sie am besten damit umgehen soll. Zudem machen sie sich gegenseitig das Leben schwer. Alice wird als Ausgestoßene behandelt, weil sie sich mit einem Indianer eingelassen hat. Die Schwester des Sheriffs, Mary Agnes (Merritt Wever) versucht das Dorf gegen die ausbeuterischen Pläne eines in Wort und Tat übergriffigen Herrn von der Quicksilver-Minengesellschaft zu verteidigen. Doch ihre Mitstreiterinnen sehnen sich nach der vermeintlichen Sicherheit, die das patriarchalisch geprägte kapitalistische System ihnen bietet.

          Während die erste Folge eine Art Prolog darstellt, der den großen Handlungsbogen des Konflikts zwischen Griffin und Goode andeutet, nehmen sich die folgenden Episoden viel Zeit, die Geschichten der einzelnen Figuren zu erzählen und sie miteinander zu verknüpfen. Die Serie wechselt in gemächlichem Tempo zwischen Gegenwart und Vergangenheit. In Rückblenden sind die Farben oft stark reduziert – bis auf die roten Farbtöne. Eilig hat es die Serie nie. Bis wir die Revolverheldenqualitäten des guten Roy zu sehen bekommen, vergeht ein Weilchen. Gesagt wird nur das Nötigste – „Gib dich zu erkennen, oder ich schieße“. Wenn ein Mann hier seinen Hut abnimmt, dann sieht er aus, als sei er gerade aufgestanden. So viel Western findet selten in einer Serie Platz – ohne dass aktuelle Themen wie Glaube, Geschlechterrollen und Herkunft ins Hintertreffen gerieten.

          Bisweilen ist „Godless“ auch einfach ein Fest für die Augen: Zweiunddreißig Reiter, die im Gegenlicht und in hochauflösender Zeitlupe einen Fluss durchqueren, so dass es aussieht, als ritten sie durch eine Flut aus Diamanten, solche Aufnahmen verfehlen ihre Wirkung nicht. Überhöht wird die Natur jedoch nie. Nie besteht Zweifel daran, dass wir es hier, wie der gottesfürchtige Griffin sagt, nicht mit dem Paradies auf Erden zu tun haben: „Das ist das Paradies der Heuschrecke, der Eidechse und der Schlange.“ Dem Menschen muss es ein Rätsel bleiben. „Derselbe Gott“, sagt er zu einem Familienvater, der von ihm und seiner Bande nachts am Lagerfeuer überrascht wurde, „der dich und mich gemacht hat, hat auch die Klapperschlange gemacht. Das macht keinen Sinn.“

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