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Netflix-Serie „The Bodyguard“ : Wer Ausnahmen macht, darf nicht auf Regeln setzen

Die Beschützerin und ihr Beschützer: Innenministerin Julia Montague (Keeley Hawes) muss mit ihrem Leibwächter David Budd (Richard Madden, Mitte) erst noch klar kommen. Bild: BBC

Politik, Terror, Verführung: In „Bodyguard“ gerät ein Personenschützer im eigenen Land zwischen die Fronten. Die Serie bescherte der BBC die höchsten Zuschauerzahlen in zehn Jahren. Das hat seine Gründe.

          Es herrscht Ausnahmezustand, die Bedrohungslage ist als ernst („severe“) eingestuft worden. Alle könnten ein wenig Ablenkung gut gebrauchen. Nur muss sie hochdosiert sein. Die gute Nachricht ist, es wird nicht gesungen. Julia Montague (Keeley Hawes), konservative Hardlinerin und britische Innenministerin, hat gerade ein Attentat überlebt. Ein Scharfschütze hatte ihre Staatskarosse beschossen. Ihr Leibwächter, David – gespielt von Richard Madden, der in „Game Of Thrones als Robb Stark während der „Bluthochzeit“ sein jähes Ende fand – behält die Nerven, mit Mühe.

          Axel Weidemann

          Redakteur im Feuilleton.

          Er, der Afghanistanveteran, der Held des „ersten Oktobers“, der in einer der intensivsten Szenen der ersten Folgen eine Selbstmordattentäterin mit einer Sprengstoffweste von ihrem Vorhaben abbringt, hat selbst genug um die Ohren. Seit seiner Heldentat ist er im Visier von Terroristen, die es auf ihn und seine Familie abgesehen haben. Seine Frau Vicky (Sophie Rundle), seine Tochter Ella und sein Sohn Charlie leben getrennt von ihm – nun unter Polizeischutz. Die Innenministerin aber bietet nach dem missglückten Attentat mehr als nur ihre Hilfe beim Schulwechsel des Sohnes an: „Ich bin keine Königin. Du darfst mich berühren.“

          Wo derart schwere Sätze fallen, wo sich in den ersten vier Folgen alles ineinander verstrickt, wo es um Macht- und Herrschaft geht, da darf man annehmen, dass der Zuschauer vom schieren Gewicht der Tragödien-Konstruktion aus der Erzählung gekegelt wird. Das Gegenteil ist der Fall. Diese Mischung aus Shakespeare, „Game Of Thrones“, „24“, „Homeland“ und hochaktuellen Bedrohungslagen drückt das Publikum auf den ersten Metern mit einer Gewalt in die Sessel, wie es zuletzt wohl nur die ersten Minuten von „Mad Max: Fury Road“ vermochten. In der ersten Folge atmet man erst von Minute vierundvierzig an wieder aus.

          In Großbritannien hat die Serie bei ihrer Ausstrahlung auf „BBC One“ im August die höchsten Zuschauerzahlen der vergangenen zehn Jahre erreicht. „Bodyguard“ hat zumindest im Königreich Straßenfegerqualitäten. Das liegt vornehmlich an zwei Dingen. Der Puls der Serie bleibt über weite Strecken auf eine fast schon körperlich anstrengende Weise hoch, selbst wenn gerade nur geredet wird. Die Schlüsselfiguren – allesamt Gezeichnete, Politiker, Geheimdienstleute, Veteranen, Polizisten – bauen ihre Rolle im Verlauf der Geschichte immer weiter aus. Beim Zuschauer löst dieses vermeintlich geheime Wissen wohliges Schaudern aus: Dieser Typ mit der Glatze und dem Schnauz, der wird noch wichtig werden. Irrtum nicht ausgeschlossen, denn manch einer stirbt einfach so. Und all das trotz oder gerade aufgrund der Tatsache, dass natürlich niemand so professionell ist wie ihn der Autor Jed Mercurio („Line of Duty“, „Lady Chatterley’s Lover“) und der Regisseur Thomas Vincent („Versailles“, „Absturz ins Leben“) in den ersten Episoden erscheinen lässt. Viele Masken fallen früh, viele jedoch mehrfach.

          Zum ersten Mal gelacht wird in Episode drei

          Am meisten leisten muss Richard Madden, der als Leibwächter David Budd im Zentrum der explosiven Affären steht. Zu Beginn versprüht er den Charme, aber auch das Sicherheitsgefühl eines Integralhelms. Dass er seit seinen Einsätzen in Afghanistan unter einer posttraumatischen Belastungsstörung leidet, merkt ihm niemand an. Befehle entgegen zu nehmen, Befehle zu geben und auf Kommando einfühlsam zu sein, das sind nur einige seiner Beschützerqualitäten. Und man sieht Madden dabei gebannt zu, will wissen, wann er, die eigentliche Zeitbombe in diesem grenzenlosen Krieg, wohl selbst explodiert. Oft streift die Kamera (John Lee) sein Gesicht. Seine Wangenknochen verraten konstante Anspannung, mehr aber nicht. Zum ersten Mal wirklich gelacht wird in der dritten Episode.

          Es wird Zusammenbrüche geben. Momente, in denen der Panzer Risse bekommt. Dann wagt sich die Serie mitunter sehr weit vor. Als Zuschauer muss man sich dann festhalten; wie im Märchen, bei dem man ja immer schon weiß, dass im verbotenen Turmzimmer niemand etwas zu suchen hat – und dann doch hineingeht. Als Gegengewicht zu all den tragischen Schritten ins Verderben inszenieren Mercurio und Vincent, von Folge vier an der Regisseur John Strickland, immer wieder die Routine. Das Leben mit einem Bodyguard bei gefährdeter Sicherheitslage besteht hier überwiegend aus Warten, Herumstehen oder Sitzen; wenn Budd nicht gerade gewissenhaft alle Räume außerhalb des Ministeriums durchsucht, in denen sich Julia Montague aufzuhalten gedenkt – von der Küche bis zur öffentlichen Toilette.

          Ihr eigentliches Thema setzt die Serie zu Beginn sehr deutlich: Budd unterhält sich beim Bier mit einem alten Kameraden. Der macht ihm Vorwürfe: „Du beschützt jetzt diese Wichser?“ Er meint jene, die im Nahen Osten und im Namen der Terrorbekämpfung Kriege unterstützen und mit Waffen füttern, aber nicht deren tägliche, anhaltende und blutige Konsequenzen ausbaden müssen. In einer anderen Szene sieht und hört Budd Julia Montague bei einer Parlamentsrede zu. Ihr Satz, dass man sich für die Vergangenheit – gemeint sind die kontrovers diskutierten Interventionen des Westens im Nahen Osten – nicht entschuldigen muss, hallt in Davids Kopf lange nach. Er ahnt, dass es dafür längst zu spät sein könnte.

          Bodyguard ist aktuell auf Netflix abrufbar.

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