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„Work in Progress“ auf Sky : Warte, es wird gerade so schön bunt!

  • -Aktualisiert am

Lernt auf die harte Tour, dass sich das Leben lohnen kann: Abby McEnany als Abby. Bild: Die Verwendung ist nur bei redak

Tief menschlich und hoch gewitzt: „Work in Progress“ ist eine großartige Comedy-Serie über das „Outsider und down sein“ einer Frau, die dem Ganzen ein Ende bereiten will.

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          Nicht immer hat Comedy mit Sentenzentendenz oder Pointenzuspitzung zu tun. Manchmal ist weniger mehr, insbesondere bei solcher mit komplizierteren Humanitätsfragen (wie in Larry Davids Allzeitklassiker „Curb your Enthusiasm“ oder bei „Pastewka“). Eine Variante stellt die Diskrepanzen zwischen Sollen und Sein, (Geschlechter-)Rolle und Zuschreibung in den Mittelpunkt, wie etwa Ricky Gervais’ enormes Witwer-Trauerwitzspiel „After Life“ bei Netflix oder Phoebe Waller-Bridges Gefühlstrampeltierforschungsprojekt „Fleabag“ bei Amazon Prime. Fluchtpunkte dieses Humortyps sind echte oder eingebildete Schicksalsschläge, die Mann oder Frau kaum zu überleben meint. Oder Selbstmordpläne, die durch allerlei hinderliche Lebenswendungen immer wieder aufgeschoben werden. Auch der Tod kann eben auf lustige Weise prokrastinieren. Dazu kommt beinahe zwingend die Tendenz des Personals, sich selbst allzu wichtig zu nehmen (wie in Lena Dunhams „Girls“). Kommt alles auf einen einzigen Übertreibungshaufen, steigt die komische Fallhöhe mitunter drastisch.

          Wie in „Work in Progress“ (jetzt bei Sky Atlantic), einer großartigen, tief menschlichen und hoch gewitzten Comedy „über das Outsider und down sein“ von und mit Abby McEnany, einer mit sezierendem Blick und Timing begabten Impro-Comedienne aus Chicago. Komplett „on location“ gefilmt, wird hier eine Art Lesben-Aktivismus mit Selbstschutz gegeben. Versteht sich: Wer sich prophylaktisch selbst erniedrigt und andauernd beleidigt, verhindert, dass es andere tun. Also nennt die 45-jährige Abbyfigur aus „Work in Progress“ sich eine „fette, queere Kampflesbe“, weiß aber trotzdem nicht, warum sie sich so besser fühlen soll. Diagnose: Vergeblichkeit. Eigentlich ist ihr Leben schon seit Jahren ruiniert, seit die Komikerin Julia Sweeney in „Saturday Night Live“ mit der androgynen Kunstfigur Pat jemanden gab, bei dem Witze auf Kosten der unbestimmten Geschlechtlichkeit gemacht wurden.

          Die Therapeutin stirbt während der Sitzung – aus Langeweile?

          Pat ist Abbys Lebensfluch – und sie sieht ihr leider auch noch ähnlich. Notorisch unglücklich und vom Pech verfolgt, beschließt sie, sich in genau 180 Tagen umzubringen. Wenn das Schicksal nicht ein paar drastische Wendungen aus dem Hut zaubert. Das lässt sich nicht lange bitten. Die Therapeutin, der Abby von der Beleidigung durch eine Arbeitskollegin erzählt, stirbt während der Sitzung – aus Langeweile, wie Freundinnen vermuten?

          Einen Behälter mit – nachgezählt – 180 kalifornischen Mandeln hat die Arbeitskollegin Abby aus dem Urlaub mitgebracht. Hochkalorische Mandeln. Aus dem sonnigen Kalifornien, wo alle paradoxerweise superdünn sind. Ausgerechnet ihr, die seit Jahr und Tag regelmäßig ein Anonyme-Dicken-Treffen besucht, trotzdem keine Fortschritte bei der Gewichtsreduktion erzielt und auch keinen einzigen „Thumbs up!“Sticker als anerkanntes Motivierungsvorbild vorweisen kann. Aber immerhin hat Abby ein Date. Leider ist Chris (Theo Germaine) ein Transmann, also nichts für eine Lesbe. Oder doch. Beim queer Brunch in einer Privatwohnung scheint die gesamte LGBTQ-Community Chicagos mit Heidenspaß Zuschreibungen zu sprengen. Chris jedenfalls findet Abby merkwürdig genug und superhot.

          Daneben hat Abby eine Schwester mit Mann und Kindern, die den „American Dream“ der Heteronormativität leben, ihr aber trotzdem überaus zugewandt sind. Da kenne sich noch eine(r) aus. Als Abby beim Restaurantdate mit Chris auch noch Julia Sweeney (als sie selbst) kennen lernt, die untröstlich ist und sie unbedingt bekochen will, geraten ihre Selbstmordpläne auf den Prüfstand. Auch bei den anerkannten Außenseitern ist nicht alles queer, was bunt wirkt. Sweeney führt ein Langweilerleben mit ihrem schnarchigen Ehemann, „Weird Al“ Yankovic (als er selbst). Die ikonographischen Locken des Parodien-Liederkönigs („cheesy compilations“) sind eine Perücke, das MAD-Heft mit seinem Titelbild ist zwar zu Hause ausgestellt, viel lieber redet „Weird Al“ aber stocknüchtern über die Wichtigkeit des Reifegrads von Obst beim Verarbeiten. Wenn schon die Unkonventionellen normaler als die Normalen sind, vielleicht ist es dann auch gar nicht so schlecht, eine von Frauen erotisch angezogene Frau mit individuellem BodyMass-Index zu sein? Beim amerikanischen Sender „Showtime“ lief die von Abby McEnany und Regisseur Tim Mason zusammen mit Transfrau Lilly Wachowski („The Matrix“, „Sense8“) produzierte Comedy bereits im Dezember. Eine zweite Staffel ist glücklicherweise bestellt.

          Work in Progress läuft am Dienstag um 20.15 Uhr bei Sky Atlantic.

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