https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/medien/serien/vierwaendeplus-im-zdf-zeitgemaesse-familien-comedy-ist-ernuechternd-18221838.html

ZDF-Serie „Vierwändeplus“ : Geht es auch noch weniger witzig?

  • -Aktualisiert am

Ausgelassen: Alexander Prince Osei und Johanna Gastdorf Bild: ZDF und © Frank Dicks

Divers, klischiert und harmoniesüchtig: In „Vierwändeplus“ kann man sehen, wie sich das ZDF eine zeitgemäße Familiencomedy vorstellt. Es ist ernüchternd.

          3 Min.

          Champagner auf die „Framilie“! Am Umzugstag scheinen die sieben Erwachsenen, zwei Kinder und ein Jugendlicher nach fünf Jahren Ideen, Planung und Hausumbau am Ziel ihrer Träume. Die, gewollter Nebeneffekt, auch die Lösung der vermutlich drängendsten sozialen Frage der Zeit hierzulande beinhaltet – des Problems bezahlbaren Wohnraums.

          Noch ist dies und das nicht fertig, zum Beispiel gibt es im neuen Haus noch keine Türen, auch nicht zu den Toiletten. Das Parkett könnte attraktiver aussehen. Vor allem aber will Caro (Birte Hanusrichter) sich noch während des Einzugs von Martin (Alexander Prince Osei) trennen. Aus der Traum von Familie und Freunden („Framilie“) unter einem Dach? Zwei Monate Kündigungsfrist handelt Martin bei Caro heraus, schließlich habe man Verantwortung. Und mit Luisa (Nola Essam) und Emma (Mary Amber Oseremen Tölle) zwei eher ungewöhnliche Kinder.

          Daneben ist das Paar mit Anna (Antonia Bill), die mit Erik (Moritz Vierboom) jede Gelegenheit zur Nachwuchszeugung ergreift, Verpflichtungen eingegangen. Anna ist die Partnerin der „Baugruppe“, die das Haus geerbt und dem Wohnprojekt zur Verfügung gestellt hat. Vorbildfunktion hat man auch für Freddie (Eugen Bauder), der mit Bitcoins ein Vermögen gemacht hat und ständig neue Dates anschleppt. Mit Spitzenköchin Julia (Henrike Hahn) und ihrer Partnerin, Chirurgin Bo (Kotti Yun), der Jugendfreundin von Martin, sind die Leute, die für eine warme Mahlzeit und medizinische Versorgung garantieren können, an Bord. Baustress führt regelmäßig zu Beziehungskrisen, also lässt sich Caro auf die Mängelbeseitigungsfrist ein.

          Wo kriegen wir Ersatz für die Türen her?

          Vor die Annehmlichkeiten des Wohnens auf etwa dreihundert Quadratmetern hat das Schicksal jedoch die Aktionen des jugendlichen Klimaaktivisten Gregor (Julien Neisius), Julias Sohn, gesetzt. Zweiundsiebzig Anträge reicht der Teenager zur ersten Hausgemeinschaftsversammlung ein. Nicht nur die Forderung „Nur drei Minuten duschen, und das kalt“, wird zum Knackpunkt des Hausfriedens. Bald kommen Fragen der Freizügigkeit der Lebensgestaltung hinzu. Muss Erik ständig in den Gemeinschaftsräumen untenrum Frischluftzufuhr erfahren, oder kann sich Freddie wieder irritationsfrei einbilden, dass seine eigene Ausstattung mindestens durchschnittlich sei? Wie bekommt man Türenersatz, zumindest für die Klos (ein Punkt, der Häuslebauern und Wohnungserwerbern gerade überaus realistisch erscheinen muss)? Vor allem: Müssen es Anna und Julia ständig lautstark treiben, sodass die kleine Emma, die statt Vater-Mutter-Kind am liebsten Vater-Mutter-Steuerberaterin spielt und Karteikarten und Tabellen sammelt wie andere Spielzeug, von häuslicher Gewalt ausgeht und Anna dazu bewegen will, im Frauenhaus Zuflucht zu suchen?

          Trailer : Vierwändeplus

          Auch wenn in „Vierwändeplus“ die meisten Gags und Dialoge eher Rohrkrepierer sind und die Diversität der Figuren wie vom Reißbrett der Vielfältigkeitsprinzipien der Programmgrundsätze wirkt, ergänzt um die inklusiv-konsensuelle Warmherzigkeit, zu denen öffentlich-rechtliche Familienserien zurzeit verdonnert scheinen: „Vierwändeplus“ hat auch ein paar gute Momente. Freilich immer bloß dann, wenn ein bisschen Frechheit siegt. Frau Pfützenreiter (Antje Lewald), die überspießige Nachbarin, sorgt für satirische Anklänge (allerdings werden solche Spitzen des Drehbuchs des Autorenquartetts Tali Barde, Marian Grönwoldt, Helena Lucas und Laura Rabea Tanneberger in der Regie von Janosch Chávez-Kraft und Sophie Averkamp sympathieoffensiv weginszeniert). Die ins Groteske spielende Nebenhandlung um Caros und Martins Tochter Luisas Hang zu Waffen und Gewalt und ihre geheimen Geschäfte mit chinesischen Verbrecherorganisationen lassen ab und an mal eine Pointe glänzen. Aber nicht zuletzt die erratischen Hobbys und Ansichten der Ärztin Bo, die das Schlafzimmer mit der gerahmten geplatzten Gallenblase aus ihrer ersten OP schmückt, zeigen vor allem eins: „Vierwändeplus“ soll so divers sein wie in Harmlosigkeitsgrenzen ein bisschen geschmacklos, schafft es aber nicht über die Klippe der Heiterkeit, die man in angelsächsischer Comedy „character driven“ nennt.

          Hier heißt es: Autarkie ja, Kommune nein. Diversität ja, Klischee entschiedenes ja. Aus schlichter Klischeeumkehrung entsteht nicht automatisch Humor, sondern meist wieder klischeehafte Schlichtheit. Ihre zehn Individualisten beim Gemeinschaftsprojekt Miteinander-Leben präsentiert die F(r)amilienserie „Vierwändeplus“ dabei als Ideal vervielfachter Paar-Konstellationen. Auch Tinder-Dauernutzer Freddie ist beständig auf der Suche nach „der einen“ für den Rest seines Lebens. Das Ideal der Monogamie winkt aus jeder Folge mit dem Zaunpfahl. Genauso wie das liebevolle Verständnis, das alle Figuren nach und nach für Nerd Gregors klimaaktivistische Kompromisslosigkeit entwickeln. Gute Comedy entsteht nicht aus guten Absichten allein.

          Vierwändeplus steht von diesem Freitag an in der ZDF-Mediathek. Ausstrahlung bei ZDF neo in Doppelfolgen dienstags ab 16.8., jeweils um 21.45 Uhr

          Weitere Themen

          Die nächste Senta-Sensation

          Bayreuther Festspiele : Die nächste Senta-Sensation

          „Der fliegende Holländer“ in der Inszenierung von Dmitri Tcherniakov funktioniert bei den Bayreuther Festspielen noch besser als im Vorjahr. Und das auch dank einer umwerfenden Hauptfigur: Elisabeth Teige.

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Sie können bis zu 5 Newsletter gleichzeitig auswählen Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.