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Vierte Staffel „13 Reasons Why“ : Die letzten Kurven der Achterbahn

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Justin Foley (Brandon Flynn), Clay Jensen (Dylan Minnette), Jessica Davis (Alisha Boe) und Tony Padilla (Christian Navarro) Bild: DAVID MOIR/NETFLIX

„Weshalb sind wir hier, schon wieder?“ Die umstrittene Jugendserie „Tote Mädchen lügen nicht“ kommt nach vier Staffeln ans Ziel.

          3 Min.

          Alles läuft auf eine Frage hinaus, sagt die Stimme im Off: „Wirst du die Highschool überleben? Werde ich überleben?“ Und schon steht da – es ist das erste Bild der letzten Staffel dieser wilden Fernsehserie – eine Pastorin an einem Sarg, die uns eine Standpauke hält: „Zu viele High Schools sind heute gezwungen, mit Tragödien zu rechnen. Und wir tun einfach zu wenig, um das zu ändern.Weshalb sind wir hier, schon wieder?“

          Gänsehaut. Kloß im Hals. Wiederholt sich nun doch noch, was dank vereinter Kräfte seit dem tragischen Tod von Hannah nicht mehr geschah? Wir erinnern uns: Im Oktober 2007 erschien bei Razorbill, einem Imprint von Penguin Books, ein Jugendroman von Jay Asher, der mit seinem Titel „13 Reasons Why“ auf die dreizehn Kassetten anspielt, die eine High-School-Schülerin unmittelbar vor ihrem Suizid besprach.

          Gestalkt, belästigt und vergewaltigt

          Das Buch erzählt in interessanter Struktur (nämlich teils anhand der Bänder) die Geschichte der siebzehnjährigen Hannah, die nach einem harmlosen Kuss mit Justin in die Gerüchteküche geworfen, gestalkt, belästigt und schließlich vom Football-Star der Schule, Bryce Walker, vergewaltigt wurde. Es avancierte zum Bestseller, erschien auch in Deutschland, wurde hoch gelobt und war für den Deutschen Jugendliteraturpreis 2010 nominiert.

          Richtig wahrgenommen hat man „Tote Mädchen lügen nicht“ allerdings erst durch die Netflix-Verfilmung des Buches 2017 – und die Kampagne, die besorgte Eltern und Psychologen gegen sie führten. Sie warnten vor einem „Werther-Effekt“ und erreichten zumindest, wenn auch erst nach zwei Jahren, dass Serienschöpfer Brian Yorkey die besonders umstrittene Selbstmordszene herausschneiden ließ.

          Eine weise Entscheidung. Dank der Umarbeitung kann man den Blick darauf richten, auf welch packende Weise sich diese Serie, die für heiße Eisen keine Handschuhe ausgibt, mit allem befasst, was Teenager bewegt. Die Serie war schon in Staffel eins weit sensibler und vielschichtiger gestrickt, als Kritiker es bemerken wollten. In der zweiten Staffel erweiterte Yorkey – ein Dramatiker – die Roman-Story um ein Gerichtsverfahren, das Hannahs Eltern gegen die Schule anstrengten. Es ergänzte Hannahs subjektive Sicht (die Bänder) um die Sicht ihrer Freunde, Eltern und Lehrer, und noch deutlicher wurde, dass sie in ihrer Lage sehr wohl Hilfe und Unterstützung gefunden hätte.

          Dramatische Staffel drei

          Die Stärken der Fortsetzung, die im Frühjahr nach dem „Metoo“-Herbst erschien, lagen indes woanders: Sie befasste sich mit der „Vergewaltigungskultur“ an der „Liberty High“. Zu deren Opfern zählten Jessica (Alisha Boe), durch deren Aussage Bryce endlich angeklagt werden konnte, sowie der Fotonerd Tyler (Devin Druid), den unsere Helden um den schüchternen Clay (Dylan Minnette) von einem Amoklauf abbrachten. Das Verfahren gegen Bryce endete, wie solche Verfahren oft enden: mit einer niedrigen Strafe. Umso dramatischer fiel Staffel drei aus: Bryce, den die Serie trotz allem so differenziert zu betrachten versuchte wie andere Figuren, wurde ermordet.

          Das alles muss man wissen vor dem Finale. Denn es waren die bis dato positiven Figuren, die Bryce verprügelten, ihn im Affekt ins Wasser stießen und den Mord Monty anhängten, der Tyler brutal misshandelt hatte und im Gefängnis starb. Wie kommen sie mit ihren Schuldgefühlen zurecht? Erst mal gar nicht, zeigt Staffel vier.

          Insbesondere Erzähler Clay Jensen, der seit jeher unter einer Angststörung leidet und als Gesicht einer ganzen Generation gedacht ist, hält den Druck nicht mehr aus. Er verliert Verstand und Beherrschung, sieht überall Geister. Zugleich stimmt das Drehbuch ein Loblied an auf die heilsame Kraft von Therapeuten (Gary Sinise), Freunden und vor allem Liebe in allen Formen.

          Waren die ersten Staffeln von „Tote Mädchen lügen nicht“ eine emotionale Achterbahn sondergleichen, wird Staffel vier zusehends zur langsamen Einfahrt der Bahn in die Station. Letzte Steilkurven. In einer ist zu sehen, wie sehr die Sicherheitsmaßnahmen, die „Shootings“ verhindern sollen, die Atmosphäre an der Schule verschlimmern. In der „Liberty High“ ziehen Sicherheitsleute ein, die brachial und rassistisch handeln, wie man es von Polizisten in den Nachrichten hört. Es gibt Randale. Dann gleitet die Serie in einer endlosen Aneinanderreihung sentimentaler Abschiedsreden zum Ausstieg. Wer weiterhin davon spricht, die Serie verheize „sensible Themen für den dramatischen Effekt“, der hat nicht verstanden, dass der Wert von „Tote Mädchen lügen nicht“ seit Beginn in den Gesprächen liegt, die diese Serie sogar mit ihren Schwächen auslöst.

          Tote Mädchen lügen nicht läuft auf Netflix.

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