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„The Righteous Gemstones“ : Vater, Sohn und unheiliger Geist

Familiengottesdienst: Eli Gemstone (John Goodman, Mitte) mit seinen Söhnen Jesse (Danny McBride, rechts) und Kelvin (Adam DeVine). Bild: HBO

Bis der Klingelbeutel platzt: In „The Righteous Gemstones“ spielt John Goodman einen gierigen Fernsehprediger, dessen Kinder komplett aus der Reihe tanzen.

          3 Min.

          Vom Gottessohn keine Spur, und auch der gütige Vater hält sich bedeckt: Die Unterhaltungsindustrie hat die Figur des unheilbringenden Patriarchen wiederentdeckt. Männer sind hier grausame Könige und Zerstörer, getrieben von Machtgier, Anerkennung, die sich durch schwarzweiße Absolutheit auszeichnet, oder ihrer verdorbenen Vorstellung von Gerechtigkeit. Was Ozymandias in der Serie „Watchmen“ ist, Logan Roy in „Succession“, Frank Sheeran und Jimmy Hoffa in „The Irishman“, verkörpert in der HBO-Serie „The Righteous Gemstones“ nun John Goodman, der einiges an Körperfülle, nicht aber an Präsenz verloren hat, in der Rolle des Dr. Eli Gemstone, eines schwerreichen, verwitweten Fernsehpredigers von Gottes Gnaden.

          Axel Weidemann

          Redakteur im Feuilleton.

          Ihre Macht üben die Patriarchen vor allem aus, indem sie bestimmen, wer wann worüber sprechen darf. Die Fesseln, die sie Menschen in ihrer Umgebung anlegen, bestehen aus Ungesagtem. Leidtragende sind meist die Familien, vor allem die Kinder. Im Falle von „Succession“ und „The Righteous Gemstones“ ist das aber auch der Stoff, aus dem ein schicker, neuer, mitunter fast schon zynischer Humor generiert wird. Er trifft Familien, deren Dysfunktionalität übertrieben wirken soll, während es in Wahrheit nur die Umstände sind. Die Verwundeten erscheinen oft herzzerreißend komisch. Ihre Wunden aber, das wissen die meisten Zuschauer, wirken authentisch.

          5000 chinesische Seelen im Wellenbad getauft

          Der Schauspieler und Autor Danny McBride hat sich die Serie zusammen mit seinen engen Kollegen Jody Hill und David Gordon Green ausgedacht, führt mit beiden Regie und spielt selbst einen der Gemstone-Söhne – Jesse, in Henry-Fonda-Manier mit grauen Koteletten, allerdings ohne den stechenden Blick. Für HBO-Verhältnisse wirkt der Humor der Serie wenig subtil: Zurückgekehrt von einem Fernsehgottesdienst in Chengdu, wo Jesse mit Vater Eli und dem jüngeren Bruder Kelvin – Adam DeVine als pummeliger Justin-Bieber-Verschnitt – 5000 chinesische Seelen im Wellenbad eines Vergnügungsparks getauft und gerettet hat, sieht sich der erste Sohn mit großem Unheil konfrontiert. Ein Mann in Teufelsmaske erpresst ihn mit einem Handy-Video, das zeigt, wie er und seine Kumpane sich Koks und fleischlichen Gelüsten hingeben. Nun kann ausgerechnet die ungeliebte Schwester und Nervensäge Judy (Edi Patterson) helfen, die ebenfalls verzweifelt versucht, die Gunst ihres Vaters zu erringen und sich gegen ihre Brüder zu behaupten. Eli hat unterdessen mit den Pastoren der übrigen Kirchen zu tun, die verhindern wollen, dass das Familienunternehmen ihnen ihre Schäfchen abspenstig macht und in jene funkelnden Gemstone-Gotteshäuser lockt, die in Einkaufszentren untergebracht oder selbst welche sind und vornehmlich aus Scheinwerferbatterien, violetter Farbe und Coffeeshops bestehen, die den Namen „Holy Grounds“ tragen.

          Männer in Bademänteln: „Baby“ Billy Freeman (Walton Goggins) verspricht Tiffany (Valyn Hall) das Blaue vom Himmel und ein paar anständige Zähne.

          Der Zuschauer wird bis zur Mitte der ersten Staffel vermutlich Phasen der Zustimmung und Ablehnung durchleben. Zunächst lässt man sich erfolgreich durch die elegant fetischisierte Ausstattung des Gemstone-Imperiums blenden: Drei Privatjets tragen den Namen „Vater“, „Sohn“ und „Heiliger Geist“. Zum Anwesen geht es mit klinisch weißen Geländewagen, gegen die sich das vatikanische Papamobil wie eine Schubkarre ausnimmt. Jedes Kind hat seine eigene Villa, und natürlich befinden sich zahlreiche Schießstände auf dem Gelände, auf denen sowohl das Sicherheitspersonal trainiert als auch Jesses ehrgeizige Frau Amber (Cassidy Freeman).

          Irgendwann hat man allerdings verstanden, wie herrlich kaputt diese Familie ist, die nur aus Kindern und nicht aus Erwachsenen zu bestehen scheint. Entweder versuchen sich Judy und Jesse über den Partner des jeweiligen Gegenübers zu verletzen, oder sie hacken auf Kelvin herum. Herkunft und Männlichkeit spielen dabei oft eine Rolle, und so sind die Gags vorhersehbar. Lichtblicke sind Walton Goggins als Onkel „Baby“ Billy Freeman, der Hillbilly-Bruder von Elis verstorbener Frau mit den gemachten Zähnen, der ein Stück des Gemstone-Unternehmens beansprucht; und Tony Cavalero als Kelvins bekehrter Sidekick Keefe, der rauschende Fetisch-Club-Nächte und satanische Elektro-Musik – „Luzifeeeeer“ – für ein Leben an der Seite des jüngsten Gemstones tauscht. Diese beiden fungieren als Wundertüten der Serie.

          Und während John Goodman in den ersten Folgen fast eine Nebenrolle einnimmt, werden die Kinder erst mal als himmelschreiende Versager eingeführt. Das Kunststück, das sich die Serie vorgenommen hat, ist, aus diesen verhätschelten Versagern moralische Gewinner zu machen. Green, Hill und McBride haben dafür das Lukas-Evangelium geplündert, einen großartigen Soundtrack versammelt, pfiffig Nebenschauplätze aufgetan und Wert auf eine detailreiche, satte Bildkomposition gelegt, die ihre Tricks ganz nebenbei ausspielt.

          Dass in der ersten Hälfte der Folgen vornehmlich Rück- und Frontansichten nackter Männer im Bild sind, muss einen nicht stören, denn im Vergleich zu anderen weiß diese Serie fast jedes Mal irgendeinen bildkompositorischen Blödsinn damit anzufangen. Auch dass der christliche Glaube hier in irgendeiner Form verunglimpft würde, kann man der Serie weiß Gott nicht vorwerfen. Er kommt, wenn überhaupt, nur ganz am Rande vor. Hier regiert die Schlange.

          The Righteous Gemstones läuft dienstags um 20.15 Uhr bei Sky Atlantic HD.

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