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Serie „Transparent“ : Vagina im Kopf

Ein wenig irritierend vielleicht, aber unheimlich sympathisch: Familie Pfefferman mit ihren beiden weiblichen Familienoberhäuptern aus der Serie „Transparent“ Bild: Amazon Studios

Wenn Papa plötzlich Make-up trägt: Die Autorin und Regisseurin Jill Soloway über ihre Serie „Transparent“, die Liebe zu ihrem Vater und über Queer als Familienerbe.

          Die Frage, wer oder was ein Mann ist oder eine Frau und ob es nicht auch irgendwas dazwischen geben könnte, hat es spätestens in diesem Jahr von den Lehrplänen der Gender Studies in den amerikanischen Mainstream geschafft. Dass das nicht nur am sensationellen Coming-out von Caitlyn Jenner liegt, dem Vater der amtierenden First Family der amerikanischen Popkultur, sondern womöglich auch für einen Wandel des gesellschaftlichen Bewusstsein spricht, das konnte man zuletzt am Erfolg der Serie „Transparent“ ablesen. Mit der Geschichte über den Familienvater Mort, der sich im hohen Alter entscheidet, endlich zu Maura zu werden, zu der Frau, als die er sich ein Leben lang fühlte, gewann der Fernsehneuling Amazon nicht nur die Sympathie von Publikum und Kritikern. Er gewann auch seine ersten Emmys – und Hauptdarsteller Jeffrey Tambor einen Golden Globe. Die Autorin und Regisseurin Jill Soloway hat in „Transparent“ die Geschichte ihres Vaters verarbeitet.

          Harald Staun

          Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Ihr Vater hat sich vor vier Jahren, mit 75, als trans geoutet. Ich habe gelesen, dass Ihr zweiter Gedanke, als sie das hörten, war: Diese Geschichte ist eine Fernsehserie. Was war ihr erster Gedanke?

          Der erste Gedanke war: Ich liebe dich. Ich bin so stolz auf dich. Mach dir keine Sorgen, ich bin für dich da.

          Er hat es ihnen am Telefon erzählt. Wie war es als sie ihn zum ersten Mal vor sich sahen? Kam er, wie ihre Hauptfigur Mort, in Frauenkleidern aus dem Schlafzimmer?

          Sehen Sie, Sie benutzen jetzt das männliche Pronomen. Es hilft, wenn Sie darüber nachdenken, dass Sie sich vorstellen: Sie rief mich an. Ich kannte sie als meinen Vater. Obwohl Vater nicht das richtige Wort für sie war, als ich sie das erste Mal sah.

          Aber das ist doch sicher ein langer Prozess. Als Sie sie das erste mal trafen, haben Sie doch sicher noch ihn gesehen? Heute nennen Sie ihn „Moppa“, wie Mauras Kinder in der Serie. Wie haben sie sich an diese Veränderung gewöhnt? Was ist der Trick?

          Es ist fast, als ob sie ihr Gehirn umprogrammieren. Die Sprache kommt zuerst: Man muss sich selbst beibringen, was man sagt. Wenn ich heute eine Transgender-Frau sehe, kann ich gar nicht mehr verstehen, wie man sich da vertun kann. Ich sehe nur eine Frau. Entscheidend ist sich klarzumachen, dass Transfrauen schon Frauen sind, wenn sie geboren werden. Es sind die Ärzte, die sich irren: Sie sehen einen Penis und tragen das männliche Geschlecht auf der Geburtsurkunde ein.

          Das ist die gängige Interpretation transsexueller Biographien: Dass jemand jahrelang im falschen Körper gefangen war. Ist das nicht eine Verkürzung der Identitäten, nur eine von vielen unterschiedlichen Lesarten?

          Natürlich. Die Debatte darüber, was trans ist, verändert sich ständig. Eigentlich benutzt man die Metapher vom Gefängnis des Körpers nicht mehr. Man redet auch nicht mehr von geschlechtsangleichenden Operationen, sondern von geschlechtsbestätigenden Operationen. Viele Transsexuelle wollen gar keine Operation, weil es eben nicht die Organe sind, die das Geschlecht bestimmen. Genderidentität ist eine Sache des Kopfes – manchmal stimmt sie mit Ihrem Körper überein, manchmal nicht.

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