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„Unorthodox“ bei Netflix : So sieht Religion im Schwarzweißfilm aus

  • -Aktualisiert am

Familienaufstellung: Esther (Shira Haas) ist erst siebzehn und wird schon verheiratet. Doch sie bricht aus, nicht nur aus ihrer Ehe. Bild: Netflix

Die Serie „Unorthodox“ schildert die Flucht einer jungen Frau aus einer ultraorthodoxen jüdischen Gemeinde in Brooklyn nach Berlin. Dort findet sie Freiheit. Orthodox aber ist diese Produktion auch selbst. Ein Gastbeitrag.

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          Wer kommt bei diesem Netflix-Vierteiler auf seine Kosten? Zeitgenossen mit einem Interesse an extrem dogmatischen, fürs Judentum religiös und quantitativ (weltweit zirka hunderttausend von etwa fünfzehn Millionen Juden) völlig unrepräsentativen chassidisch-ultraorthodoxen Juden und wer diese für so reaktionär wie frauenfeindlich hält. Schließlich auch diejenigen, die Berlins kreative Multikultiblase als das neue Arkadien betrachten und meinen, dass gemeinsames Musizieren oder Schwimmen im Großen Wannsee einer jungen Frau aus dem Jemen und einer ehemals ultraorthodoxen Jüdin aus Williamsburg, Brooklyn/New York, dauerhafte jüdisch-islamische Harmonie garantieren oder den israelisch-arabischen Konflikt lösen.

          Aufmerksamen Lesern ist nicht entgangen, dass ich etwas anders als jene ausschließlich positiv Programmierten eingestellt bin. Das bedeutet aber keineswegs eine Ablehnung ihrer im Kern liebenswürdigen Weltsicht oder gar eine Bewunderung gleich welcher Orthodoxie. Allerdings vertrage ich nicht die Einteilung der Welt in entweder Schwarz oder Weiß. Genau eine solche Schwarzweißweltsicht präsentiert diese Serie, und dabei verwandelt sie sich selbst unfreiwillig unter den Vorzeichen der Antiorthodoxie in eine andere Form der Orthodoxie.

          Vorab eine zweite Anmerkung: Ich bin weder Film- noch Fernsehkritiker, sondern nur Historiker. Wissenschaftlich erforsche ich und als Person erlebe ich seit meiner Geburt die jüdische Welt in ihrer – nicht nur für Außenstehende – oft schier unübersehbaren Vielfalt.

          Dass Ehen arrangiert werden, versteht sich dort von selbst

          Die Serie ist die etwas variierte Verfilmung des 2012 veröffentlichten autobiographischen Bestsellers „Unorthodox“ von Deborah Feldman. Geboren wurde sie 1986 in New York. Aufgewachsen ist sie und gehirngewaschen wurde sie in der versteinert-ultraorthodoxen „Satmarer“ Chassiden-Gemeinschaft. Im Film heißt Deborah Esther, genannt „Esty“, und der Inhalt ist schnell zusammengefasst.

          Wie in dieser und anderen vergleichbaren ultraorthodoxen Chassiden-Gemeinschaften üblich, haben Frauen und Mädchen nichts zu melden. Dass Ehen arrangiert werden, versteht sich dort von selbst. Die völlig unaufgeklärte, ihren Körper, gar Sexualität überhaupt nicht kennende Esty wird mit siebzehn verheiratet und zuvor von einer erfahrenen Frau über den weiblichen Körper auf recht skurrile Art, sozusagen in Kindersprache, aufgeklärt. Wie Esty die delikaten „zwei Löcher“ der Frau auf der Toilette nachprüft, wird den Zuschauern nicht erspart.

          Berlin bedeutet für sie ein neues Leben: Esther (Shira Haas) am Großen Wannsee.

          Die talmudischen Weisen lehrten: „Drei Dinge sind bereits auf dieser Welt Vorgeschmack des Paradieses: Sonne, Sabbat, Beischlaf.“ Sexualität ist in der unverformten Tradition des Judentums „oneg“ beziehungsweise Freude, Vergnügen und gerade nicht nur Pflichterfüllung im Sinne des biblischen Gebots „Seid fruchtbar und mehret euch“. Zur (Ehe-)Mannespflicht, so die Talmudisten weiter, gehöre auch das körperliche Vergnügen der Frau. Da die meisten Zuschauer von „Unorthodox“ wahrscheinlich das Judentum noch weniger kennen als Christentum und Islam, werden sie daraus fehlschließen, „das Judentum“ verdamme „Fleischeslust“. So wird „Aufklärung“ in Fehlinformation verwandelt und „das“ Judentum als frauenfeindlich stigmatisiert.

          Der Mann sei „König“, nicht nur im Bett

          Kein Wunder, dass bei Esty und ihrem Mann Yanki der Liebesakt stereotyp zur plumpen Mann-Frau-Gymnastik und, ja, zum total verkrampften Rein-und-raus-Kampf der Geschlechter verkommt. Weder Lust noch Liebe und die Körper, ganz wörtlich, „undercover“, also nur unter der Bettdecke. Wenigstens Pornographisches bleibt einem erspart. Auf die Fortpflanzung komme es an. Als „es“ zum ersten und einzigen Mal mühsam (bei ihm) klappt, reicht es zu Estys Schwangerschaft. Mission erfüllt? Bei einer der vielen Diskussionen um ihren verkorksten Sex erinnert Esty ihren Mann an das vom Talmud den Frauen zugedachte Lustgebot. Er kontert: Frauen dürften den Talmud gar nicht lesen.

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