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„Unorthodox“ bei Netflix : So sieht Religion im Schwarzweißfilm aus

  • -Aktualisiert am

Der Mann sei „König“, nicht nur im Bett, wird Esty tags darauf von ihrer Schwiegermutter belehrt, denn – was Wunder? – über die Beischlafschlacht hatte der Sohnemann ihr berichtet und die Mama um Intervention bei der Frau Gemahlin gebeten. Woraus wir lernen: Die orthodox-jüdische Schwiegermutter mischt auch im Bett des Paares mit. Was zwar dem Klischee vom jüdischen Matriarchat entspricht, doch dem Klischee von der nur unterdrückten orthodoxen Frau widerspricht.

Ich zweifele keine Sekunde daran, dass Deborah Feldman all das wirklich erlebt hat und ähnliche Ungeheuerlichkeiten in anderen orthodoxen Gemeinschaften, jüdischen und nichtjüdischen, geschehen, aber hier wird die Perversion der Religion als vermeintlich allgemeine Normalität der Religiosität dargeboten. Dass es jüdisch-innerreligiöse, auch innerorthodoxe Gegenargumente und Weltbilder gab oder gibt, können die Zuschauer einer solchen Darbietung nicht einmal ahnen, denn welcher Zuschauer könnte Estys Talmudzitat in die jüdische Tradition und Ethik einordnen?

Vergleich zum islamischen Fundamentalismus

Natürlich muss ein Film keine allgemeingültigen, repräsentativen Darstellungen bieten. Einzelne Erzählungen, Personen und Situationen stehen im Mittelpunkt. Doch diese Serie suggeriert dem Publikum unausgesprochen, dass diese Versteinerung, diese Perversion die jüdische Orthodoxie oder gar die jüdische Religion an sich wäre. Kein Wunder, dass manche Kritiker des Buches und der Serie den irreführenden Vergleich zum islamischen Fundamentalismus zogen. Weshalb irreführend? Es gibt viele Gründe, entscheidend sind diese: Das Judentum ist keine missionierende Religion, und keiner dieser ultraorthodox-jüdischen Fundamentalisten drängt anderen Religionen seine Lebensweise auf oder greift im Namen seiner Religion(spolitik) zu Bombe oder Messer.

Auch bezüglich des Christentums sind die Filmemacher nicht ganz sattelfest. Als eines New Yorker Tages der zuvor verstoßene, weil kriminelle Bösewicht vom Dienst, Moische, sich wieder in der orthodoxen Gemeinschaft sehen lässt (um später Esty in Berlin zu verfolgen und nach Williamsburg, zu den Chassidim, zurückzuentführen), spricht einer der frommen Chassidim erfreut von der „Rückkehr des verlorenen Sohnes“. Absurd, denn kaum ein ultraorthodoxer Jude, erst recht kein Satmarer, dürfte das neutestamentliche Gleichnis vom verlorenen Sohn kennen. Und wenn er es kennt, wird er es nicht zitieren.

Aus der streng religiösen Welt der Williamsburger Satmarer flieht Esty ins hippe, ketzerische, permissive, höchst diverse Berlin. Es ward Licht. Nicht nur im kosmologischen Schöpfungsakt des Buches Genesis, auch in dieser Serie.

Ganz happy ist das Ende nicht, aber eigentlich doch: Der im Kern ganz liebe, aber schuldlos hirngewaschene Yanki, der mit Bösewicht Moische Esty aus Berlin entführen wollte, erkennt, dass sie zwar „anders als andere Mädchen“, aber doch ein prachtvoller Mensch ist. Ergo: Hurra, der Mensch ist nicht mehr für die Religion da. Aber vielleicht ist Religion – welche auch immer und nicht zuletzt in Zeiten der Epidemie – ohne Perversion gerade doch für den Menschen da und bietet ihm Halt, Trost, Orientierung und ethischen Kompass über das Hier-und-heute-Dasein hinaus ins Sein? Antworten hierauf gibt diese Serie nicht. Sie stellt nicht einmal eine Frage hierzu. Sie bietet Unterhaltung und nicht immer fehlerfreie Belehrung.

Unorthodox startet heute bei Netflix.

Michael Wolffsohn lehrte an der Universität der Bundeswehr München Neuere Geschichte. Zuletzt erschien von ihm „Tacheles. Im Kampf um die Fakten in Geschichte und Politik“ (2020) und „Deutschjüdische Glückskinder“ (2019).

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