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Serie „Big Sky“ bei Disney : Mädchen gegen Jungs

  • -Aktualisiert am

Lässt sich nichts erzählen: Die Detektivin Jenny Hoyt (Katheryn Winnick) ist den Entführern dicht auf der Spur. Bild: ABC

Das Streamingportal Disney+ buhlt mit dem neuen „Star“-Programm um erwachsene Zuschauer. Die Serie „Big Sky“ ist ein visuell faszinierender Aufschlag. Inhaltlich wäre da noch Luft.

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          Warum ist da noch niemand draufgekommen? Auch in „Big Sky“ steht die himmlische Botschaft nicht im Mittelpunkt, aber sie ist da, ganz eindeutig: Es gibt ein Leben nach Corona. Mehrfach erwähnen Figuren hier die zurückliegende „pandemische Zeit“ oder weisen darauf hin, dass eine Kneipe den Lockdown nicht überstanden habe. In kleinen Textilläden erhält man immer noch zehn Prozent „Covid-Rabatt“. Manch ein Brummifahrer ist hygieneverrückt geworden, rubbelt Prostituierte mit Desinfektionsmittel ab, aber Masken braucht in Montana niemand mehr. Alle Einrichtungen sind geöffnet wie eh und je, Affären mit Arbeitskollegen erblühen wieder, und einmal die Woche ist Altenschwof in der Kommunalscheune. Die von David E. Kelley („Ally McBeal“, „Big Little Lies“) kreierte Krimi-Serie spielt also nicht (wie so oft) in einer unversehrten Parallelwelt, sondern, leicht in die Zukunft projiziert, in der unsrigen, die sich so a priori als zur Heilung fähig erweist.

          Besser ist diese Welt nicht geworden. Es gehen noch dieselben Psychopathen um, die sich ihre Verbrechen (in diesem Fall verschwinden junge Prostituierte) als moralisches Ausputzen schönreden, was spätestens in dem Moment kollabiert, als mit den Schwestern Danielle (Natalie Alyn Lind) und Grace (Jade Pettyjohn) zwei blitzsaubere amerikanische Teenager in die Fänge der Entführer geraten. „Big Sky“ ist kein Whodunit. Wir wissen von Beginn an, dass Truck-Fahrer Ronald (Brian Geraghty) die Frauen raubt. Mit Ende dreißig lebt Ronny, der zur besonders gefährlichen Gattung der Loser-Psychopathen gehört, noch bei seiner Mutter (Valerie Mahaffey), die, selbst nicht ganz knusper, den zunehmend gestressten Sohnemann gern einmal zum Entspannungsmasturbieren auf sein Zimmer schickt. Die frechen Teenager hat Ronny entführt, weil er sich – in einer kleinen filmischen Verneigung vor Steven Spielbergs „Duell“ (1971) – von ihnen provoziert fühlte. Sein Kompagnon, dessen Identität bald enthüllt wird, ist davon keineswegs begeistert.

          Auf der Gegenseite haben die Privatdetektivinnen Jenny Hoyt (Katheryn Winnick) und Cassie Dewell (Kylie Bunbury) zunächst ein ganz anderes Problem: eine Affäre zwischen Cassie und ihrem Agentur-Partner Cody (Ryan Phillippe), der zugleich Jennys Ex-aber-Noch-Mann ist. Als dieser von der Suche nach den Teenagern, eine davon die Freundin von Codys und Jennys Sohn, nicht zurückkehrt – die Pilotepisode endet mit einem atemberaubenden Cliffhanger –, müssen die Rivalinnen, die sich als echte Cowgirls eben noch die Lippen blutig geprügelt haben, eng zusammenarbeiten. Und sie tun das mit so großem Erfolg, dass sie bald auf der richtigen Spur sind. Es wird dennoch ein langes Katz-und-Maus-Spiel, bei dem sich Jenny und Cassie zunächst an dem bedrohlich schrägen Lokalpolizisten Rick die Zähne ausbeißen. Faszinierend verkörpert wird Rick von John Carroll Lynch, der schon als Norm Gunderson in „Fargo“ (auch sonst hier eine nicht ganz ferne Referenz) eine gute Figur machte.

          Die Inszenierung verantwortet eine ganze Batterie von Regisseuren, wobei Kelleys übergreifende Stilvorgabe „Great American Iconography“ gelautet zu haben scheint: hinreißende Naturpanoramen, amerikanische Diners mit ihrem ewigen Fünfziger-Antlitz, chromblitzende Hauben-Trucks in der Abendsonne, Holzvillen mit enormen Veranden. Selbst das unterirdische Verlies für die Entführten wirkt heroisch. Der Form halber werden einige falsche Fährten verfolgt, was recht witzlos ist, wenn die Zuschauer weit mehr wissen als die Ermittler. Noch bemühter wirkt das Unterfangen, „Diversity“-Anforderungen nicht nur zu erfüllen, sondern ständig zu thematisieren. So wurden etwa inhaltlich nicht weiter motivierte Gespräche mit einer Transgender-Prostituierten (Jesse James Keitel) über die mangelnde gesellschaftliche Akzeptanz von Übergeschlechtlichkeit eingefügt. Und die alten weißen Männer, die von den kämpferischen Detektivinnen gejagt werden, sind nicht nur so toxisch, rassistisch und paternalistisch, wie es der aggressivste Feminismus lehrt, sie versuchen den Spieß auch noch umzudrehen. Rick, in die Enge getrieben, wirft Cassie, die er „Missy“ nennt, vor, als schwarze Frau voller Vorurteile gegen weiße Polizisten zu sein. Und er kommt obszön weit damit.

          Spannend wird es aber doch immer wieder, zumal es gar nicht so sehr um den mäßig originellen, allzu gestreckten Krimi-Plot geht, sondern um die Maskulinitätsdramen um diesen herum. Neben Ronnys epischem Ödipus-Komplex ist das vor allem Ricks Verhältnis zu seiner durch ihn depressiv gewordenen Frau (Brooke Smith). Mehr als eine gutaussehende, kurzweilige Routineproduktion ist die ABC-Serie „Big Sky“, eines der Kernformate des ab heute freigeschalteten „Star“-Kanals des Streamingdiensts Disney+, allerdings nicht. Mit der „Star“-Offensive (über 300 Filme und Serien) will man auch ältere Zuschauer stärker an die familienfreundliche Plattform binden.

          Einen Schwerpunkt legt Disney dabei auf regionale Inhalte. Bis 2024 sollen allein fünfzig Produktionen in Europa beauftragt werden. Bestätigt sind bislang zwei deutsche Originalserien: zum einen die Biographie „Sam – Ein Sachse“ über den ersten schwarzen Polizisten Ostdeutschlands („eine Mediensensation“), zum anderen die Komödie „Sultan City“, eine Art „Breaking Bad“ mit deutschtürkischer Familienmutter in der Hauptrolle. So ganz ernst nimmt man uns in Entenhausen offenbar nicht. Vielleicht hat man im freudetrunkenen Leben nach Corona aber tatsächlich mehr Lust auf charmante Multikulti-Inhalte als auf Psychopathen-Genderthriller vom „Highway of Tears“.

          Zwei Episoden von Big Sky sind von heute an im Star-Kanal von Disney+ abrufbar, weitere Folgen immer freitags.

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