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Fernsehserie „Belgravia“ : Eine Herablassung, ist es nicht?

  • -Aktualisiert am

Auch als der Afternoon Tea erfunden wurde, gab es Liebesblicke, die nicht standesgemäß waren. Szene aus „Belgravia“. Bild: ITV

Wo er hinsieht, erblickt er Klassenunterschiede: Wie Julian Fellowes mit seiner neuen Fernsehserie „Belgravia“ an den Erfolg von „Downton Abbey“ anknüpfen will.

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          Die von 2010 an ausgestrahlte Fernsehserie „Downton Abbey“ eröffnete mit dem Untergang der Titanic. Julian Fellowes’ jüngste Exkursion in die britische Klassengesellschaft beginnt am Vorabend der Schlacht von Waterloo in Brüssel mit einem Vorspiel, das den Rahmen absteckt für das Drama, das sich ein Vierteljahrhundert später in London abspielen wird, genauer gesagt in Belgravia, hinter den weißen Stuckfassaden des damals neuen Nobelviertels der Hauptstadt. Dort, in dem von dem Bauunternehmer Thomas Cubitt in klassizistischem Stil entwickelten Viertel, bezog die arrivierte Mittelschicht der postnapoleonischen Ära neben dem alteingesessenen Adel Quartier.

          Gina Thomas

          Feuilletonkorrespondentin mit Sitz in London.

          In diesem Nebeneinander findet Julian Fellowes frischen Nährboden für den Stoff, mit dem der Oscar-prämierte Drehbuchautor Karriere gemacht hat – die feinen Nuancen zwischen den Ständen, die sich vor dem Hintergrund historischer Ereignisse und sozialer Entwicklungen in oft winzigen Details offenbaren. Das galt für den Film „Gosford Park“ und „Downton Abbey“ genauso wie jetzt für die beiden Sechsteiler, die beide innerhalb weniger Tage ausgestrahlt wurden: die ITV-Verfilmung von „Belgravia“ nach Fellowes’ ursprünglich als digitaler Fortsetzungsroman konzipierten Vorlage und das Netflix-Drama „The English Game“ über die Ursprünge des professionellen Fußballsports im Klassenkampf des ausgehenden neunzehnten Jahrhunderts zwischen Oberschicht und Arbeiterschaft.

          Und während diese beiden Serien anlaufen, sind jenseits des Atlantiks bereits die Dreharbeiten im Gange für Fellowes’ lang angekündigtes Historiendrama, „The Gilded Age“, welches sein bewährtes Muster auf die New Yorker Verhältnisse im Boom der 1880er Jahre übertragen soll.

          Wenn Musik ertönt in Wollustschall

          So wie das Schiffsunglück in „Downton Abbey“ die Erbfolge der Grafen Grantham durcheinanderbrachte, wirkt sich in „Belgravia“ der Verlust des einzigen Sohnes des Grafen Brockenhurst bei Waterloo auf die Zukunft seines Adelsgeschlechts aus. Wir begegnen Lord Edmund Bellasis, den Fellowes als Neffen der wahrhaftigen Herzogin von Richmond erdichtet, bei ihrer Soiree am Vorabend der Schlacht, die Elizabeth Longford, die Biographin des Herzogs von Wellington als den „berühmtesten Ball der Geschichte“ bezeichnet hat. Unter den funkelnden Kristalllüstern vereinen sich „Frau’n wie Ritter“ zum Fest; „holder Schönheit Pracht / Und Tapferkeit im Lampenglanz erscheinen, /daß tausend Herzen hochbeglückt sich meinen“, ganz wie Lord Byron es in seinem Versepos „Childe Harolds Pilgerfahrt“ beschrieben hat. „Dann, wenn Musik ertönt in Wollustschall, / Ergeh’n sich Liebesblick in Hoffnungshainen.“

          Der unstandesgemäße Liebesblick der jungen Sophia Trenchard ist auf Lord Bellasis gefallen, der ihn zu erwidern scheint. Sophias Vater James Trenchard ist vom Marktständler zum Proviantlieferanten von Wellingtons Armee aufgestiegen, hoch genug, als dass die Offiziere ihn hofierten, die um die Versorgung ihrer Soldaten besorgt sind, aber noch nicht hoch genug, als dass sie ihn auf gesellschaftlicher Ebene von Gleich zu Gleich behandelten. Umso eifriger ermutigt er die Liebschaft zwischen seiner Tochter und dem künftigen Grafen Brockenhurst, zum Leidwesen seiner Frau Anne, deren bodenständiger Scharfsinn sich in der subtilen Darbietung von Tamsin Greig mit der nüchternen Erkenntnis verbindet, dass die gesellschaftlichen Normen ihr wenig Handlungsspielraum geben. Liebe und Ehrgeiz machen Tochter und Mann taub für ihre Warnungen.

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