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„Tribes of Europa“ bei Netflix : Ein Königreich für ein Interrail-Ticket

Im Power-Panda-Look: Emilio Sakraya kämpft als Kiano in der Arena. Bild: Netflix

BDSM-Samurai und bewaffnete Pfadfinder: Das deutsche Netflix-Großprojekt „Tribes of Europa“ zeigt einen Kontinent, auf dem die Stämme herrschen. Das wirkt alles sehr berechnet.

          3 Min.

          Wie könnte sie eigentlich vonstattengehen, diese romantische „Mad Max“-Postapokalypse, in der die Menschheit in ein neues, brutales, aber auch irgendwie karnevalesk-schönes Stammeszeitalter zurückfällt? Woraus werden die Stämme erwachsen? Aus den Kiezen der Großstädte? Aus den Dorfgemeinden? Aus der Fitnessstudio-Zugehörigkeit? Aus militanten Mutter-Kind-Gruppen? Aus der Affinität zu bestimmten sozialen Netzwerken, Unternehmen, politischen Idealen, Modestilen oder Instagram-Ikonen? Wird Andreas Scheuer es trotzdem irgendwie schaffen, Verkehrsminister zu bleiben?

          Axel Weidemann
          Redakteur im Feuilleton.

          Das sind Fragen, auf die die ehrgeizige Netflix-Serie „Tribes of Europa“ keine Antworten gibt. Der europäische Kontinent ist hier in kleinste Stammesterritorien zerfallen, nachdem der „schwarze Dezember“ im Jahr 2029 alle Technik unbrauchbar gemacht hat und die Systeme kollabiert sind. In einer der sechs bisher vorrätigen Episoden wird das so erklärt: „Technik, batsch, aus! Licht aus und Finsternis. Und dann? Das Mittelalter!“ So schnell kann’s gehen.

          Da macht natürlich jeder, was er kann. Die „Origines“ leben als bewaffnete Hippies isoliert im Grünen und folgen einer pantheistischen Naturmystik. Die Amazonen heißen hier „Femen“, bemalen sich und reiten auf Pferden. Berlin (ohne Berlin geht bei Netflix nichts) heißt hier Brathok und wird von einem Klan sadistischer BDSM-Samurai beherrscht, die sich „Crows“ und ihre Vasallen „Bozies“ nennen, Drogen verticken, Sklaven halten und Europa unterjochen wollen. Woher ihre generelle Missgestimmtheit stammt, bleibt im Dunkel ihrer Lidschatten, ließe sich aber mit einem lebenslangen Hausverbot im KitKat-Club erklären. Bleibt die „Crimson Republik“, eine patriarchalische Pfadfindertruppe, die sich aus den Überresten einer kurz vor 2029 ins Leben gerufenen gesamteuropäischen Armee bildete und nun von Kapitän Iglo angeführt wird.

          Dieses Erzählvorhaben ist ambitioniert

          Sprung ins Jahr 2074: Das Geschehen folgt den drei versprengten Origines-Geschwistern Liv (Henriette Confurius), Kiano (Emilio Sakraya) und Elja (David Ali Rashed), die getrennt werden, als ihr Stamm nach dem Absturz eines mysteriösen Fliegers von Crows angegriffen wird. Liv gesellt sich zur Crimson Republik, Kiano kommt als Sklave nach Berlin, und Elja, der ein Würfel-Artefakt nahe der Absturzstelle gefunden hat, schlägt sich auf eigene Faust durch, um das Artefakt, das ihm überantwortet wurde, an seinen Bestimmungsort zu tragen: die atlantische Arche. Sie soll die Menschen vor einer „schwarzen Welle“ retten, die aus dem Osten naht und Tod und Verderben bringt.

          Man sieht, dieses Erzählvorhaben ist ambitioniert. Und man kann seinen Schöpfern (Regie Florian Baxmeyer und Philip Koch, der mit Jana Burbach und Benjamin Seiler auch das Buch schrieb) nur zu ihrem Mut gratulieren. Denn so- sehr diese Serie an dem scheitert, was sie zeigen will, so wichtig ist es doch für das deutsche Fernsehen, derartige Gehversuche fernab des üblichen Sozialhistoriennazidramabetons zu unternehmen.

          Leider wirkt dieses Projekt von der ersten Folge an, als habe der geheime Netflix-Algorithmus berechnet, welche Zutaten zu welchen Anteilen vorkommen müssen, damit die Serie vor einem internationalen Publikum Erfolg hat: Natur, zwanzig Prozent. Sex, fünfzehn Prozent. Schwerter, neun Prozent. Pferde, fünf Prozent. Armbrüste, fünf Prozent. Romantik, zehn Prozent. Blut, acht Prozent. Komik, acht Prozent. Gestählte Oberkörper, zehn Prozent. Party, zehn Prozent. Hinzu kommt der atlantische Zauberwürfel als klassischer McGuffin, ein prominenter Gegenstand, der nichts anderes tut, als einen Handlungsstrang voranzutreiben, selbst aber kaum Bedeutung hat. Der Zuschauer sieht dem Würfelträger Elja zu, sieht Oliver Masucci als dessen verschrobenen Gefährten Moses (zweiter Lichtblick neben Sebastian Blomberg als überdrehter Krähenkapitän Ivar) und fragt sich in einem fort, warum die beiden tun, was sie tun. Dialoge laufen häufig auf „wenn du leben willst, steig ein“, oder „Oh, fuck“ hinaus.

          Höhepunkte der Episoden sind Szenen, in denen Emilio Sakraya am Ende oben ohne dasteht und all der kranken Gewalt um ihn herum mit versteinerter Miene begegnet. Die Kamera (Christian Rein) bleibt in vielen Szenen auffällig distanziert, filmt aus der Totale, in der jedoch oft klar wird, dass das Set der gewünschten Atmosphäre nicht standhält, auch wenn die Drehorte imposant sind. Wenn dann noch der von Clinton Shorter bestückte Pop-Musik-Soundtrack einsetzt und die Kamera um das Denkmal von Petrova Gora kreist, das einer Crimson-Einheit als Stützpunkt dient, meint man, sich in einem Viva-Musikvideo wiederzufinden.

          Gerne hätten wir erfahren, wie die Stämme wurden, was sie sind und woher der Strom für die ganzen Neonlampen kommt. Stattdessen gibt es Versatzstücke aus „Mad Max“ (mitsamt Donnerkuppel-Disko), „Die Tribute von Panem“ und „Stargate“. Es drängt sich der Verdacht auf, dass es die vielbesungene kreative Freiheit bei Netflix und ähnlichen Geldschleudern entweder nicht gibt oder dass die deutsche Filmbranche sie nicht zu nutzen weiß. Doch die ersten Schritte, dies zu ändern, werden gerade unternommen.

          Tribes of Europe, von diesem Freitag an bei Netflix.

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