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TV-Serie „Babylon Berlin“ : Krieg war gestern, heute ist Varieté

Tagsüber arbeitet sie für die Polizei, nachts verdingt sie sich als Gelegenheitsprostituierte: Charlotte Ritter (Liv Lisa Fries).

Kutschers Bücher, könnte man sagen, sind das Missing Link der deutschen Literatur zurNazizeit: Sie füllen die Lücke zwischen Döblin und Böll, zwischen Kästners „Fabian“ und der „Deutschstunde“ von Siegfried Lenz. Dabei bleibt Kutschers Prosa immer in den Grenzen des Genres. Sie reckt sich nicht in Zauberberg-Höhen, sondern rackert sich am Gegebenen ab. Für Germanisten ist sie unergiebig, für das Kino ein gefundenes Fressen.

Im „Nassen Fisch“ liegt das Reich der Nazis noch in der Ferne. Dafür beherrschen, neben den Kalten Kriegern der Reichswehr, die Kommunisten die Bühne. Der „Blutmai“, bei dem in Neukölln und im Wedding dreiunddreißig Menschen starben, ist der zeitgeschichtliche Anker des Romans und ein Hauptereignis der Serie. Aber das Herz von „Babylon Berlin“ schlägt im Moka Efti, einem Varieté mit angeschlossenem Bordell, in dem die Russin Sorokina ihr Lied von der Auferstehung aus der Asche singt und Charly Ritter als Gelegenheitsprostituierte arbeitet. Im Moka Efti findet Rath die Filmrollen, die der Grund seiner Entsendung nach Berlin sind, und von hier aus kommt auch die Jagd auf den Waggon mit dem russischen Gold in Gang, die das Rückgrat der verzweigten Handlung bildet.

Was will der Kommissar aus Köln wirklich in Berlin? Volker Bruch spielt Gereon Rath.

Vierzig Millionen Euro hat die Serie gekostet. Das sieht man, und man sieht es nicht. Das Moka Efti etwa ist ein Schauplatz, dem bei allem Raubtierglanz die labyrinthische Tiefe fehlt. Dafür wirken die Straßenszenen, für die in Babelsberg eine neue Großkulisse gebaut wurde, um so suggestiver. Die Spree vor dem Bode-Museum und die Stadtbahnbrücke am Bahnhof Friedrichstraße kommen ohne Double aus. In den Außenaufnahmen saugt sich die Kamera mit atmosphärischer Spannung auf, die sie in den Innenräumen verdichtet. Der Krieg auf dem Asphalt setzt sich in den Tanzpalästen als rhythmischer Kampf der Körper fort. Das Braunhemd wartet im Hintergrund der Szene, auf der sich Paare in allen sexuellen Spielarten tummeln. Von der Orgie zum stampfenden Gleichschritt ist es nur ein Katzensprung. Die Tanzenden ahnen nicht, dass die Hölle, der sie entronnen sind, demnächst wieder auf dem Programm steht.

In jeder erfolgreichen Serie gibt es den Punkt, an dem man als Zuschauer seine Zweifel begräbt und sich dem Wellenschlag der Geschichte hingibt. In „Babylon Berlin“ kommt er relativ spät. Es dauert eine Weile, bis man sich an Volker Bruchs Rath gewöhnt hat, der wie eine Fallada-Figur mit Dienstpistole aussieht. Noch länger dauert es, bis man in die Wolke ekstatischer Melancholie eintaucht, die die Musik von Tykwer und Johnny Klimek über die Bilder breitet. Aber wenn der Moment der Immersion endlich da ist, wirkt er so enthemmend wie der Kick, den Gereon Rath aus der Flüssigkeit in den braunen Glasröhrchen zieht, mit denen er sein Kriegszittern bekämpft. Von da an ist man an den Kommissar aus Köln gekettet, egal, ob er zuckend in der Toilette liegt oder berauscht im Varieté. Und alle, die ihn umgeben, strahlen im Licht der gelungenen Illusion: Liv Lisa Fries als Charlotte, Matthias Brandt als Benda, Lars Eidinger als Nyssen, Severija Janusauskaite als Sorokina, Jördis Triebel als kommunistische Ärztin. Und Peter Kurth als Bruno Wolter, der in einer anderen Liga spielt, auf Augenhöhe mit Heinrich George und den anderen Unsterblichen des deutschen Films.

Das Ziel dieser Serie konnte nicht darin bestehen, den Roman von Volker Kutscher buchstabengetreu nachzuerzählen. Sie versucht es nicht einmal; sie schifft sich auf Kutschers Buch ein und segelt dann ihren eigenen Kurs. Worum es Tykwer, von Borries und Handloegten in Wahrheit ging, war, das Berlin der Goldenen Zwanziger ins audiovisuelle Gedächtnis der Gegenwart zu pflanzen. Und das ist ihnen geglückt, nicht nur ein bisschen, sondern triumphal. Nach „Babylon Berlin“ sieht die Ikonographie des zwanzigsten Jahrhunderts im filmischen Medium anders aus. Jetzt können viele Serien kommen, die in jenen Jahren zwischen Himmel und Hölle spielen, gute und schlechte und hoffentlich auch einige nach den Romanen von Volker Kutscher. Aber diese wird immer die erste bleiben. Die Matrix. Das Urbild. Das Traumgesicht einer Stadt ohne Schlaf.

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