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Serie „Tokyo Vice“ bei Amazon : Ein junger Amerikaner in Japans Unterwelt

  • -Aktualisiert am

Jake (Ansel Elgort, li.) macht sich kundig. Bild: Starzplay

Die Serie „Tokyo Vice“ erzählt von der erstaunlichen Karriere des Reportes Jake Adelstein. Kritiker meinen, er habe es mit seiner Story übertrieben. Die filmische Bearbeitung tangiert das nicht. Wir sehen einen faszinierenden Noir-Thriller.

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          „Du bist Amerikaner, also meinst du, viel talentierter zu sein, als das eigentlich der Fall ist“, sagt Tin Tin (Kosuke Tanaka) in einer Szene aus „Tokyo Vice“ zu seinem Freund Jake (Ansel Elgort) aus Missouri. Tatsächlich scheint Jakes robustes Ego ihn gegen die Maßregelungen, Herabsetzungen und Anfeindungen seiner Vorgesetzten und anderer Menschen in seiner Wahlheimat Japan fast immun zu machen. Denn Jake hat einen Traum: Er will Kriminalreporter werden, und nicht im langweiligen Missouri, sondern bei einer der größten Zeitungen der Millionenstadt Tokio am anderen Ende der Welt.

          Die Adaption der gleichnamigen Autobiographie des echten Jake Adelstein durch den Dramatiker J. T. Rogers zu einer achtteiligen Fernsehserie ist ein stimmungsvoller Noir-Thriller im Zeitungsmilieu. Das Stück zeichnet den Aufstieg des jungen Adelstein vom viel beschimpften „Gaijin“, „Außenseiter“, zum herausragenden investigativen Journalisten im Japan der Neunzigerjahre nach; die Auftaktepisode wurde von Michael Mann („Miami Vice“, „Heat“) inszeniert, der hier auch produziert.

          Durch Fleißarbeit und eine Reihe glücklicher Fügungen gerät Jake zum Schützling des schlachterprobten Kriminalbeamten Hiroto Katagiri (Ken Watanabe), der nach eigenen Worten damit betraut ist, unter den konkurrierenden Yakuza-Gangs Tokios „den Frieden zu wahren“ – soll heißen, die Machtstrukturen der japanischen Mafia im Gleichgewicht zu halten und Gemetzel zu verhindern. Es ist eine unwahrscheinliche Karriere, in deren Verlauf ein milchgesichtiger junger Mann mit einer Wohnung, die so lang und breit ist wie er selbst, Zutritt zur japanischen Unterwelt erhält und sich als investigativer Journalist profiliert.

          Der echte Jake Adelstein kam aus Missouri

          Der echte Jake Adelstein war mit neunzehn Jahren aus Missouri im amerikanischen Mittelwesten nach Japan übergesiedelt, um an der Sophia-Universität japanische Literatur zu studieren. 1993 wurde er, kaum vierundzwanzigjährig, als erster westlicher Journalist bei der Zeitung „Yomiuri Shimbun“ angestellt, dem damals auflagenstärksten Blatt der Welt. Auf dem Höhepunkt seiner Karriere und nach mehr als einem Jahrzehnt als Reporter enthüllte er, dass sich mehrere ranghohe japanische Mafiabosse mit großen Spenden Lebertransplantationen in einer Klinik in Los Angeles erkauft hatten. Darunter war auch der Yakuza-Boss Tadamasa Goto, dessen Informationen über Yakuza-Operationen ans FBI im Gegenzug für die Einreisegenehmigung sich als sehr dünn erwiesen.

          Viel ist über die Wahrhaftigkeit von Adelsteins Memoiren diskutiert worden; zum Start der Serie veröffentlichte der „Hollywood Reporter“ ein großes Stück über die vielen Widersprüche von Adel­steins Behauptungen. Unter anderem werden aufgeworfene Zweifel von Adel­steins Freund und Kollegen Naoki Tsujii gestützt, der Pate für die Figur des Tin Tin stand. Tsujii ist inzwischen Literaturprofessor an der Universität von Kyoto. Er befand, dass manche von Adelsteins Schilderungen stark übertrieben seien. Adelstein selbst beharrte gegenüber dem Blatt darauf, dass „nichts in dem Buch erfunden ist. Alles ist so geschrieben, wie es geschah.“

          Der Produzent John Lesher („Birdman“) meint indes, die Frage der Authentizität sei eher nebensächlich, da die Serie nur „lose“ auf den Memoiren Adelsteins basiere. Und ein gute Story ist es allemal, wie hier ein schlaksiger Amerikaner gegen alle Widerstände nicht nur eine fremde Sprache und Schrift meistert, sondern sich die komplizierten und militärisch strengen Regeln und Gepflogenheiten einer fremden und ihm gegenüber oft feindseligen Kultur aneignet, um sich ihre größten und gefährlichsten Geheimnisse zu erschließen.

          Neben Jake tauchen bald zwei weitere zentrale Figuren auf, die in Tokio ihren Weg suchen: Die Amerikanerin Saman­tha (Rachel Keller) arbeitet als Hostess in einem Edelklub. Sie bewegt sich in dieser Welt mit der gebotenen Anmut und der nötigen kühlen Berechnung, die Jake noch lernen muss. Und dann ist da noch Sato (Sho Kasamatsu), ein junger Geldeintreiber, der am Scheideweg zwischen seinem Gewissen und einer Yakuza-Karriere steht. Die Pfade dieser drei verweben sich in einer Welt, die ebenso fremd wie faszinierend und gefährlich ist.

          „Tokyo Vice“ nimmt sich Zeit bei der Einführung in diesen Kosmos. Während man Jakes zunächst tapsigen Schritten folgt, entfaltet die Außenseiterperspektive einen betörenden Sog. Ganz wie er versucht man, inmitten einer hoch aufgeladenen Atmosphäre aus harten Mienen und knappen Gesten (ein einziger Zug an der Zigarette spricht hier, in bester Noir-Tradition, Bände) die Zwischentöne herauslesen, sich in den verschachtelten Machtstrukturen und den archaischen Regeln der Tokioter Ober- und Unterwelt zurechtzufinden, ohne ins allgegenwärtige offene Messer zu laufen. Freilich könnte es, wie Tin Tin bemerkt, „schlimmer sein: Du könntest in Missouri sein.“

          Tokyo Vice läuft bei Starzplay auf Amazon Prime Video.

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