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„The Punisher“ bei Netflix : Batman für Bekloppte

Keine schöne Figur, keine schöne Geschichte: Joe Bernthal spielt den „Punisher“. Bild: Netflix

Killer ohne Kompass: „The Punisher“ bestraft bei Netflix alle, die an makellose Superhelden glauben wollen. Dieser Mann hat keine Orientierung mehr und macht keine Gefangenen. Sein Scheitern ist lehrreich.

          Bevor den Leuten die Superheldenschwemme endgültig bis zum Hals steht, sagt der Zeitgeist: Moment, einen hab‘ ich noch. Ignorieren sollte man den nicht; er passt nämlich wie die sprichwörtliche Faust aufs Auge in den Augenblick, da das Publikum anfängt, sich von den kostümierten Übermenschen, die das Kino und die Bildschirmformate in den zehn Jahren seit „Iron Man“ (2008) gestürmt haben, allmählich wieder abzuwenden.

          Dietmar Dath

          Redakteur im Feuilleton.

          Denn seine große Zeit im Comic hatte der Typ, um den es geht, in den späten Achtzigern und frühen Neunzigern, als die Heftchenbranche sich in einer sehr ähnlichen Krise befand, weil ihre Erzählformen und Moralbotschaften an schleichender Klischeeverpestung krankten. Der „Punisher“ war dem alten Heldenmodell des staatstragend-biederen Kraftmeiers buchstäblich ein Feind; sein erster Auftritt im Jahr 1974 zeigt ihn beim Versuch, Spider-Man, den beliebten Trapezkomiker der Selbstjustiz, um die Ecke zu bringen.

          Comicfiguren mit mehr Wut als Skrupeln zum Vorbild

          Als die Dealer und Räuber, mit denen Spider-Man seine kleinen Straßenkampfsportwettkämpfe auszutragen pflegte, von Heroin und Kokain auf Crack und von Sechs-Schuss-Revolvern auf halbautomatische Kriegswaffen umrüsteten, während global parallel dazu die starre Patt-Ordnung des Kalten Krieges zahlreichen neuen Fronten wich, an denen immer schmutziger gekämpft wurde, wandelte sich das schlechte Beispiel, das der Punisher hatte sein sollen, weil er sich nicht an den alten Superheldenkodex hielt, wonach man die Bösen nicht nur besiegen, sondern auch durchs eigene Verhalten beschämen soll, zum Vorbild für Comicfiguren mit mehr Wut als Skrupeln, Leuten wie Wolverine oder Ghost Rider.

          Den Punisher hat man seither schon dreimal im Kino gesehen, mit eher bescheidenem Erfolg: In zwei Filmen, die jeweils „The Punisher“ hießen, spielte ihn erst Dolph Lundgren (1989), dann Thomas Jane (2004), die künstlerisch einzig interessante Version aber stammt von der Regisseurin Lexi Alexander, heißt „Punisher: War Zone“ (2008) und überzeugt vor allem dank Ray Stevenson in der Hauptrolle, die jetzt, für eine neue Netflix-Serie in Zusammenarbeit mit ABC Studios und Marvel Television, von Jon Bernthal gespielt wird.

          Er trägt den Krieg in sich: Der Punisher (Jon Bernthal) kämpfte auch in Afghanistan.

          Überzeugender hat der Typ weder gezeichnet noch gefilmt je ausgesehen, dessen Fluch und Vorzug darin besteht, dass er das faschistoide Charakterprofil von selbsternannten Nachtwachtmeistern wie Batman oder Daredevil nicht mehr mit Bürgerinitativenphrasen über Nachbarschaftshilfe verbrämt, sondern ganz offen jede Rechtssicherheit, Verfahrensfairness und Menschlichkeit gegenüber dem Geschmeiß über Bord wirft, das seine zwei Kinder und seine Frau auf dem Gewissen hat. Bernthals Kopf sieht aus wie eigens für die Rolle aus Granit gemeißelt, seine Kieferknochen schienen seine Schädeldecke ja schon in „The Walking Dead“ ständig mit der Hebelsprengung des Kopfes zu bedrohen, und in „The Punisher“ fahren seine verhornten Fingerkuppen über die Stoppelfrisur, als wären sie auf der Suche nach einem Zugang zum Gehirn, um es zu zerquetschen.

          Keine schöne Figur, keine schöne Geschichte, kein schöner Anfang der ersten Folge: Verbrecher fahren vor Frank Castle alias Pete Castiglione alias dem Punisher auf Motorrädern davon, schießen nach hinten, er aber trifft besser als sie, weil ihn das Foto, das innen im Frontscheibenrahmen steckt und auf dem seine tote Frau und seine toten Kinder abgebildet sind, nicht ablenkt, sondern wach hält, wütend und wahnsinnig.

          Agieren unauffällig: Die Journalistin Karen Page (Deborah Ann Woll) und Frank Castle alias Pete Castiglione alias der Punisher (Jon Bernthal).

          Der Mann hält nichts von Overkill, sondern tötet stets nur die absolut notwendige Anzahl an Verdächtigen, es sind bei ihm halt nur immer alle, denn er schlachtet nicht die Kleinen, um die Großen laufen zu lassen, sondern er schlachtet die Kleinen, um mit ihren Einzelteilen die Großen totzuschlagen, „the bankers, the cartels“, alles ein Pack.

          Ästhetisch gibt es bei der von Steve Lightfoot produzierten Netflix-Umsetzung dieser Vision dessen, was die Trump-Wählerschaft wollen wird, wenn er kein einziges seiner Versprechen halten kann, nichts zu mäkeln, schon das Vorspann-Titeldesign ist erstklassig – Mündungsfeuer, Pulverdampf, alles schwarz-weiß, denn die Punisherwelt könnte schwärzer und weißer kaum sein, was nicht heißt, dass der Mann nicht auch schwarze Menschen anerkennen kann – es müssen aber Afghanistan-Veteranen sein, die sich, wie er, daran erinnern, dass damals, im Krieg gegen den Terror, die Grenze zwischen Gut und Böse für ihn und seinesgleichen unwiederbringlich verschwommen ist.

          Erzähltechnisch ist die erste Folge eine makellose Thrillerperle: Fast eine Stunde lang wird eine drückende, unerträglich hoffnungslose Stimmung aufgebaut, dann entlädt sich deren Druck wie in den präzisesten Kinobomben von Michael Mann in einer Gewalteruption, die man nihilistisch-apokalyptisch nennen müsste, wenn es zum Punisher hier keine Gegenfigur gäbe und wenn zwischen ihr und ihm nicht die eigentliche Handlung, vorerst unausgetragen, aufgespannt würde: eine iranischstämmige Polizistin namens Dinah Madani, spröde anziehend verkörpert von Amber Rose Revah, die weiß und sagt, wie zerbrechlich das System der Bürgerrechte ist, das Menschen wie ihr eine Lebensperspektive bietet, vom Punisher aber bekämpft wird, weil er es für ein Versteck des Bösen hält.

          Dieser Mann, so erkennt man, wenn man ihn durch ihre Augen sieht, ist faschistoid verrückt geworden nicht aus Ressentiment, sondern aus Orientierungslosigkeit. Die paradoxe Idee der Show scheint zu sein, dass man beim Zuschauen selbst Orientierung gewinnt, wenn man diesem Orientierungslosen beim Durchdrehen zuschaut. Vielleicht klappt das, vielleicht nicht. Aber dass eine Serie in diesem Genre überhaupt das Risiko eingeht, auf so hohem Reflexionsniveau der Frage „Was ist ein Held?“ zu scheitern, hebt sie über die erreichten (und stagnierenden) Standards der Gattung hinaus ins ungemütlich Interessante.

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