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„The Highwaymen“ bei Netflix : Sie machen nur ihre verdammte Arbeit

Warten auf das Unvermeidliche: Auf der Staatsstraße 154, in den Wäldern Louisianas, lauern Frank Hamer (Kevin Costner) und seine Gefährten dem Gangsterpaar auf. Bild: Netflix

Brutal und gespenstisch: „The Highwaymen“ mit Kevin Costner und Woody Harrelson erzählt die Geschichte der Männer, die Bonnie und Clyde jagten.

          Ein wesentliches Prinzip des Grauens besteht darin, dass es im Verborgenen bleibt. Für John Lee Hancocks Film „The Highwaymen“ ist das die oberste Maxime. Die Geschichte spielt zu Zeiten des Gangsterpärchens Bonnie und Clyde, als große Teile der Bevölkerung im südlichen Amerika in glühender Heldenverehrung aus ihnen eine Legende machen. Zu Bonnie Parkers Beerdigung kommen mehr als 20.000 Menschen, zu Clyde Barrows knapp 15.000. Doch der Film erzählt nicht ihre Geschichte. Nur in einer Szene sieht man ihre kindlichen Gesichter; das heißt, die der Schauspieler Emily Brobst und Edward Bossert. Kurz darauf werden sie in ihrem grauweißen Ford V8 erschossen. Die Kamera filmt das von der Rückbank aus, lange und erbarmungslos. Hier werden zwei Teufel ausgetrieben, das Grauen wird mit Grauen bekämpft.

          Axel Weidemann

          Redakteur im Feuilleton.

          Das Drehbuch von John Fusco erzählt die Geschichte jener Männer, die geschickt wurden, diese Teufel auszutreiben – auch aus den Köpfen der Menschen. Als Protagonisten treten auf: das wohl populärste Mitglied der Texas Rangers Division, Frank „Pancho“ Hamer, und sein Kollege Benjamin Maney Gault. Kevin Costner gibt einen bärbeißigen, meist unnahbaren Hamer mit schlechtsitzender Krawatte, während Woody Harrelson dessen Partner Maney Gault ungewohnt zart, sensibel und fast durchscheinend spielt – selbst wenn sein Gesicht zuweilen aussieht wie ein in Schnaps eingelegter Mettigel. Es gab diese Männer. Beide waren traumatisiert. Doch auch davon wird nur am Rande erzählt. Und als Zuschauer hängt man an Harrelsons Lippen, wenn Gault sich an ein Feuergefecht mit Schmugglern während der Prohibition erinnert, in dem er aus Versehen einen dreizehnjährigen Jungen erschoss. Das Gefecht ist verbürgt, der Unfall nicht.

          Die Texas Ranger hatten selbst mit Skandalen zu kämpfen

          Hamer gilt heute als Held der Texas Ranger Division, die zuvor selbst mit katastrophalen Skandalen zu kämpfen hatte: Hilfsranger hatten, als sich die Spannung im Grenzland zwischen Mexiko und Texas im Jahr 1914 erhöhte, die Justiz in ihre Hände genommen und mehr als 5000 Mexikaner erschossen. Danach wurden viele Einheiten aufgelöst. Von 1929 an fehlte in der Weltwirtschaftskrise das Geld. Die Ranger wurden erheblich dezimiert und erst 1935 wieder reetabliert. Frank Hamers so erfolgreiche wie besessene Jagd und deren blutiges Ende am 23. Mai 1934 mögen daran nicht ganz unschuldig gewesen sein.

          Zweifelt an seinem Tun: Woody Harrelson als Texas Ranger Benjamin Maney Gault

          Später wurde durch die Biographie des Anwalts und Historikers John Boessenecker zudem bekannt, dass Hamer sich in Texas auch einen Namen im Kampf gegen den Ku Klux Klan gemacht hat. Demnach sollen er und seine Ranger neben vielen anderen Afroamerikanern eine schwarze Frau, die Opfer einer Vergewaltigung geworden war, im Städtchen Sherman vor einem sechstausend Mann starken Mob geschützt haben. Zwei Anführer schoss Hamer an, bis der Lynchmob das Gerichtsgebäude in Ruhe ließ.

          Doch die Grenze zwischen Held und Monster ist in „The Highwaymen“ (zu deutsche: „Wegelagerer“) stets durchlässig. Kevin Costner verleiht Hamer eine schwerfällige, große Präsenz. Hamer muss, obwohl bereits in Rente, als eine Art moderner Kapitän Ahab tun, was ein Mann in den dreißiger Jahren vermutlich glaubte, tun zu müssen. Allerdings nur mit dem Segen seiner Frau Gladys, von Kim Dickens mit einer ordentlichen Portion texanischer Robustheit ausgestattet. Aber auch mit Verständnis für die Obsession ihres Mannes: „Ich wusste, wer du warst, als ich Dich geheiratet habe.“

          Durch ausladende Panorama-Aufnahmen, ein fast übertriebenes, aber virtuoses Spiel mit Licht- und Schatten (Kamera John Schwartzman), einen gemächlich dahinfließenden Schnitt und von texanischem Dialekt getränkte Dialoge folgt man der Jagdgesellschaft als Zuschauer bereitwillig in jede Sackgasse. Da sind die störenden Anzugträger des FBI, dessen Direktor J. Edgar Hoover es zumindest dem Film nach zur Chefsache gemacht hatte, das Gangsterpärchen zu stellen. Da sind begeisterte Verehrer, die das Pärchen mit Robin Hood vergleichen und decken.

          Und schließlich kämpfen Hamer und Gault mit ihren eigenen Dämonen, die mit jedem Misserfolg vor allem in Letzterem aufsteigen. Für Hamer ist klar, wie die Sache enden wird. Gault aber fühlt sich elend: „Ich hasse es, darüber zu entscheiden, wer leben darf und wer stirbt“, sagt er an einer Stelle. Manche seiner Sätze lässt der Film für Augenblicke tonnenschwer im Raum hängen. Wirklich Spaß hat und versteht hier keiner. Deshalb entlädt sich die – oft mit dem Horrorfilm entlehnten Kniffen – quälend langsam aufgebaute Spannung so brutal und vehement in der letzten Szene.

          Nur ist ausgerechnet diese nicht eindeutig überliefert, da sich die Aussagen derjenigen, die dabei waren (neben Hamer und Gault noch vier weitere Polizisten mit den unterschiedlichsten Motiven) in Teilen widersprechen. Es ist viel Rassiermesser-Männlichkeit in diesem Film. Sehenswert ist er trotzdem. Denn was er uns zu erzählen vermag, ist: In der Rückschau mag diese Art Männlichkeit für unzählige Heldentaten stehen. In der Anschauung aber sind dies oft nur Hinrichtungen.

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