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Dritte Staffel von „The Crown“ : Wo ist der Prinz, der diese Familie erlöst?

Mit Corgis: Olivia Colman als Elisabeth II. Bild: AP

„The Crown“ geht in die dritte Staffel, mit neuen Schauspielern und alten Problemen. Hat man sich erst an Olivia Colman und Tobias Menzies gewöhnt, ist das königliche Unterhaltung.

          3 Min.

          Die mittleren Jahre – das sind auch im britischen Königshaus die Mühen der Ebene. Verflogen ist für Prinzgemahl Philip die Euphorie der Jugend ebenso wie für die anderen, die in ihm und seiner Frau keine Verheißungen des Neuanfangs mehr sehen, sondern aus der Mode geratene Verkörperungen des Establishments. Nicht mehr frisch und noch nicht Gegenstand altersmilder Nostalgie, stets in der zweiten Reihe im Niemandsland aus Pflichtterminen und Sonntagsreden, schaut der Duke of Edinburgh in den Mond. Dort steigt ein Held, nur knapp zehn Jahre jünger als er und doch ein Mann einer anderen Ära, aus der Landefähre von Apollo 11 und senkt als erster Mensch seinen Fuß in den unberührten Staub des Erdtrabanten. Philip kommen vor dem Fernseher im Buckingham-Palast die Tränen.

          Ursula Scheer

          Redakteurin im Feuilleton.

          „The Crown“, die beste und teuerste Seifenoper der Welt, mit der Netflix Maßstäbe gesetzt hat, tritt mit ihrer dritten Staffel in dieselbe Gefahrenzone ein wie ihre Hauptfiguren: Es droht die Erschlaffung, die Gewöhnung an den Ausstattungspomp und die Glanzbesetzung, die Erstarrung im Ritual cineastisch großer Gesten. Aber mit derselben teminatorhaften Quecksilbrigkeit, in der im Vorspann aus flüssigem Gold die Krone wird, dieses alle erdrückende und erhebende Unding, gießt ihr Schöpfer Peter Morgan abermals das alte monarchische Thema von Menschen zwischen Pflicht und Liebe, Rolle und Leben, Nutzlosigkeit und Bedeutung in eine neue Form.

          Dabei hilft ihm die – zunächst reichlich gewöhnungsbedürftige – Umbesetzung sämtlicher Rollen, ohne die der Sprung um ein Vierteljahrhundert nach vorn, in die späten sechziger Jahre, nicht hätte gelingen können.

          Der Mann an ihrer Seite - und was sonst noch? Prinz Philip (Tobias Menzies) steckt in der Midlife Crisis.

          Die Königsklasse wurde verpflichtet: Olivia Colman, die für ihren Auftritt als Königin Anne in „The Favourite“ mit einem Oscar ausgezeichnet und für ihre Verdienste um das Theater kürzlich zum Commander of the Order of the British Empire ernannt wurde, folgt auf die stilbildende Claire Foy als Königin Elisabeth II. und steht vor der kaum lösbaren Aufgabe, eigentlich nichts tun zu dürfen, um ihrer Rolle gerecht zu werden. Eindrucksvoll balanciert sie auf dem schmalen Grat zwischen sichtbar unterdrückter Emotion und vollkommener Statuarik.

          Tobias Menzies, im Zeitreise-Serienspektakel „Outlander“ gefangen in der Doppelrolle zweier zwielichtiger Bösewichte, tritt das schwere Erbe von Matt Smith als Prinz Philip an und ergreift die Gelegenheit, sich und ihn von einer anderen Seite zu zeigen: als feinfühliges Rauhbein in der Midlife-Crisis. Helena Bonham-Carter spielt Prinzessin Margaret erwartbar großartig als Diva, die den amerikanischen Präsidenten Lyndon B. Johnson mit zotigen Limericks um den Finger wickelt, als verwöhntes Ding und ebenso traurige wie lebens- und liebesgierige Frau. Darüber, dass sie weder ihrer Vorgängerin Vanessa Kirby noch dem historischen Vorbild ähnelt, muss man hinwegsehen. Und die zweite Fehlbesetzung für die Königinmutter (nun Marion Bailey) vergessen. Geraldine Chaplin als schwarze Krähe Wallis Simpson tröstet darüber hinweg.

          Auch Prinzenkronen wiegen schwer: Charles (Josh O’Connor) mit seiner Mutter als neuer Prince of Wales

          Der Star dieser Staffel aber ist ein anderer: Josh O’Connor, der neunundzwanzigjährige Schauspieler, der den jungen Prinz Charles gibt. Auch in seinem Fall ist die physiognomische Nähe nicht frappierend, aber wie O’Connor sich den Habitus des Prinzen von Wales, seinen Gang, seine Mimik aneignet, ohne ihn zur Karikatur verflachen zu lassen, ist meisterhaft. Ihm gelingt das scheinbar Unmögliche: retrospektiv einen Mann, mit dem die Briten sich bis heute schwertun (wobei momentan vor allem sein Bruder Andrew für Negativ-Schlagzeilen sorgt), den ewigen, von Skandalen gebeutelten Aspiranten, zum Sympathieträger zu machen.

          O’Connor zeigt ihn als unsicheren Schlaks, der nur auf dem Theater sein wahres Selbst zeigen kann, aber aus den Katakomben seiner Unsicherheit auf die Bühne der Monarchie treten muss wie ein Gladiator in die Arena – etwa bei seiner Krönung zum Prinzen von Wales. Er wirbt für ihn als verliebten jungen Mann, statt ihn zu entblößen, obwohl es ans Eingemachte geht: Charles lernt Camilla (Emerald Fennell) kennen.

          Lässt es krachen: Prinzessin Margaret (Helena Bonham-Carter) mit ihrem Noch-Ehemann Antony Armstrong-Jones (Ben Daniels)

          Was bei „Downton Abbey“ die wechselseitige Spiegelung von „upstairs“ und „downstairs“ war, ist in „The Crown“ die Überblendung von Vergangenheit und Gegenwart – bis hin zu Plumpheiten wie filmisch übereinander gelegten Gesichtern. Der Gegenstand der Serie ist für diese Perspektive besonders dankbar: Peter Morgan schöpft aus, dass die Mountbatten-Windsors, wie so viele Familien, dasselbe Drama generationenübergreifend aufführen. In diesem Fall: mutmaßlich monarchiegefährdende Liaisons. Nach David alias Edward VIIÌ. und Margaret bekommt nun Charles den Widerstand seiner Familie zu spüren, die wie eine Wand gegen ihn steht – zum Schutz der Krone. Seine Schwester Anne, exzellent besetzt mit Erin Doherty, mischt als Teil eines Liebesvierecks mit. Und der Queen fällt der undankbare Part der rationalen Vernichterin zu.

          Es dauert fast bis zur letzten Folge, dem silbernen Thronjubiläum, bis „The Crown“ sich wieder für die Monarchin erwärmt. Davor scheitert sie in Krisen, die exemplarisch für das damalige Großbritannien stehen und den Blick auf aktuelles Chaos lenken. Elisabeths Angst, dass Premier Wilson (Jason Watkins) eine Marionette der Russen sein könnte, wirkt seltsam vertraut; ihre Kälte nach der Katastrophe von Aberfan, in der ein Dorf unter einer Kohlehalde begraben wurde, inszeniert die berüchtigte „stiff upper lip“. Alles knirscht. Man nennt es Strukturwandel. Und was soll die Monarchie? Über die Risse tapezieren, sagt Margaret. Genau das tut auch „The Crown“. Und so glättet schließlich eine beinahe perfekte optische Geschlossenheit trotz diverser Regisseure – unter ihnen Christian Schwochow – auch so manche Tratschhaftigkeit im Plot. Unbedingt sehenswert.

          Die dritte Staffel von The Crown ist bei Netflix abrufbar.

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