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„The Billion Dollar Code“ : David gegen Googliath

  • -Aktualisiert am

Juri Müller (Marius Ahrendt) und Carsten Schlüter (Leonard Scheicher,r.) haben etwas Großes erfunden, den Reibach machen andere. Bild: Netflix

In mitreißenden Bildern erzählt „The Billion Dollar Code“ eine zumindest halbwahre Story über die Vorgeschichte von Google Earth. Eigentlich jedoch handelt diese gewitzte deutsche Netflix-Serie von unserer digitalen Naivität.

          5 Min.

          Da ist Netflix, hier sind wir. Und unsere Posemuckel-Sender. Manchmal aber bootet das High-End-Programm des schwerreichen Streaming-Giganten sozusagen vom falschen Laufwerk, und dann startet eine weltweit ausgestrahlte Netflix-Serie mit einem Ausschnitt aus einem Fernsehbericht des Hessischen Rundfunks von 1958. Und das ist alles andere als nebensächlich, im Gegenteil, es zeigt, dass hier zwei potente Showrunner – Oliver Ziegenbalg (Buch) und Robert Thalheim (Regie) – eins und null zusammenzuzählen vermögen. Denn der acht Sekunden lange Ausschnitt, in dem auf die Z 22, die siebte, erstmals Röhrentechnik verwendende Rechenmaschine von Konrad Zuse, hingewiesen wird, ist weniger der Startschuss für einen Schnelldurchlauf durch das Computerzeitalter zum Supergrass-Partystampfer „Alright“ („we are young, we run green“): Commodore 64, Klumphandy, Windows, iPhone (so ähnlich beginnen sonst Werbeclips für neue Sparkassen-Apps). Was wir hier vor uns haben, das ist vielmehr so etwas wie der Algorithmus dieser mitreißenden Miniserie.

          Mit dem Kauz Zuse fing es an

          Denn mit dem Solitär Zuse war all das, was nun erzählt wird, vor achtzig Jahren bereits da: der genialische deutsche Kauz, der in Wohnzimmer-Fummelei den Computer erfand, dann aber nicht Schritt zu halten verstand und von schwerreichen amerikanischen Büromaschinenfirmen rüde abgedrängt wurde, bis er überschuldet aufgab und sich mit expressionistischer Ölmalerei über Wasser hielt. Aber er fand genug Zeit, wenigstens den eigenen Mythos („Vater des Computers“) zu pflegen. Es sieht so aus, als habe sich diese Geschichte auf anderem Level jüngst wiederholt, und zwar inklusive der Mythisierung, zu der die Serie „The Billion Dollar Code“ selbst gehört.

          Große Begeisterung - Terravision funktioniert. Die große Ernüchterung folgt.
          Große Begeisterung - Terravision funktioniert. Die große Ernüchterung folgt. : Bild: Netflix

          Im wilden Berlin der Neunziger nämlich – da geht Thalheim ästhetisch in die Vollen; wenn schon Nostalgie, dann so – hatten einige junge, grünschnabelige Studenten eine derart abgedrehte Idee für ein Medienkunstprojekt, dass sie dafür von Professoren verlacht wurden („Pac-Man-Scheiße“), aber mit unbändigem Willen einen Finanzier fanden, nämlich ausgerechnet die bei Hackern des Chaos Computer Clubs als Erzfeind verschriene Deutsche Telekom.

          Was soll die „Pac-Man-Scheiße“?

          Köstlich anzusehen: Bernhard Schütz als Postbeamter 1.0, der eigentlich eher auf den Bildschirmtext setzt (man denke an das Bekenntnis Wilhelm II. zum Pferd, „das Automobil ist eine vorübergehende Erscheinung“), aber dann doch eine Million D-Mark lockermacht. So entstand über viele Hürden und technische Schwierigkeiten hinweg die Software Terravision. Mittels eines Riesenglobus ließ sich die Erde auf einem Bildschirm in alle Richtungen drehen. Durch einen komplexen Algorithmus verschaltete Satellitenaufnahmen machten es möglich, an jedem beliebigen Punkt bis auf Straßenniveau hineinzuzoomen. Wen das an eine weitverbreitete Anwendung aus dem Hause Google erinnert, der hat die Dimension des Projekts erfasst, denn die Entwickler besitzen seit 1995 ein Patent auf diese Form der digitalen Visualisierung. Es handele sich um eine der großen Erfindungen des Internetzeitalters, eine dieser Milliarden-Dollar-Ideen, damit steigt die Serie ein: „Wir wurden darum betrogen. Aber das werden wir jetzt ändern.“ So sagt es einer der Beteiligten, der da längst – und weit erfolgreicher als Zuse – in Kunst macht. Zumindest den Mythos will man nun zurück. Mit viel Elan stürzt sich die Erzählung in die Entstehung der Idee, die halb im Ecstasyrausch dröhnender Technonächte, halb im Hirn eines Außenseiters geboren worden sein soll. Dem zunächst sehr klassisch wirkenden Nerd-Setting – der Hacker Juri Müller (Marius Ahrendt und Mišel Matičevič) ist der typische Soziopath zwischen „Mr. Robot“ und „A Beautiful Mind“ – gewinnen die Serienmacher eine ganz eigene, hervorragend gespielte Dynamik ab, weil es dabei zentral um die Freundschaft zwischen Juri und dem künstlerischen Visionär und Hobbyprogrammierer Carsten Schlüter (Leonard Scheicher und Mark Waschke) geht. Diese wird einer jahrelangen Zerreißprobe ausgesetzt. Beide fühlen sich vom anderen hintergangen.

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