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„Tannbach“ geht weiter : Die Grenze wird zur Mauer, auch in den Köpfen

  • -Aktualisiert am

Rosemarie Czerni (Anna Loos) steht unter Sabotageverdacht und muss eine Nacht im Ostberliner Gefängnis verbringen. Bild: ZDF/Julie Vrabelova

Jetzt schon eines der herausragendsten Fernsehereignisse des Jahres: In „Tannbach – Schicksal eines Dorfes“ schreibt das ZDF die Geschichte der deutschen Teilung fort.

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          Im Winter 1960 ereignet sich im Wald von Tannbach West eine Explosion. Eine Rauchsäule steigt auf, die Alarmsirenen heulen hüben wie drüben. Ist das der Angriff der kapitalistischen Aggressoren? Die Spirale der militärischen und moralischen Aufrüstung dreht sich. Georg von Striesow (Heiner Lauterbach), inzwischen CIA-Spion, verbreitet die Mär vom Fund einer alten Wehrmachtsgranate, sein Erzfeind Franz Schober (Alexander Held) hält dagegen: Die Nato-Geheimarmee habe im Wald Munitionsdepots angelegt. Das erste Opfer des Kalten Krieges ist hier, an einem neuralgischen Ort der jüngeren Geschichte, der älteste Sohn des Bauern Heinrich Schober (Florian Brückner) und seiner Frau Theresa (Eli Wasserscheid). Er kommt bei der Explosion ums Leben.

          Auf der Ost-Seite von Tannbach verbreitet sich die Nachricht schnell. Noch ist die Grenze, die mitten durchs Dorf und quer über den Friedhof des bayerisch-thüringischen Ortes verläuft, durchlässig. Bei der Beerdigung im Westen steht im Osten eine Frau am Stacheldraht, bis sie von der Volkspolizei vertrieben wird: Trauern unerwünscht.

          2015 war der Dreiteiler „Tannbach“ ein großer Erfolg, wurde mehrfach ausgezeichnet. Er erzählte wie in einem zersplitterten Brennglas der Zeitgeschichte vom Kriegsende 1945 in einem Dorf in Deutschlands geographischer Mitte, das, von den Amerikanern befreit, plötzlich an die Sowjets übergeben und schließlich in der Mitte geteilt wird. Zwei Staatsgebiete und zwei politische Systeme: Die weltpolitischen Entscheidungen wirken auf die Familien, auf Lebenspläne und Ansichten ein. Die Tochter des Grafen von Striesow, Anna (Henriette Confurius), heiratet den überzeugten Sozialisten Friedrich Erler (Jonas Nay) und übernimmt mit ihm im Osten die Leitung der LPG auf dem enteigneten Grund ihres Vaters. Dieser ist nach der Kriegsgefangenschaft bald wieder obenauf. Vom Gutsbesitzer zum Möbelfabrikanten – von einer solchen Karriere kann der ehemalige Großbauer Schober, bis dato ebenso strammer Nazi, nur träumen.

          Trailer : Tannbach - Schicksal eines Dorfes

          Flüchtlinge, Zwangsumsiedelungen und die wachsende Überzeugung der meisten, dass auf der jeweils anderen Seite der Grenze das Verhängnis wohne: Historisch und thematisch nahm „Tannbach“ eine Art Scharnierfunktion zwischen „Unsere Mütter, unsere Väter“ und „Ku’damm 56“ ein. In den drei neuen Folgen wird der Bogen weiter gespannt Richtung Gegenwart. „Tannbach“ zeigt, wiederum in drei Teilen in Spielfilmlänge, nach dem sinfonisch orchestrierten Drehbuch von Silke Zertz, die Entwicklung des geteilten Dorfes und der Zeitläufte von 1960 über den Mauerbau 1961 bis zum Sommer 1968, als die Tauwetterpolitik und der Einmarsch der Sowjets in der Tschechoslowakei auch die Tannbacher bewegt. Umsichtig Regie führt in der Produktion von Gabriela Sperl (für Wiedemann & Berg) abermals Alexander Dierbach (Kamera Ian Blumers). Es gibt einige neue Figuren, andere sind aus dem Familiengeschichtsreigen verschwunden.

          Lothar Erler (Ludwig Trepte) war der erste Grenztote in Tannbach. Sein Ziehbruder Friedrich, der an der mit großer Härte durchgeführten Zwangskollektivierung der letzten Altbauern wie Otto Mader (Michael Grimm), an der Mangelwirtschaft und am Primat des Systems verzweifelt, findet heraus, wer für Lothars Tod verantwortlich war. Desillusioniert kommt er bei einem Brand ums Leben. Anna hält die Fahne der Gesinnung hoch, aber verliert ihre Kinder an die DDR-kritische „Junge Gemeinde“ des von West nach Ost übergesiedelten Pfarrers Wolfgang Herder (Clemens Schick). Für ihre Ideale zahlt sie einen hohen Preis. Rosemarie Czerni (Anna Loos) „macht rüber“ wie so viele, heiratet den Grafen und arbeitet als Einkäuferin für ein großes Westkaufhaus, das ausgerechnet im Osten modische West-Kittelschürzen nähen lässt. Im VEB Clara Zetkin näht die zwangsumgesiedelte Hilde Vöckler (Martina Gedeck), die mit dem Stasimajor Robert Leonhardt (Rainer Bock) eine Beziehung eingeht. Ihr Sohn Horst (Robert Stadlober), ehemaliger SS-Unteroffizier, arbeitet nun für den BND – eine schillernde Figur. Seine Liebe zu Walter Imhoff (Jonathan Berlin) bringt ihm Zuchthaus ein, Walter geht mit Christa Schober (Mercedes Müller) eine Scheinehe ein.

          Familienbande und Erzählbögen sind in „Tannbach“ weit gespannt, die Form ist gleichwohl konzentriert, stellenweise ergreifend schlicht. An Absurdität kaum zu überbieten beispielsweise ist die Valentin-Szene eines Verhörs, in der sich die Altbäuerin Kathi Schober (Johanna Bittenbinder) auf Cousinenbesuch im Osten als „Westflüchtling“ ausforschen lassen muss. Diesen Dreiteiler, so viel ist schon jetzt sicher, wird man am Ende des gerade begonnenen Jahres zu dessen herausragenden Fernsehereignissen zählen.

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