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Neue App-Serie „Mosaic“ : Wie, müssen wir jetzt etwa alles selber machen?

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In welche Richtung soll es gehen? Aus welcher Perspektive wird die Geschichte erzählt? Bei Steven Soderberghs „Mosaic“ reicht Zusehen nicht. Bild: HBO/Mosaic

Mit „Mosaic“ legt der Regisseur Steven Soderbergh ein Puzzle vor, das die Zuschauer zusammensetzen sollen. Die Serie zum Selbermachen hat sich HBO zwanzig Millionen Dollar kosten lassen. Lohnt sich der Aufwand?

          Ein Mosaik, fürwahr, aber eine Fernsehrevolution, wie sie das Magazin „Wired“ ausrief? Steven Soderberghs neue Serie „Mosaic“, die jetzt in Amerika als Apple-App gestartet ist, überlässt dem Zuschauer die Wahl der Perspektive, aus der dieser Krimi um den Tod der Kinderbuchautorin Olivia Lake (Sharon Stone) in einem schicken Skiort in Colorado erzählt wird. Mit Hilfe einer Art Fließdiagramm („Story Map“ nennt sich das in der App) kann man den Verlauf der Geschichte am Schluss jeder Kurzepisode aus dem Blickwinkel verschiedener Figuren weiterfolgen – etwa aus der des ermittelnden Polizisten Nate Henry (Devin Ratray) oder aus der Sicht von Petra (Jennifer Ferrin), Olivias Schwägerin in spe, oder der von Joel (Garrett Hedlund), dem jungen Protégé Olivias, oder der ihres Verlobten Eric (Frederic Weller).

          Soderbergh hat die Versatzstücke nach einem Drehbuch von Ed Solomon gefilmt, nachdem die beiden mit Hilfe eines umfangreichen Storyboards die unterschiedlichen Pfade ausgeformt und mit HBO einen Investor gefunden hatten, der zwanzig Millionen Dollar bereitstellte. Sharon Stone erscheint als Autorin und Zeichnerin, die einst mit einem Kinderbuch großen Erfolg hatte und auf ihrem weitläufigen Grundstück in den Bergen Colorados einen „Geschichtspfad“ eingerichtet hat, auf dem man der beliebten Erzählung in zwei Richtungen folgen kann – aus der Perspektive eines Jägers oder der eines Bären, die beide denselben Wald bewohnen.

          Spielt eine einst erfolgreiche Kinderbuchautorin: Sharon Stone.

          Sharon Stones Olivia ist der Star in einer Gemeinde stinkreicher Kunstfreunde, die spektakuläre Bergvillen bewohnen, und sie betäubt ihre Angst vorm Altern mit jungen Lovern und erlesenen Weinen. Als sie in einer Silvesternacht aus ihrem Studio verschwindet, in dem Blutspuren ein Gewaltverbrechen nahelegen, geraten die Kunstfreunde, ein vormaliger Trickbetrüger und jetziger Verlobter Olivias, ein attraktiver junger Bad Boy mit einem Faible fürs Zeichnen und, jawohl, der Gärtner in Verdacht. Der Schuldige ist bald ermittelt und der Fall für den Polizeichef (Beau Bridges) erledigt – bis vier Jahre später ein unscheinbarer Detective die Dinge abermals aufrollt.

          Ein merkwürdig unerfülltes Gefühl

          In fünfzehn Modulen erzählen Soderbergh und Solomon diese Geschichte. Nach jeder der etwa halbstündigen Sequenzen gabelt sich der Weg, und je nachdem, welchen Strängen man folgt, setzt sich eine fünf-, sechs- oder siebenteilige Geschichte zusammen. Klickt man sich durch sämtliche Versatzstücke – und die meisten Zuschauer werden versucht sein, dies zu tun –, kommt man auf mehr als siebeneinhalb Stunden Inhalt. Je mehr Elemente man sich einverleibt, desto dichter wird die Geschichte. Und die Schauspieler – Sharon Stone als Primadonna am Rande des Nervenzusammenbruchs, Garrett Hedlund als verkrachter Jungkünstler und Devin Ratray als unbeirrbarer Detective – sind sehenswert. Aber trotzdem bleibt am Schluss ein merkwürdig unerfülltes Gefühl. Vielleicht, weil die Freude an einer großen Erzählung sich eben auch aus ihrer cleveren Strukturierung speist. Die willkürliche Zusammensetzung der Module durch den Zuschauer dagegen führt mal zu besseren, mal zu schlechteren Ergebnissen, und bisweilen zu einer gewissen Ermüdung.

          Soderbergh sagte, er sehe „Mosaic“ als eine Art „Höhlenmalerei“ neuen Fernsehens: „Jemand anderes wird es in die Hand nehmen und weiterentwickeln“, sagte er dem Fachblatt „Filmcomment“. Tatsächlich erlaubt „Mosaic“ dem Zuschauer zwar, eine eigene Ermittlung anzustellen und aus den vielen Perspektiven ein vollständigeres Bild der Ereignisse zusammenzusetzen. Ähnliches leistet seit inzwischen drei Staffeln aber auch die Showtime-Serie „The Affair“ (in Deutschland bei Amazon), die eine Affäre aus der ziemlich unterschiedlichen Sicht der Beteiligten erzählt.

          Wirklich spannend ist „Mosaic“ nicht – auch, weil Solomon und Soderbergh es vermeiden, die jeweiligen Erzählwinkel dramatisch voneinander abweichen zu lassen, oder den Zuschauer gar in die Irre zu führen, wie die meisten Krimifans es zu schätzen wissen. Stattdessen setzt man hier, wenn man allen Verzweigungen folgt, bloß ordentlich die Teile eines Puzzles zusammen, dessen Elemente man schon kennt. Am Ende wirkt „Mosaic“ wie ein Director’s Cut zum Selbermachen. Mancher wird es daher vorziehen, am 22. Januar bei HBO einzuschalten – dort debütiert „Mosaic“ als sechsstündige, von Steven Soderbergh strukturierte Miniserie.

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