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Mysteryserie „Lisey’s Story“ : Irrer Mond im seufzenden Zimmer

Wo sie auftaucht, können ganze Welten untergehen: Lisey (Julianne Moore) spielt mit Monstern Verstecken. Bild: Apple TV+

Stephen King kann schreiben wie der Teufel, Pablo Larraín kann Filme drehen wie ein Engel. Für die Serie „Lisey’s Story“ haben sie sich jetzt endlich kreativ verbündet.

          2 Min.

          Der Verlust eines Menschen kann für einen anderen das Abhandenkommen der ganzen Welt bedeuten. Stephen King hat in zwei bedeutenden Büchern diese Sorte Katastrophe genau angeschaut: Der Roman „Bag of Bones“ von 1998 erzählt die Geschichte eines Witwers, der außerdem Schriftsteller ist, das Komplementärwerk „Lisey’s Story“ (2006) begleitet eine Witwe, deren verstorbener Mann Schriftsteller war.

          Dietmar Dath
          Redakteur im Feuilleton.

          Der Witwerroman wurde 2011 mit Pierce Brosnan in der Hauptrolle als Fernseh-Miniserie von Mick Garris verfilmt, das Witwenbuch jetzt mit Julianne Moore in der Hauptrolle, ebenfalls als Miniserie, von Pablo Larraín. Der Witwerfilm war mittelmäßig, der Witwenfilm ist grandios. Keine Überraschung: Larraín gilt seit „Post Mortem“ (2010), „Der Club“ (2015) und „Ema“ (2019) als Genie des gedämpften Schocks. Um es nicht allzu undeutlich zu sagen: Er gehört zu den größten lebenden Kunstkinoschöpfern.

          Wie man nun an „Lisey’s Story“ sieht, ist er sich aber auch nicht zu fein, sein Register um Grobheiten zu erweitern, die er braucht, um Kings ganzes Spektrum zwischen Sensibilität und Grellheit abzubilden – schon in der ersten Folge sehen wir etwa, wie Moore einem Attentäter, der ihren Gatten bedroht, mit Werkzeug das Gesicht spaltet. Der Moment ist wichtig, weil wir wissen müssen, wozu sie fähig ist, wenn sie in die Enge getrieben wird.

          Thema der Serie wie des Romans ist das Besitzrecht an Erinnerungen: Ein Literaturfachidiot, den sein Darsteller Ron Cephas Jones auf halber Strecke zwischen Weltfremdheit und Ehrgeiz um sich selbst kreisen lässt, fordert von Moore Zugang zu nachgelassenen Papieren des Toten, der in Rückblicken das Gesicht Clive Owens trägt, das immer ausschaut, als wüsste es schon alles voraus, könnte es aber nie ganz begreifen. Als Lisey den Fachmann vom Grundstück jagt, schenkt der einem bleichen Fan des Verstorbenen Gehör, der ihm seine Hilfe anbietet. Das ist Dane DeHaan als ständig am Rand des Hirnkabelbrandes knisternder Stalker, mit madenartig aufgedunsenen Augensäckchen, rötlichem Flackerblick und salziger Peter-Lorre-Aura.

          Figuren, so sorgfältig wie kleine Tellerminen zusammengesetzt

          Verfilmungen von Texten Kings (der die Drehbücher für alle acht Folgen selbst geschrieben hat) werden, weil dieser Autor seine Figuren sorgfältig wie kleine Tellerminen zusammensetzt, schnell Schauspielfestivals; zuletzt durfte man das bei „The Outsider“ mit Ben Mendelsohn und Cynthia Erivo genießen. Für „Lisey’s Story“ stellt Pablo Larraín seine Stars DeHaan und Moore in eine Welt, die auf kleinste Aussprache- oder Mimikschwankungen mit transzendentalem Atmosphärenbrodeln reagiert. Mehr noch: In der gezeigten Welt verbergen sich weitere Welten, man findet sie zunächst im Kopf einer von Joan Allen gespielten Katatonikerin, deren Absencen in Wahrheit Durchblicksmomente sind, bei denen ein Jenseits sich zeigt, wo ein verrückter Orangenmond auf ein träumendes Segelschiff herunterguckt, um es einzuschüchtern. Das wäre bloß surrealer Kitsch, wenn Larraíns Inszenierung das Groteske und Monströse nicht zuverlässig kühl ins Analytische umleiten würde. Nie soll das Publikum im Absurden die Orientierung verlieren oder sich in Gefühle auflösen, die vielmehr angespielt werden wie verfremdete Noten, aufs Echo hin, nicht zwecks Hypnose. In Raum, Rhythmus, Licht und Klang geht es bei „Lisey’s Story“ darum, Sätze der Vorlage glaubhaft zu machen wie den unvergesslichen, der von einem Zimmer sagt, es seufze.

          Weiß er schon was kommt: Clive Owen (rechts) spielt den verstorbenen Mann von Lisey (Julianne Moore)
          Weiß er schon was kommt: Clive Owen (rechts) spielt den verstorbenen Mann von Lisey (Julianne Moore) : Bild: Apple TV+

          Das aktuelle Film-, Stream- und Fernsehwesen inszeniert gern Paarläufe von Menschen mit allerlei nicht vorhandenem Personal, etwa mit digital veränderten Kolleginnen und Kollegen oder gänzlich computeranimierten Figuren. Larraíns Arbeit bei den Szenen, in denen jemand oder etwas nicht da ist, aber von Moore wahrgenommen werden soll, wendet dies ins Metaphysische: Die Schauspielerin muss eine Innenwahrheit aus sich herausspielen, bis wir sie zwar immer noch nicht sehen und hören können, aber glauben. Das tut Julianne Moore tatsächlich – und tritt damit dem Geist des Autors King näher, als man je für möglich hielt.

          Lisey’s Story läuft bei AppleTV+.

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