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Serie „Castle Rock“ : Gott wohnt hier nicht mehr

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Himmel, hilf: Ein anonymer Anrufer hat Henry Deaver (André Holland) zurück in seine einstige Heimatstadt gelockt, wo der Schrecken schon auf ihn wartet. Bild: Hulu

Wundervolles Dorf des Grauens: Die Mystery-Serie „Castle Rock“ spielt im unheimlichen Universum des Horror-Großmeisters Stephen King. Sie ist nur etwas für Freunde des Makabren.

          Castle Rock im Nordosten der Vereinigten Staaten, im Bundesstaat Maine, zählt zu den Orten, in denen man lieber nichts zu tun haben möchte. Seit Jahrzehnten spielen sich hier Dinge ab, die nahelegen, dass dunkle Mächte am Werk sind. Castle Rock war Heimat des tollwütigen Bernhardiners „Cujo“, der drei Männer tötete und eine Mutter und ihren Jungen in einem überhitzten Auto dahinsiechen ließ. Auch eröffnete dort einst ein Geschäft namens „Needful Things“, dessen Inhaber Geschäfte machte, die die Einwohner vor lauter Gier gewalttätig werden ließen – selten wurde Schuberts „Ave Maria“ kontrastreicher in Szene gesetzt. Zudem ist es der Ort, an dem vier Jungen die Leiche eines Freundes fanden.

          Hier lebt auch Sheriff Alan Pangborn, der im Nachbarort Ludlow einst einen Mehrfachmörder zu stellen versuchte, der sich für seine eigene Beerdigung rächte. Jene Geschichte um einen Autor und sein leibhaftig gewordenes Pseudonym ließ der Schriftsteller Stephen King, der den Ort Castle Rock erfand und in Geschichten wie „Die Leiche“, „Cujo“, „Needful Things“ oder eben „Stark“ als Schauplatz verwendet, mit einer bizarren Szene am Castle Lake enden: Ein Mann wird von Sperlingen zerlegt.

          Auf Starzplay, einem jungen Abokanal von Amazon Prime, ist nun die zehnteilige Fernsehserie „Castle Rock“ zu sehen, die am besagten Ort spielt und von den beiläufigen Erinnerungen an all diese Geschichten zehrt. Produziert wurde sie von dem Videoportal Hulu. Das Drehbuch stammt nicht von Stephen King, dem Großmeister des Horrors, sondern von den beiden jungen Autoren Sam Shaw und Dustin Thomason. Sie haben ihren King gelesen. Und der hat die Serie mitproduziert und – kurz nach Ausstrahlungsbeginn in den Vereinigten Staaten – in höchsten Tönen gelobt: Eine Folge sei besser als die andere, schrieb er seinen fünf Millionen Twitter-Followern. Die Schauspieler strahlten, die Geschichte sei es wert. Sie beeindrucke auch ohne die „Easter Eggs“, also die zahlreichen Anspielungen auf sein Werk.

          Kleine Gestalten auf dünnem Eis

          Was kann man nach diesem, wenn auch nicht uneigennützigen Segen von oben noch anderes schreiben als den Hinweis, dass es sich genauso verhält. Dass selbst die Kameraführung – eine Kamera, die den Blick wirklich lenkt – jedes Loblied verdient. Wir beschränken uns auf die Geschichte, die zum Großteil in der Gegenwart spielt, aber mit einer Rückblende ins Jahr 1991 einsetzt: Es ist Winter und fürchterlich kalt. Ein Polizist durchsucht ein Waldstück nach einem Jungen, der elf Tage zuvor verschwunden ist. Plötzlich steht der Junge vor ihm, fast in der Mitte des zugefrorenen Sees. Der Polizist rennt auf ihn zu. Die Kamera zoomt zurück, bis beide nurmehr kleine Gestalten sind in einer großen, weitläufigen Welt – auf dünnem Eis.

          Selber Ort, siebenundzwanzig Jahre später: Ein Mann namens Dale Lacey (Terry O’Quinn) begeht Selbstmord. Es handelt sich um den soeben in den Ruhestand versetzten Direktor des Gefängnisses von Shawshank, das das Publikum sehr wahrscheinlich noch aus der Stephen-King-Verfilmung „Die Verurteilten“ kennt. Und weil die Anstalt neuerdings von einem privaten Unternehmen geführt wird, lässt seine Nachfolgerin auch die Betten des Gemäuers in einem leerstehenden Block zählen.

          Ein Wachmann, der in Shawshank nur arbeitet, weil es im morbiden, von verfallenden Fabrikgebäuden geprägten Castle Rock kaum Alternativen gibt, macht sich an die Arbeit. Er findet die leeren Betten, vor allem aber einen Käfig, der in einem alten, unterirdischen Wassertank versteckt wurde und einen verstörten Insassen beherbergt (Bill Skarsgård). Er hat keinen Namen, und reden kann er auch nicht. Er murmelt nur einen Namen: den des verschwundenen, 1991 auf dem Eis von Sheriff Alan Pangborn (Scott Glenn) geretteten Kindes: Henry Deaver.

          Dieser Henry Deaver (André Holland) ist mittlerweile Anwalt im Texas und auf Todesstrafen spezialisiert. Nun kehrt er, heimlich herbeitelefoniert durch den Gefängniswächter, in seine Heimat zurück. Seine Adoptivmutter Ruth erkennt ihn nicht wieder. Ihr Gedächtnis zerfällt, so dass sie in einer anderen Welt oder zumindest anderen Zeiten zu leben beginnt. Gespielt wird sie von Sissy Spacek, die im ersten Kinofilm „Carrie – des Satans jüngste Tochter“ als ebenjene Carrie auftrat. Dafür erkennen andere Einwohner Henry, darunter die drogensüchtige Immobilienmaklerin Molly Strand (Melanie Lynskey), die ihn schon als Kind mochte. Viele glauben, dass Henry in den elf Tagen, während der er 1991 verschwunden war, seinen Adoptivvater umgebracht hat. Er streitet das ab.

          Für den Zuschauer stellen sich nun mindestens drei Fragen: die Frage, wer der Namenlose im Käfig ist, die Frage, was 1991 mit Henry geschah, und schließlich die Frage, wer die meisten Stephen-King-Hinweise entdeckt. Man beginnt sich „Castle Rock“ als düsteren Traum vorzustellen, den eine überambitionierte Doktorandin im Bibliotheksschlaf über den Büchern von Stephen King träumt. Überall tauchen Details aus seinem Werk auf, und wenn es nur der Name einer Freundin von Molly ist, die „Jackie“ Torrance heißt wie Jack Torrance aus „Shining“. Dass „Shining“ in Colorado spielte, wissen die Serienschöpfer: Die charmante Jackie (Jane Levy) erweist sich als Nichte.

          Der Weg zur Auflösung der Hauptstory – wenn das Finale von Staffel eins denn diese Bezeichnung verdient – verspricht ungemütlich zu werden. Er ist schon in den ersten Folgen mit Leichen gepflastert: Menschen sterben per Giftspritze (und wachen für einen Moment wieder auf), an Autoabgasen, einer Kugel, Krebs und etlichem mehr. Dazu Särge, die umziehen, Kinder mit Tiermasken, Horror-Immobilien, die zu „Bed and Breakfast“-Herbergen für Freunde des Makabren umgebaut werden. Doch die Erzählung reißt einen von der ersten Sekunde an mit. Und was besonders beunruhigt: Einen Teufel, soll der verstorbene Gefängnisdirektor dem Polizisten Alan Pangborn gesagt haben, sperrt man am besten in eine Box. Ob es dann so klug ist, ihn zu befreien?

          Castle Rock läuft auf dem Amazon-Kanal Starzplay.

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