https://www.faz.net/-gsb-9yrig

Zweite Staffel von „Das Boot“ : Sie wären besser an Bord geblieben

  • -Aktualisiert am

Stimmen hier die Verhältnisse noch? Auch diese Bootsbesatzung kann darauf keine zufriedenstellende Antwort geben. Bild: Sky/Bavaria Fiction

Diese Serie zielt auf den ganzen Krieg: In „Das Boot“ geht die deutsche Schuld am Zweiten Weltkrieg unter.

          3 Min.

          Mit dem Jahreswechsel von 1942 auf 1943 begann im Zweiten Weltkrieg die Zeit, in der die Nazis zunehmend auf verlorenen Posten gerieten. Das betraf nicht nur das Geschehen in Stalingrad und nicht nur die Fronten, an denen „der Feind“ auf der anderen Seite war. Die Veränderung vollzog sich auch im Inneren der Institutionen, sinnbildlich zum Beispiel in dem U-Boot 822 der deutschen Kriegsmarine in der zweiten Staffel der Serie „Das Boot“.

          U-822 ist unterwegs nach Amerika, an Bord ist die Besatzung mit ihrem Kapitän Johannes von Reinhartz, zudem eine kleine Abordnung der SS. Die Mission ist geheim, der Befehl soll erst bei einem bestimmten Grad westlicher Breite geöffnet werden. Doch Reinhartz hat eigene Pläne, allerdings steht ihm die SS im Weg. Dass das Funkgerät irgendwann den Geist aufgibt, ist ein Akt von Sabotage, im Grunde nicht schwer zu durchschauen, darf aber auf keinen Fall als solcher erkannt werden. So wird das U-Boot zu einem Modellraum für das Misstrauen, das mit dem allmählich schwindenden Kriegserfolg das Dritte Reich von innen anzugreifen begann, wie es implizit das wachsende Bewusstsein für die Unrechtmäßigkeit dieses Kriegs mit sich bringen musste, dass Menschen verstärkt darüber nachdachten, wie sie zur Verkürzung des Kriegs beitragen konnten.

          Seit „Das Boot“ nicht mehr einfach ein Bucherfolg von Lothar Buchheim und ein nicht minder erfolgreicher Film von Wolfgang Petersen ist, sondern eine Fernsehserie von Bavaria Fiction und Sky Studios mit Anwartschaft auf den internationalen Fernsehmarkt, geht die Geschichte über den Modellraum des U-Boots hinaus. Schon in der ersten Staffel waren die Missionen der Kriegsmarine nur Teil der Handlung, wurde der Markenkern, die Action auf und unter Wasser in einer Männergruppe auf engstem Raum, zu einem Aspekt von mehreren. Das ist auch in der Fortsetzung so, die direkt an das Ende von Staffel 1 anschließt und die mit Johannes von Reinhartz (Clemes Schick) vor allem einen neuen Kapitän zu dem bereits bekannten Ulrich Wrangel (Stefan Konarske) hinzufügt.

          Eine Suche zwischen Schuld und Heldenerzählung

          Die Ambitionen auf ein größtmögliches Publikum drücken sich auch in der Dramaturgie aus. Das französische La Rochelle unter deutscher Besatzung und New York sind die wichtigsten Orte der Handlung. Von der Hafenstadt aus stechen die Boote in See, hier gibt es Gelegenheit, das Drama des Widerstands weiter zu entfalten. Hier ist auch der Kommandant Gluck (Rainer Bock) stationiert, der besonders deutlich als eine gebrochene Figur erscheint. Sein hoher Rang bringt es mit sich, dass ihm die Hände gebunden sind. Er schickt die U-Boote auf die Missionen, denen „Das Boot“ zumindest die Suggestion mit auf den Weg gibt, dass da draußen, auf dem Atlantik, mindestens so sehr der Krieg entschieden wird wie am Unterlauf der Wolga.

          In New York liest derweil ein Mann an der Schwelle zum neuen Jahr eine Schlagzeile, die vom Schicksal der Deutschen in Stalingrad handelt. Der ganze Handlungsstrang mit dem Industriellensohn Samuel Greenwood (Vincent Kartheiser) wirkt in der zweiten Staffel fast noch mehr als ein merkwürdig kompensatorisches Element, so, als suchte die Serie nach einem Gleichgewicht zwischen deutscher Schuld und deutscher Heldenerzählung in einem Zusammenhang, der nun einmal von Schuld überformt ist. Eine Jazzsängerin, die in Manhattan den alltäglichen Rassismus erlebt, wirkt vor diesem Hintergrund weniger wie eine überzeugende Figur als wie ein Faktor in einem komplizierten Gefüge, das stark von politischen Rücksichten aus heutiger Perspektive geprägt ist.

          Bei Buchheim war „Das Boot“ ein Sonderfall, ein Aspekt des Kriegs, der nicht auf Verallgemeinerung hin gelesen werden musste. Die Serie hingegen zielt auf den ganzen Krieg und, weil von Frankreich aus auch deportiert wurde, implizit auch auf die Judenvernichtung, die 1943 ihre menschheitsverbrecherischen Dimensionen annahm. Bei der jüdischen Familie, die in der Staffel 2 durch die Landschaft irrt, denkt man Auschwitz immer schon mit. Die panoramatische Anlage der Serie bringt es aber gerade mit sich, dass man sich unwillkürlich fragt: Moment, stimmen denn hier die Verhältnisse noch? Wo bleibt das Verbrecherische am deutschen Krieg?

          Bis zu einem gewissen Grad bietet die Serie „Das Boot“ eine nun globalmedial und kommerziell gewendete Variante der alten Entschuldungsstrategie, dass die Wehrmacht (und die Marine) zwar den Krieg führte, dass es aber nicht (oder nur durch einen unausweichlichen Eid) „ihr“ Krieg war. So entkommt „Das Boot“ zwar der Logik, dass die Deutschen in Kriegsfilmen eben die Schurken sind, aber findet in der weltweiten strategischen Aufstellung trotzdem keine Form für Differenzierung. Es häufen sich nur implizite Aufrechnungen.

          „Das Boot“ versucht die unvermeidlichen Gewissenskonflikte sorgfältig auf viele Figuren zu verteilen, schafft es aber selten, sie in den Figuren selbst nachvollziehbar zu machen. Dazu ist das Gewicht der Dramaturgie zu stark. Nicht einmal die „Schurken“ werden richtig lebendig, und auch Clemens Schick bekommt mit Reinhartz eine schwach definierte Thesengestalt aufgegeben. Matthias Glasner und Rick Ostermann sind in der zweiten Staffel die Regisseure, sie lösen die Aufgabe in dem engen Rahmen gut, den die Gesamtkonzeption setzt. Etwas mehr Konzentration auf das Boot hätte der Serie „Das Boot“ nicht geschadet.

          Das Boot, Staffel 2, um 20.15 Uhr bei Sky One

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Donald und Melania Trump am vorigen Mittwoch in Washington

          Trumps Impeachment-Prozess : Mehr Zeit für neue Skandale

          Der Impeachment-Prozess gegen Donald Trump soll erst am 9. Februar eröffnet werden. Bis dahin hoffen die Demokraten auf neue Skandale, die der Anklage weitere Munition liefern.
          Mehr Unterstützung aus Washington: Amerikanische Forscher von Regeneron arbeiten am experimentellen Antikörper-Medikament.

          Antikörper-Medikament : Was auch bei Trumps Genesung half

          Ein amerikanisches Antikörper-Präparat erhält eine Notzulassung, 200.000 Dosen kauft die Bundesregierung. Deutsche Wissenschaftler vermissen Unterstützung bei ihrer Forschung – so würden Chancen verpasst, kritisieren sie.
          Verrammelt und verriegelt: Das Lamb & Flag in London (Symbolbild)

          Großbritannien : 10.000 Pubs und Restaurants schließen

          Großbritanniens Gastronomie ist von der Corona-Krise besonders hart getroffen. Während große Ketten sich frisches Kapital beschaffen, gehen die Kleinen unter.
          Aggressiv, schamlos, schnell gekränkt, selbstverliebt: Besaß Trump die Reife für sein Amt?

          Egozentrisch und rücksichtslos : Wenn der Partner ein Narzisst ist

          Narzissten wollen immer heller strahlen als ihr Gegenüber. Dafür ist ihnen meist jedes Mittel recht: Manipulation, Beschimpfungen und dreiste Lügen. Woran merkt man, dass einem das in der eigenen Beziehung widerfährt – und wie geht man damit um?

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.