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TV-Doku „Warum wir hassen“ : Gegen den Wolf im Menschen

  • -Aktualisiert am

Hassdemonstration: Fackelmarsch von Rechtsextremen in Charlottesville 2017. Bild: ZDF und anadolu agency / corum,

Die von Steven Spielberg produzierte Doku-Serie sucht mit wissenschaftlichen Erkenntnissen die Antwort auf die Frage „Warum wir hassen“. Aber erfasst sie das gesellschaftliche Problem?

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          Im „Philosophischen Wörterbuch“ wird unter dem Stichwort „Hass“ auf die „Liebe“ verwiesen: „Verdrängte Liebe“ könne „nach der Tiefenpsychologie in ihr Gegenteil, in Hass umschlagen“, der als „bis zur Leidenschaft gesteigerten Abneigung“ definiert wird. So war es im Jahr 1982 zu lesen. Von Hass als Triebfeder politischer und gesellschaftlicher Entwicklungen war nicht die Rede. Das hat sich inzwischen geändert: Der Hass, und das heißt immer seine Bekämpfung, prägt die politische Debatte in den westlichen Demokratien. In „Warum wir hassen“ versuchen Geeta Gandbhir und Sam Pollard diese menschliche Regung zu verstehen. Die beiden ersten Folgen der sechsteiligen, von Steven Spielberg und Alex Gibney produzierten Dokumentation liefen schon am Sonntag auf ZDFinfo.

          Um welchen Widerspruch des Menschlichen es geht, wird schon im ersten Satz deutlich: Wir hätten, heißt es da, „die einzigartige Fähigkeit zu lieben, aber wir handeln auch grausam und voller Hass“. In der Folge, die das ZDF-Hauptprogramm heute Abend zeigt, geht es um das evolutionäre Erbe des Menschen, das ihn von anderen Primaten unterscheidet. Dass unsere Grundausstattung jener der aggressiven Schimpansen gleicht und nicht jener der friedlichen Bonobos, gilt unter Anthropologen als gesicherte Erkenntnis. Nicht zuletzt deshalb operiert der Mensch bis heute in der Logik von Stämmen. Loyalität und Solidarität gilt zuerst der eigenen Gruppe. In der Dokumentation konkretisiert sich, was das Wörterbuch abstrakt mit einem Zitat des Empidokles formulierte: Hass und Liebe als „bewirkende Kräfte der Weltentwicklung“. Die Erkenntnisse der Neurowissenschaften dazu faszinieren die Autoren sehr, weshalb sie „Weltentwicklung“ aus der Perspektive von Anthropologen, Neurowissenschaftlern und Psychologen beschreiben. Das bestimmt den Blick auf Themen wie „Propaganda“, „Extremismus“ oder „Völkermord“, so die Titel dreier Folgen.

          Soziale Ächtung Einzelner

          Doch was sagt uns das über die zunehmende Polarisierung nicht nur in den Vereinigten Staaten? Hilft es uns weiter, zu wissen, welche Spuren Hass in unseren Gehirnen hinterlässt? Skepsis gegenüber den Einsichten der Wissenschaft kommt in den vier Stunden nur vereinzelt zum Ausdruck. Etwa wenn erklärt wird, warum Mobbing in den Vereinigten Staaten nicht mehr bloß als unvermeidlicher „Initiationsritus“ unter Kindern und Jugendlichen definiert wird: Weil am Ende tatsächlich Mord und Totschlag stehen. Oder wenn die Beobachtung mitgeteilt wird, der Hass werde zu einer Bedrohung für die Institutionen in der amerikanischen Politik.

          Über die Gründe dafür können uns weder Hirnforscher noch Anthropologen etwas sagen. Wir unterscheiden uns schließlich von Schimpansen und Bonobos durch unsere Fähigkeit, den Begriff des Primaten überhaupt zu definieren. Und wir erfinden komplexe Institutionen, um unsere Konflikte zu regeln. Die digitalisierten Mediensysteme von heute wiederum sprechen unsere archaischen Dispositionen an und überwölben unsere Institutionen (siehe nebenstehenden Text). Im Netz wird nach Bestätigung von Vorurteilen gesucht. Das kann zur sozialen Ächtung Einzelner und ganzer Gruppen führen.

          Die Entmenschlichung des Artgenossen war schon immer Voraussetzung des Völkermords, ob in NS-Deutschland, Ruanda oder in Kambodscha. Selbst die Bekämpfung des Hasses unterliegt bisweilen derselben fatalen Stammeslogik: Hassen tun in manichäischen Weltbildern immer nur die anderen. Mit Hass ist Hass aber nicht zu bekämpfen. Diese Serie ist zu empfehlen, mit einer Einschränkung: Nicht – nur – der Hass ist unser Problem, es ist die zunehmende Unfähigkeit unserer Institutionen, Konflikte zu regeln. Dazu erfahren wir aus den Bildern über unsere Hirnaktivitäten nichts, auch nicht von Steven Spielberg.

          Warum wir hassen – Extremismus, an diesem Dienstag um 20.15 Uhr im ZDF und um 22.30 Uhr bei ZDFinfo. Dort laufen weiteren Folgen am Mittwoch, kommenden Montag und Dienstag.

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