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Sky-Serie „Stan Lee’s Lucky Man“ : Glück braucht der Mann

Sie stattet „Stan Lee’s Lucky Man“ (James Nesbitt) auf wundersame Weise mit seiner Superkraft aus: Eve (Sienna Guillory). Bild: Steffan Hill/Carnival Films

Eigentlich ist Harry Clayton ein Pechvogel. Der Polizist verspielt Hab und Gut und verliert seine Familie. Dann wird ihm großes Glück zuteil. Doch das hat seinen Preis: „Stan Lee’s Lucky Man“ muss ihn zahlen.

          3 Min.

          Wie wäre das? Die Roulettekugel landet zielsicher im Feld Nummer zehn, auf das man alles gesetzt hat, der Stapel Backsteine kracht wenige Meter entfernt auf die Straße, statt einen tödlich zu treffen, und sämtliche Pistolenkugeln zischen haarscharf an einem vorbei? So ergeht es seit neuestem Detective Harry Clayton (James Nesbitt) von der Londoner Mordkommission. Und das, obwohl er bisher der Typ ist, der sein Glück mutwillig aufs Spiel setzt, statt welches zu haben. Horrende Spielschulden hat der notorische Zocker aufgehäuft, die Liebe seines Lebens, seine Ehefrau Anna (Eve Best), hat ihn deshalb aus dem zur Auktion stehenden Haus geworfen. Clayton ist ganz unten, als das Blatt sich wendet.

          Ursula Scheer
          Redakteurin im Feuilleton.

          Das Schicksal tritt in Gestalt einer Art Bond-Girl (Sienna Guillory) an seinen Spieltisch. Als er nach der gemeinsamen Nacht allein im Hotelbett erwacht, ist er zum Gefangenen geworden. Wie eine Handschelle ohne Schloss schmiegt sich ein geheimnisvolles Metallarmband um sein linkes Handgelenk und stattet den Verlierertypen mit der wohl alltäglichsten aller Superkräfte aus: unverschämtem Glück.

          Welche Wunderkraft soll es sein?

          Es heißt, dass der Marvel-Chef Stan Lee, Vater von Superhelden wie Spider-Man, Hulk, Doctor Strange und Iron Man, auf die Idee zu diesem Harry im Glück kam, als er gefragt wurde, welche magische Wunderkraft er selbst gerne hätte. Neil Biswas verarbeitete Lees Idee zu einem Drehbuch, und als die darauf basierende Sky-Serie „Stan Lee’s Lucky Man“ vor einem Jahr in Großbritannien auf Sendung ging, konnte sie immerhin so viele Zuschauer überzeugen, dass der Sender die zweite Staffel in Auftrag gegeben hat.

          Was kein Zufall ist und auch kein Glückstreffer, denn die Abenteuer um den unwahrscheinlichen Glücksritter verschrauben in handwerklich grundsolider Manier Elemente, aus denen sich ohne weiteres ein tragfähiger Serienplot bauen lässt: ein bisschen Familiengeschichte fürs Herz (die Chancen, dass Clayton seine Frau und die kleine Tochter zurückgewinnt, stehen nicht schlecht); beruhigend traditionelle Kriminalgeschichten mit allem, was dazugehört (Absperrband am Tatort, Verfolgungsjagden zu Land, zu Wasser und per Überwachungskamera); Intrigenspiele innerhalb der Ermittlungsbehörden, denen Clayton mit seinem partner in crime, der vor enzyklopädischem Wissen strotzenden Jungpolizistin Suri Chohan (Amara Karan) trotzen muss; investigative Ausflüge zu Taschenspielern an der Themse, nach Chinatown oder ins Rotlichtviertel, wo Pole-Tänzerinnen für jugendfreie Schauwerte sorgen; und schließlich diese ganze ominöse Superheldenkraftgeschichte, die Rätsel aufgibt, Clayton waghalsige Risiken eingehen und den Zuschauer sich zurücklehnen lässt - denn irgendwie wird schon alles gutgehen.

          James Nesbitt wird als Harry Clayton in „Stan Lee’s Lucky Man“ überraschend zum Glückspilz und kämpft mit den verheerenden Folgen.
          James Nesbitt wird als Harry Clayton in „Stan Lee’s Lucky Man“ überraschend zum Glückspilz und kämpft mit den verheerenden Folgen. : Bild: Steffan Hill/Carnival Films

          Dass es nicht ganz so einfach ist, wird Clayton schnell klar. Zu den Kalenderweisheiten, die in „Stan Lee’s Lucky Man“ mit schöner Regelmäßigkeit zum Besten gegeben werden, gehören nicht nur Sprüche wie: „Du bist nur so reich, wie du dich fühlst“ und - mit Blick auf eine zerrüttete Ehe - „Manchmal ist eine kaputte Rolex einfach nur eine Uhr, die nicht mehr funktioniert“, sondern auch der an Clayton gerichtete Merksatz: „Es ist ein Gleichgewicht, Yin und Yang. Solch ein Glück hat man nicht, ohne einen Preis zu bezahlen.“ Für jede Wohltat, die dem Kriminalpolizisten wider alle Wahrscheinlichkeit zuteil wird, trifft es einen anderen. Claytons Glück strahlt nicht aus, er stiehlt es von denen, die das Unglück trifft.

          Und das sind natürlich diejenigen, denen er nichts Übles wünscht. Dass der Kasino-Besitzer, bei dem er mit Zehntausenden in der Kreide steht, ermordet wird, mag ihm noch zupasskommen. Dass ein Kollege stirbt, trifft ihn hart. Zumal da schon derjenige, der das Armband eigentlich erhalten solle - Clayton ist Nutznießer oder Opfer eines Irrtums, je nachdem, wie man es sieht -, hinter ihm her ist und sein Vorgesetzter, unterstützt von einem Herrn mit dem anspielungsreichen Namen Orwell, eine Inquisition gegen Clayton anzettelt.

          Fernsehtrailer : „Stan Lee's Lucky Man“

          Das alles ist wie aus einem Comic, obwohl es keinen Comic zur Vorlage hat und ohne visuelle Comic-Anleihen auskommt. Mit dem Phantastischen ganz selbstverständlich rechnen zu können, gestattet den Darstellern eine große Lässigkeit im Auftritt. Der nächste irrationale Drehbuchschlenker kommt bestimmt, da können sie sich - allen voran James Nesbitt als Harry Clayton - ganz entspannt auf die liebevolle Zeichnung ihrer Durchschnittscharaktere konzentrieren.

          Die Story schlägt einen Haken nach dem anderen, bleibt jedoch globalen Überforderungen wie Weltverschwörungen, islamistischem Terror oder monströsen Untergangsszenarien fern. Es geht um Organhandel und die Russenmafia. Die Kamera gleitet durch das London der Glitzerfassaden und dunklen Gassen, und Corinne Bailey Raes Titelsong kann sich hören lassen. Zusammengenommen entfaltet das keine Superkräfte, die Konventionen der Fernsehunterhaltung auszuhebeln, im Gegenteil. „Stan Lee’s Lucky Man“ ist ein Held des Alltags für alle, die das Glück im Kleinen suchen.

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