https://www.faz.net/-gsb-8dvwg

Sky-Serie „Versailles“ : Der König hat wieder schlecht geträumt

Wo Wald und Wiese sind, soll bald ein Schloss entstehen: König Ludwig XIV. (George Blagden, vorne) und sein Bruder (Alexander Vlahos) nehmen den Baugrund in Augenschein. Bild: obs

Der Sender Sky steckt Charaktere von heute in Kostüme von damals und jagt sie durch Episoden voller Sex, Intrigen und Verbrechen. Das soll die Barockherrlichkeit Ludwigs XIV. noch spannender machen, als sie war.

          3 Min.

          Mitten in der Gewitternacht erstrahlt die Sonne, als tauchte ein nicht verlöschender Blitz alles in gleißendes Licht und vertriebe die Schatten der dunklen Jahre. Draußen peitscht der Sturm um das Jagdschloss des 28 Jahre alten Königs, Häscher streifen durch die Wälder, sie sind ausgezogen, ihn zu erlegen. Wir schreiben das Jahr 1667, Ludwig XIV. (George Blagden) wälzt sich von Albträumen geplagt in seinem Alkoven. Doch dann ein Traumgesicht, schön wie das Antlitz der elfengleichen Frau, die im Nachtgewand vor den inneren Augen des Königs tanzt - durch die golden schimmernde Spiegelgalerie von Versailles, entlang des Grand Canals und der endlos wirkenden Gartenfassade, deren Steine in warmem Gelb leuchten.

          Ursula Scheer

          Redakteurin im Feuilleton.

          Es ist gleich alles da, was den Jagdsitz Jahrzehnte später zur glanzvollsten und im Wortsinne absolut stilprägenden Königsresidenz Europas machen sollte, zur immerwährenden Baustelle und Bleibe des Hofes, an der Zehntausende lebten, arbeiteten und repräsentierten, sahen und gesehen wurden, wo Feste gefeiert, Messen begangen, Erben ersehnt, gezeugt und beerdigt wurden, Affären begonnen und beendet, Kriegszüge ersonnen und ins Werk gesetzt wurden und nur einer herrschte: der Sonnenkönig.

          Man rufe den Architekten!

          All das liegt noch in der Zukunft, doch die Serie „Versailles“ holt es gleich mit ihrem Auftakt in die Gegenwart. Ludwig XIV. erwacht - kurz nachdem sein Traum mit einer Bettszene den eigentlichen Höhepunkt erreicht hat - und sagt, man solle den Architekten rufen. Er wolle mit ihm über Spiegel sprechen. So einfach war das also. Und wenn der König wenig später in den ersten Plänen herumzeichnet, wirkt es, als wäre das ganze gigantische Schlossprojekt einfach so aus dem Mastermind des kühlen Schönlings mit den gepflegten Locken gefallen, weil seine Mutter ihm im Traum die Gleichung einflüsterte: Schloss gleich Macht gleich Frankreichs und des Königs Überleben. Was im Prinzip keine ganz so schlechte Kürzestfassung davon ist, dass einer mit einem Bauvorhaben Staat machte wie keiner zuvor.

          Aber auf das, was an politischem Willen hinter all dem Prunk stand oder welche Geisteshaltung gar, lässt sich die teuerste europäische Serienproduktion, die sich Canal+ dreißig Millionen Euro kosten ließ, dann doch nicht ein. Das Barockzeitalter bleibt ihr fremd. Die Franzosen würden vielleicht sagen, das liege daran, dass die Serie zwar am Originalschauplatz, aber auf Englisch gedreht wurde. Tatsächlich liegt es wohl eher daran, dass es entschieden einfacher und konsumfreundlicher ist, Charaktere von heute in Kostüme von damals zu stecken und durch Episoden voller Sex, Intrigen und Verbrechen zu schicken.

          Im Traum war alles noch viel schöner: Ludwig XIV. (George Blagden) und seine Nymphe (Alexia Giordano) im Spiegelsaal.

          Das muss ja auch nicht schlecht sein. Wer braucht schon historische Akkuratesse, wenn es spannend und saftig zugeht wie in einem opulent ausgestatteten Schmöker zum Zuschauen? Allein: „Versailles“ macht zumindest in den ersten Folgen erschreckend wenig aus dem historischen Kapital, sondern erzeugt beim Zuschauer mit hohem Aufwand das Gefühl, dass die Handlung nicht recht vorankommt, selbst wenn in exquisiten Kostümen und bestechender Ausstattung allerhand verhandelt wird. Die Drehbuchautoren David Wolstencroft und Simon Mirren haben ordentlich Skandale hinzugedichtet, wo ihnen der geschichtliche Stoff zu dünn erschien, und der Regisseur Jalil Lespert, der zuletzt den Kino-Film „Yves Saint Laurent“ inszenierte, nimmt uns mit in Kammern und Kabinette, die aussehen wie gemalt.

          Der Bruder trägt gern Frauenkleider

          Dort zerwühlt der König wahlweise mit Mademoiselle de La Vallière (Sarah Winter) oder seiner Schwägerin die Laken, während sein homosexueller Bruder Philippe (Alexander Vlahos) entweder Nämliches mit seinem Gespielen tut oder in Frauenkleidern für Aufregung sorgt. Der Königin (Elisa Lasowski) springt der Hofzwerg unter den Rock, obwohl sie wieder ein Kind vom König erwartet, weshalb schon ein Arzt mit medizinisch ambitionierter Tochter eingetroffen ist, die Leichen seziert, dem Aderlass misstraut und Gebärmutterzeichnungen anfertigt.

          Der Gärtner ist offenbar nicht Le Notre, hat aber die Weisheit parat, dass Gartenbau und Kriegskunst verwandte Disziplinen seien, die Mutter der Montespan sagt ihrer Tochter mehr oder weniger dasselbe, nur auf die Eroberung von Männern und speziell des Königs bezogen, was nicht ganz so originell ist. Per Handabhacken werden Steuereintreiber diszipliniert, die Minister mucken auf, weil das Archiv aus Paris nach Versailles geschafft werden soll, Colbert (Steve Cumyn) mahnt, Louvois (Joe Sheridan) will die Kriegskasse füllen, der Bruder des Königs in den Krieg, ein schwarzes Kind wird geboren, eine Kammerfrau gehängt, der König hypnotisiert Wölfe.

          Und trotz all dem, was Überliefertes und Erdachtes vermischt und nebenbei noch Versailles zur Kompensation für Ludwigs Verlust der Mutter stilisiert, wirkt die Serie wie in Blei gegossen. Die Musik könnte von einer Meditations-CD mit sphärischen Klängen stammen, und wie halb betäubt gehen auch die Figuren durch die Episoden, treten ins Bild und geben Sätze von sich, die meistens banal sind und manchmal bedeutsam wirken wollen. „Ich bin der König von Frankreich“, sagt Ludwig. Was das heißen soll, kann einem „Versailles“ auch nicht erklären.

          Weitere Themen

          Wenn ich nicht ich bin

          Theaterserie: Lord Byron : Wenn ich nicht ich bin

          Seinetwegen warfen sich die Menschen von den Klippen: Lord Byron ist der Inbegriff des romantisch-revolutionären Künstlers. Sein Stück „Sardanapal“ gehört zurück auf den Spielplan unserer Theater! Ein Gastbeitrag

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.