https://www.faz.net/-gsb-8v3dq

Sky-Serie „Big Little Lies“ : Mit diesen Müttern ist nicht zu spaßen

Der Tag der Einschulung ist der Tag der Wahrheit: Madeline (Reese Whiterspoon, links), Jane (Shailene Woodley) und Celeste (Nicole Kidman) bekommen es zu spüren. Bild: HBO

Die Welt könnte so schön sein im Nobelort Monterey an Kaliforniens Küste. Ist sie aber nicht, jedenfalls nicht in der mit Stars besetzten Serie „Big Little Lies“. Sie zeigt die Schönen und Reichen im Nahkampf.

          3 Min.

          Wer ihr so wehgetan habe, dass sie Striemen am Hals trage? Das kleine Mädchen senkt den Blick, von der Lehrerin bedrängt, von der versammelten Klasse samt Müttern und Vätern beäugt, dann deutet es auf den Neuen: Ziggy (Iain Armitage) ist gerade erst mit seiner Mutter Jane (Shailene Woodley) in die kalifornische Kleinstadt Monterey gezogen, die im Fernsehen so klein wird, dass jeder jeden kennt, der über ihre Küstenstraße mit der atemberaubenden Seesicht fährt - unterwegs von der eigenen Luxusvilla zu jener der Nachbarn, ins Café oder zur Grundschule, in der gleich am ersten Schultag ein Riss in diese scheinbar perfekte Welt fährt.

          Ursula Scheer

          Redakteurin im Feuilleton.

          Abgründe werden sich auftun der üblen Nachrede, der Intrige, des Betrugs und der Brutalität, hässliche Geheimnisse werden ans Licht kommen, bis es einen Toten gibt und die Polizei Fragen stellt. All das und mehr schneidet schon die erste Folge der HBO-Miniserie „Big Little Lies“ an, die hierzulande bei Sky läuft. Dass es Ziggy und die alleinerziehende Jane, die so gar nicht in die vor Wohlstand glänzende Umgebung passen, nicht mit Durchschnittsmüttern zu tun bekommen, zeigt schon der Blick in die Schulhofrunde: Da stehen immerhin zwei Frauen, die wie Hollywoodstars und Oscarpreisträgerinnen aussehen.

          Madeline (Reese Whitherspoon) versucht den schönen Schein zu wahren.

          Reese Witherspoon spielt die sehr blonde, sehr herzliche und zugleich sehr rabiate Madeline: eine im Patchwork-Elend angekommene, schwarzhumorige Schwester des Charakters, den sie einst in „Natürlich blond“ spielte. Nicole Kidman tritt als Madelines beste Freundin Celeste auf, ätherisch schön, wie schon der Name verheißt, kontrolliert unnahbar, so dass niemand ahnt, was sich bei ihr zuhause abspielt: Dort wird die Vollzeitmutter von Zwillingssöhnen, wohlgekämmten Blondschöpfen wie aus der Edeluhrenwerbung, von ihrem Ehemann tyrannisiert und geschlagen. Während Madeline und Celeste die wesentlich jüngere Jane schützend unter ihre Fittiche nehmen, wetzt eine andere Mutter die Messer. Die Karrierefrau Renata (Laura Dern) will Ziggy von der Schule werfen lassen und zettelt einen regelrechten Krieg an - mit den schon angedeuteten Folgen.

          Allein: Wo will HBO mit dieser starbesetzen Serie eigentlich hin? Thematisch irgendwo zwischen „Desperate Housewives“, „Der Feind in meinem Bett“ und „Der Gott des Gemetzels“ gelegen, changiert David E. Kelleys Adaption des gleichnamigen Romans von Liane Moriarty zwischen Krimi, Beziehungsdrama, Komödie und Seifenoper, die in der privilegierten weißen Oberschicht spielt. Alles ist schön hier, die Menschen, die Häuser, die Kleider, das Licht auf den Wellen - umso lustvoller kann der Regisseur Jean-Marc Vallée die Oberfläche zerreißen.

          Und genau das tut er, im Minutentakt. Mit Schnitten zerlegt er die Handlung, es gibt Flashbacks und Vorausblicke auf Momente des Schreckens, es gibt als solche nicht unmittelbar erkennbare Traumsequenzen und auch innerhalb kontinuierlicher Szenen plötzliche Ebenenwechsel: etwa wenn Liebesszenen zu Gewaltakten mutieren, oder sich der Charakter einer Szene von dem Moment an völlig verändert, in dem klar wird, dass der die Atmosphäre bestimmende Soundtrack vom Smartphone einer Figur kommt - und ausgeschaltet werden kann. Als wäre das noch nicht genug, fügen sich in die Collage noch Schnipsel polizeilicher Verhöre, in welchen ein Chor der Stimmen sich erhebt: Jeder in Monterey hat seine eigenen Verdächtigungen und Abschätzigkeiten auszusprechen.

          Auf diese Weise soll, so wohl das Kalkül, sich über sieben je knapp einstündige Episoden hinweg, ein kaleidoskopisch gebrochenes Bild des Geschehens zusammenfügen. Eine Totale aus Nahaufnahmen und Kammerspielszenen, die letztlich die Frage klären soll: Was ist hier eigentlich los? Allein: Zumindest in den ersten vier Folgen erzeugt Vallée mit seiner Technik, so gekonnt er sie einsetzt, vor allem Längen. Zu banal erscheinen in den ersten Episoden die Probleme der Charaktere, zu kalt lassen einen die Andeutungen, dass die Pistole unter Janes Kopfkissen etwas zu bedeuten haben muss und sie wohl nicht zufällig an diesen sonnigen Ort gekommen ist, wo ihr Sohn zu „Papa Was a Rollin’ Stone“ tanzt. Auch er will von seiner Mutter die Wahrheit erfahren.

          Der Grund, weshalb es sich dennoch lohnt, „Big Little Lies“ zu schauen, sind tatsächlich die Hauptdarstellerinnen. Wann immer Reese Witherspoon die Gelegenheit erhält, ihr komödiantisches Talent auszuspielen, um die Nöte ihrer Figur offenbar zu machen - etwa beim Versöhnungstreffen mit ihrem Ex-Mann -, wird die Serie zu dem, als was sie wohl gedacht war: einem bitterbösen, mitunter auch albernem Vergnügen, das sich an Scheinfreundlichkeiten und schlummernden Aggressionen entzündet. Nicole Kidman ist die Idealbesetzung für die Rolle einer Frau, die sich dem Augenschein der Perfektion verschrieben hat. Wenn Celeste allein bei der Psychotherapeutin sitzt und ihre Lebenslüge zu bröckeln beginnt, sind das Momente der Wahrheit.

          Erst wenn alle Knoten geschürzt und bereit zum Zerschlagen sind, nimmt „Big Little Lies“ Fahrt auf. Und so ist die Serie auch ein Opfer ihres Formats: zu lang für ein konzentriertes Drama, zu kurz für klatschsüchtige Einblicke in die letzten biographischen Winkel findet sie einfach nicht zu ihrer Form.

          Weitere Themen

          Schwarze Titelseiten in Australien Video-Seite öffnen

          Ruf nach Pressefreiheit : Schwarze Titelseiten in Australien

          Einige der großen Tageszeitungen in Australien erschienen am Montag mit geschwärzten Titelseiten. Damit wollten die Blätter nach eigenen Angaben auf die australische Gesetzgebung aufmerksam machen. Diese erschwere Journalisten die Arbeit, biete keinen ausreichenden Schutz der Pressefreiheit und lasse etwa die Durchsuchung von Redaktionsräumen zu.

          Topmeldungen

          Kurze und höchst umstrittene Amtszeit: Stefan Jagsch spricht vor dem Gemeinschaftshaus in Altenstadt-Waldsiedlung.

          Nur einen Monat im Amt : NPD-Ortsvorsteher nach Eklat abgewählt

          Die Wahl eines NPD-Parteimitglieds zum Ortsvorsteher im hessischen Ort Altenstadt hatte bundesweit für Empörung gesorgt. Nun wurde Stefan Jagsch wieder abgewählt. Er fechtet die Entscheidung an – und versammelt einige Unterstützer hinter sich.

          AKK-Vorstoß : Gezielte Überrumpelung

          Annegret Kramp-Karrenbauer hat den Koalitionspartner mit ihrem Syrien-Vorstoß schwer düpiert. Jetzt muss sie ihre Idee so seriös weiterentwickeln, dass sie dem Vorwurf entgeht, es sei ihr nur um die eigene Profilierung gegangen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.