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Neue Serie „True Detective“ : Das Böse endet nie

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Woody Harrelson und Matthew McConaughey laufen in der neuen HBO-Serie „True Detective“ zu Höchstform auf. Bild: AP

Hier gibt es keine deutlichen Grenzen zwischen Ursache und Wirkung, Gut und Böse, Recht und Unrecht, dafür gelungene Charakterstudien: „True Detective“ ist die beste Krimi-Serie des Jahres.

          Die Welt ist ein Getto, eine Sickergrube am Rande des Universums, sagt Rust Cohle (Matthew McConaughey), Mordermittler im ländlichen Louisiana. Keine besonders optimistische Einschätzung, aber Cohle ermittelt mit seinem Kollegen Marty Hart (Woody Harrelson) auch im Fall eines scheußlichen Mordes an einer jungen Frau.

          Ob es der Job ist, der Cohle zu dieser Einschätzung treibt, oder ob seine Haltung ihn bei der Arbeit inspiriert, ist unklar. Wie so vieles in der neuen HBO-Serie „True Detective“. Hier gibt es keine deutlichen Grenzen zwischen Ursache und Wirkung, Gut und Böse, Recht und Unrecht.

          Der Krimi als Betrachtung des Menschseins

          Siebzehn Jahre nach dem Mord werden Hart und Cohle abermals zu dem Fall befragt. In den Interviews und in den Rückblenden entfaltet sich eine Charakterstudie der beiden. Hart hat inzwischen Bierbauch und Glatze, Cohle sitzt, langhaarig und kettenrauchend, bei einem Sixpack Bier. Sie waren und sind auf Kollisionskurs. Hart ist ein Familien- und Vernunftmensch, Cohle ein Einzelgänger mit mysteriösem Hintergrund. „Jenseits eines bestimmten Alters kann ein Mann ohne Familie eine üble Sache sein“, mault Hart. Dabei zerbricht gerade sein eigenes Familienleben. „Glaubst du, ein Mann kann zwei Frauen lieben?“, fragt er. Cohle antwortet: „Ich glaube nicht, dass Menschen überhaupt lieben können.“

          Mit „True Detective“ wird der Krimi neu verortet. Nicht als Rätselaufgabe, sondern als Betrachtung der Conditio humana. Die Programmverantwortlichen ließen dem kreativen Kopf hinter der Geschichte, Nic Pizzolatto, den nötigen Spielraum. „True Detective“ geht nicht zuletzt die Grundübereinkunft des Polizeifilms ab - dass nämlich das Gute am Ende obsiegt und Gerechtigkeit hergestellt ist. „Erfüllung?“, fragt Cohle. „Scheiße, es gibt keine Erfüllung. Nichts ist je aufgelöst.“

          McConaughey und Harrelson laufen zu Hochform auf

          Nic Pizzolatto ist Philosoph und Schriftsteller. Er hat einen Roman und eine Kurzgeschichtensammlung veröffentlicht, bevor er mit zwei Drehbüchern zu der Krimiserie „The Killing“ hervortrat. Zwei Jahre lang ging er mit dem Drehbuch zu „True Detective“ in Hollywood hausieren. Man wollte ihm sein Stück abkaufen, aber Pizzolatto wollte es selbst machen. HBO ließ ihn.

          Matthew McConaughey sollte eigentlich Marty Hart spielen, wollte aber lieber die Rolle des Rustin Cohle - und bekam sie.

          Pizzolatto entwarf eine Anthologie, die, ähnlich wie „American Horror Story“, aus abgeschlossenen Geschichten besteht. Es gelang ihm, Schauspieler zu verpflichten, die sich nicht so leicht ins Fernsehen verlaufen. „Bei uns können sie einfach mal fünf Monate Fernsehen machen“, sagte er bei einem Termin in Los Angeles. Das und die Aussicht, zwei schillernde Charaktere in einem achtstündigen Film zu entfalten, überzeugte Harrelson und McConaughey. McConaughey kannte man als Frauenschwarm, und eigentlich wollte man ihn in der Rolle des Marty Hart haben.

          Doch der Texaner fand, „dass das zu sehr auf der Hand lag“. Ihn reizten Rust Cohles Dialoge, und er ließ die Produzenten wissen, dass er diese Rolle wollte. „Die Anwesenden hielten kurz die Luft an“, erinnert er sich. „Dann sagten sie: Echt? Ja, sagte ich.“ Da hatte man McConaughey noch nicht als homophoben, aidskranken Cowboy in „Dallas Buyers Club“ gesehen, der Rolle, für die er im März einen Oscar bekam. Auch Woody Harrelson, der endlich einmal nicht den flippigen Anarcho spielt, läuft als Marty Hart zu großer Form auf.

          Es schmort schön langsam

          Pizzolattos Geschichte biedert sich nicht an, sie entspinnt sich mit jener Selbstsicherheit, die HBO seinen Autoren zugesteht. „Mir gefällt, wenn Fernsehstücke mit einer Absicht daherkommen und an ihrer Integrität festhalten“, sagte McConaughey. „Oft sieht man ja eine tolle erste Staffel, und dann sagt man beim Sender: Okay, sieht so aus, als wenn die Leute das hier mögen, also geben wir ihnen mehr davon. Und dann werfen sie alle Geduld, alle Absicht über Bord, sie überschlagen sich. Aber das hier schmort schön langsam.“

          Es müsste mit dem Teufel zugehen, räumten McConaughey und Harrelson für ihre Rollen keine Preise ab. Prompt beschwerte sich John Landgraf, Programmchef des Kabelsenders FX, die Emmy-Bewerbung von „True Detective“ in der Drama-Kategorie (statt in der Mini-Serie) sei „unfair“, da lang laufende Serien es viel schwerer hätten, Hollywoodstars zu gewinnen. Den Zuschauern mag es recht sein, dass sich „True Detective“ der Zuordnung widersetzt. Es ist der beste Krimi des Jahres.

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