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TV-Kritik: „Sherlock“ - dritte Staffel : Er mag seine Ärzte lieber glattrasiert

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Der Sprung vom Dach war für ihn ein Klacks, aber der neue Look des geschätzten Watson macht ihm zu schaffen: Benedict Cumberbatch als Sherlock Bild: ARD Degeto/BBC/Hartswood Films 2

Der Serie „Sherlock“ gelingt mit der dritten Staffel das Unglaubliche: Sie ist noch schneller, witziger und intelligenter als die bisherigen. Das ist Fernsehen in Perfektion.

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          Dass Sherlock Holmes in Gestalt des nicht nur in England inzwischen nahezu vergötterten Benedict Cumberbatch den Sprung vom Dach des St. Bart’s Hospital überlebt hat, war klar. Nur wie, bitte schön? Zwei Jahre mussten die Fans warten, die zu Zehntausenden im Internet Theorien austauschten. Einen solchen Cliffhanger hat es in der britischen Kultur nur einmal gegeben: bei Arthur Conan Doyle selbst. Nur dass es dort gar keiner war.

          Der echte Sherlock war 1893 mausetot und wurde auf Druck der Massen respektive des Portemonnaies in „Adventure of the empty House“ 1903 wiederbelebt, wobei der Hinweis auf den japanischen Kampfstil Baritsu als Erklärung genügen musste: Der Detektiv hatte Erzfeind Moriarty also in die Schlucht befördert. In der in die Gegenwart versetzten, detailverliebt mit der Vorlage spielenden BBC-Serie aber war Sherlocks Sturz eindeutig zu sehen, auch wenn ein Gebäude für einen Moment die Sicht Watsons (Martin Freeman) und des Zuschauers blockierte. Steven Moffat und Mark Gatiss, den brillanten Vätern der Serie, war bewusst, dass sie sich damit ein Problem eingehandelt hatten: Nach zwei Jahren wilder Spekulation würde jede Lösung enttäuschend sein.

          Wieder vereint: Militärarzt Watson (Martin Freeman) lässt dem Superhirn den Vortritt.

          Es ist bezeichnend für den Esprit dieser alle europäischen Fernsehproduktionen der vergangenen Jahre in Geist, Witz und Optik (und übrigens auch Quoten) übertreffenden Serie, dass man einen intelligent selbstreflexiven Ausweg gefunden hat: Die Spekulationen und das ins Kraut schießende Fanwesen selbst sind Teil der Auflösung. „The Empty Hearse“, also der titelgebende „leere Sarg“, ist eine Gesellschaft, die der Forensiker Philip Anderson gegründet hat. Anderson ist besessen von dem Gedanken, Sherlock müsse noch leben. Seine eigene und wahrlich rasante Theorie der Vorgänge eröffnet die Folge, in der uns noch weitere Versionen - die allesamt zuvor im Netz zu finden waren - präsentiert werden. Ob die tatsächliche Auflösung darunter ist, bleibt ungewiss.

          Aber darauf kommt es auch nicht mehr an, kaum dass Sherlock, der irgendwo in Serbien die Reste des Moriarty-Netzwerks auszuschalten versuchte, zurück nach London beordert wird, weil ein Terroranschlag auf das Parlament bevorstehe. Dieser Fall aber, ein moderner Gunpowder Plot, mit dem ein neuer Großrivale (Lars Mikkelsen) eingeführt wird, wird nebenbei gelöst. Im Vordergrund steht das Persönliche: Freundschaft, Einsamkeit und Enttäuschung, es menschelt geradezu.

          Mehr Zeit für die Figuren

          Watson, der sich nach einer langen Trauerphase einen hässlichen Schnauzbart und eine hübsche Freundin (gespielt von Martin Freemans tatsächlicher Ehefrau, der ziemlich guten Schauspielerin Amanda Abbington) zugelegt hat, wird mitten im Heiratsantrag vom zurückkehrenden Sherlock überrascht. Und was bei Conan Doyle ein einziger Satz war - „Ich sprang auf die Füße und starrte ihn einige Sekunden in wildester Verwirrung an, und dann muss ich wohl das erste und letzte Mal in meinem Leben in Ohnmacht gefallen sein“-, wird hier zur tragikomischen Zentralhandlung, die mit shakespearehafter Energie um- und umgewendet wird. Watson springt seinem Soziopathen-Freund, der offenbar ihn allein im Glauben gelassen hat, tot zu sein, immer wieder an die Gurgel, während dieser sich über dessen Bart mokiert: „Ich mag meine Ärzte lieber glatt rasiert.“ Antwort: „Hört man auch nicht jeden Tag, so einen Satz.“

          Mehr Zeit für Privates: Sherlock hält die Rede auf der Hochzeit von John Watson und Mary (Amanda Abbington).

          Neben diesem platonischen Liebespaar werden zwei weitere Beziehungen ausgeleuchtet: die von Watson zu Mary - Folge zwei umspielt die Hochzeit mit einem Dritten im Bunde oder deren genaugenommen sogar zwei - sowie die von Holmes zu seinem Bruder Mycroft, genial gespielt von Mark Gatiss selbst: auch für ihn die Rolle seines Lebens. Köstlich anzusehen ist es, wie die hochbegabten Brüder („Ich lebe in einer Welt von Goldfischen“) die Horror-Aufgabe aufeinander abwälzen wollen, die gänzlich normalen Eltern (Cumberbatchs tatsächliche Eltern) in „Les Misérables“ zu begleiten.

          Der Preis der Qualität

          Eine kleine Änderung gibt es im optischen Konzept der wieder mitreißend schnell geschnittenen und gut synchronisierten Staffel: weniger Digitalkulturreferenzen (Bildschirme, SMS), dafür mehr Gedankenpalast-Visualisierungen. Sherlock wird als - nur noch leicht defekter - Mensch gezeigt, nicht als Maschine. Bis hin zum gigantischen Staffelfinale sind wieder zahllose, teils erst beim dritten Anschauen zu bemerkende Details klug miteinander verschränkt: ein Fest für den Zuschauer. Höchst beeindruckend und vermutlich unfassbar teuer sind abermals die schwebende, allen physikalischen Gesetzen enthobene Kameraführung und der punktgenaue Zeitlupeneinsatz.

          All das kann aber nur deshalb derart zur Wirkung kommen, weil dieser liebenswürdige Bohemien aus der Baker Street, eine grandiose Machbarkeitsphantasie im Namen des Geistes, und sein stets zur Selbstironie neigender Sidekick, dieser Inbegriff der Treue, von Cumberbatch und Freeman so hinreißend verkörpert werden. Die nächste Staffel wird wieder Jahre auf sich warten lassen, das ist der Preis von Qualität.

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