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„Shaft“ bei Netflix : Und das soll nun sein Sohn sein?

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Familientreffen: Regina Hall, Jessie Usher, Samuel L. Jackson und Richard Roundtree (v.l). Bild: Netflix

Gespaltene Persönlichkeit: Netflix bringt den schwarzen Actionhelden „Shaft“ zurück, in dreifacher Besetzung.

          Netflix ist groß darin, beliebten Marken neues Leben einzuhauchen. Seit Jahren abgesetzte Serien wie „Full House“, „Gilmore Girls“ oder „Arrested Development“ brachte der Streamingdienst zurück – erfolgreich, zumindest was die PR angeht (Netflix veröffentlicht kaum Abrufzahlen). Jetzt gibt der nächste Publikumsliebling sein Comeback, in den Vereinigten Staaten nach einem kurzen Kino-Vorsprung, international exklusiv bei Netflix: John Shaft, Harlems härtester Ermittler. 1971 wurde die Figur, gespielt von Richard Roundtree, zum ersten schwarzen Actionhelden, der ein Massenpublikum begeisterte, bis heute ist Shaft eine der zentralen Figuren des Blaxploitation-Genres, das Ende der sechziger Jahre auf „schwarze Themen“ und klare Kante setzte.

          Nach drei Filmen mit Roundtree übernahm Samuel L. Jackson im Jahr 2000 die Rolle, streng genommen als Neffe des Originals, aber mit demselben Namen und der gleichen Uniform aus Rollkragenpullover und wehendem Ledermantel. Nun ist der dritte John Shaft am Zug, Sohn der Jackson-Figur, dankenswerterweise meistens JJ, John Junior, genannt. Und während der zweite Shaft ein Abziehbild des Originals war, könnte das jüngste Exemplar seinem Vorgänger kaum fremder sein. Unter der Fürsorge seiner Mutter (Regina Hall) hat sich JJ (Jessie Usher) zu einem vorbildlichen jungen Mann entwickelt, höflich, gebildet, am Anfang einer steilen Karriere in der Cybersecurity-Abteilung des FBI. Eigenschaften, die die anderen Shafts berühmt gemacht haben, wie die Vorliebe für schöne und vor allem viele Frauen, Probleme mit Autorität und die generelle Hau-drauf-Mentalität, konnte sich JJ nicht abgucken, schlicht weil er seinen Vater nie zu Gesicht bekam. Denn nachdem er als Säugling ins Kreuzfeuer einer von Shafts Fehden in den Straßen von Harlem geriet, packte seine Mutter ihre Sachen und ließ den Vater schwören, seinen Sohn von nun an nicht mehr durch seine Anwesenheit in Gefahr zu bringen. Shaft willigte ein. Fortan beschränkte sich der Kontakt auf regelmäßige Geschenke, die die Sehnsucht nach einem Wiedersehen nicht gerade steigerten.

          Pornomagazine zum Schulabschluss

          Aber auch die Erinnerung an Kondome zum zehnten Geburtstag oder eine Sammlung ausgewählter Pornomagazine zum Schulabschluss halten JJ dann doch nicht davon ab, seinen Vater um Hilfe zu bitten, als er in einem sehr persönlichen Fall an die Grenzen des Rechtssystems stößt. Sein bester Freund Karim (Avan Jogia) wird tot aufgefunden, scheinbar starb er an einer Überdosis. Doch JJ glaubt fest, dass der Kriegsveteran seine Sucht überwunden und neuen Lebensmut gefasst hatte, er ist sicher, dass Karim ermordet wurde. Dass sein Sohn nach 25 Jahren plötzlich vor der Tür steht, quittiert Shaft nicht mit einer Umarmung, sondern der Feststellung, dass seine Mutter aus ihm offensichtlich „einen netten weißen Burschen“ gemacht habe. Geld vom Staat, Loft mit Küche im Landhaus-Stil, kein Alkohol am Vormittag – und das soll nun also sein Sohn sein. Trotzdem springt er JJ zur Seite, erst recht als er merkt, dass auch er ein besonderes Interesse an dem Fall hat, von dem JJ nichts ahnt.

          Netflixs Entscheidung, Shaft eine Bühne zu geben, ist angesichts der neuen Kriterien für Unterhaltung, die durch ein selbstbewusstes Publikum im Zweifelsfall lautstark eingefordert werden, durchaus spannend: Die Unterhaltungsindustrie bemüht sich bekanntlich um Protagonisten unterschiedlicher Herkunft und Sexualität. Besonders Netflix nimmt dies für sich in Anspruch. Durch die Figur Shaft aber geht nun ein Riss: Einerseits ist er Symbol der afroamerikanischen Selbstermächtigung, andererseits aber eben auch ein hoffnungsloser Macho. Unvergessen ist die nachmittägliche Verführungsszene auf der mit Fellen bezogenen Couch und Shafts uncharmanter Umgang mit Frauen nach dem Verkehr, der zum Running Gag des ersten Films wurde. Konflikte löst der Ermittler mit roher Gewalt, auch in der brenzligsten Lage strotzt er vor Selbstbewusstsein.

          Dem steht nun JJ gegenüber, erdrückt von Klischees der „Millennial“-Generation. Der Mittzwanziger hasst Waffen, trinkt Kokoswasser und kann nicht mit Frauen reden, außer via Textnachricht. Wenn sein Vater den Finger längst am Abzug hat, setzt er auf Sensibilität und technisches Know-how. Deshalb klappt es nach Ansicht seines Vaters auch mit den Frauen nicht, denn die „wollen einen männlichen Mann“.

          Die Idee, diese beiden als Team in den Kampf gegen die neue und alte New Yorker Unterwelt zu schicken, wirkt durchaus zeitgemäß. Doch leider hat JJ mit seinen Vorstellungen nicht den Hauch einer Chance. Erst als auch er endlich anfängt, seine Feinde mit Kugeln einzudecken, leckt sich seine Freundin die Lippen. Dennoch stehen und fallen seine Beiträge zum Fall mit der W-Lan-Verbindung. Shaft senior lernt dagegen, dass man sich als Mann auch mal entschuldigen darf – und nutzt das sofort für den Versuch, eine alte Flamme ins Bett zu kriegen. Eine Actionkomödie mit Humor zwischen „Hustler“ und Herrenwitz, dünner Kriminalhandlung, aber aufwendigen Kampfszenen und vor allem einem wie gewohnt großartigen Samuel L. Jackson – das ist unterhaltsam und ansehnlich, aber die Marke Shaft hätte man dafür nicht verpulvern müssen.

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