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Serienabklatsch im TV : Hauptsache, es spielt am Meer

Heino Ferch am Strand des ZDF-Zweiteilers „Tod eines Mädchens“ Bild: ZDF/Marion von der Mehden

Der ZDF-Zweiteiler „Tod eines Mädchens“ kommt uns etwas britisch vor. Haben wir das alles nicht schon in der Serie „Broadchurch“ gesehen? Eine Spurensuche.

          Das Rezept oder, weniger despektierlich, die Dramaturgie funktioniert stets aufs Neue: Man nehme eine idyllische Kleinstadt oder ein Dorf in sogleich bedrohlich wirkender Enge, siedle dort ein Kapitalverbrechen - wahlweise die Entführung von oder den Mord an einem Kind oder einem Jugendlichen - an, etabliere an Ort und Stelle umgehend eine Sonderkommission der Polizei, und siehe da: Bei jedem nun folgenden Schritt der Ermittler, bei jeder Spur, die sie finden, bei jedem Verhör, das sie führen, öffnen sich neue Abgründe.

          Jochen Hieber

          Redakteur im Feuilleton.

          Vater wie Mutter des Opfers haben ihre je eigenen Geheimnisse, Verwandtschaft, Mitschüler und Freunde sind per se suspekt, und das äußerlich so harmonisch erscheinende Gesellschaftsbiotop erweist sich mehr und mehr als seelischer wie sozialer Albtraum aus Neurosen, Depressionen, Denunziationen und allerlei anderen Gemeinheiten. Als Täter kommen rasch ganz viele in Frage. Jeder und jede ist verdächtig.

          Zwischen Schwedenkrimi und amerikanischer Mystery

          Mit einer neuen Rezept-Variante hat das ZDF am Montag und Mittwoch dieser Woche einen großen Erfolg erzielt. Dem Zweiteiler „Tod eines Mädchens“ schauten in der ersten Folge deutlich mehr als sieben Millionen zu, die zweite konnte gut acht Millionen Zuschauer vor die Bildschirme bannen, der Marktanteil lag jeweils nur knapp unter fünfundzwanzig Prozent. Der Dreistünder war auf respektable Weise spannend und einigermaßen plausibel konstruiert. Heino Ferch, der den an der Ostsee gestrandeten Hauptkommissar spielt, Barbara Auer, zuständig für die lokale polizeiliche Erdung und für mitmenschliche Empathie, sowie in tragenden Nebenrollen fernsehvertraute Akteure wie Anja Kling, Jörg Schüttauf, Hinnerk Schönemann, Johann von Bülow oder Peter Striebeck sorgten für Zuschauer- und Kritikersympathien zuhauf.

          Wie sich die Bilder gleichen: (Olivia Colman und David Tennant in der britischen Serie) „Broadchurch“ und der ZDF-Zweiteiler „Tod eines Mädchens“ (unten)

          Allerdings fragt man sich schon nach wenigen Minuten, ob es sich bei „Tod eines Mädchens“ überhaupt um ein neues Rezept handele. Wobei die Anlehnung an zwei Klassiker des Genres - „Twin Peaks“ von David Lynch und „Kommissarin Lund - Das Verbrechen“ von Søren Sveistrup - so peripher bleibt, dass sie nicht ins Gewicht fällt, sondern gar als Hommage durchgehen kann. Anders hingegen verhält es sich mit der Serie „Broadchurch“ des Privatsenders ITV, deren erste Staffel (acht Episoden à 50 Minuten) vor zwei Jahren in Großbritannien Furore machte und deren zweite dort seit Anfang dieses Jahres läuft. In der Schweiz und in Österreich wurden die ersten acht Folgen bereits im vergangenen Jahr im Fernsehen gezeigt, ebenfalls 2014 erschien „Broadchurch“, der vom Serienerfinder Chris Chibnall geschriebene Roman zum Film, auch auf Deutsch.

          Wie bei „Tod eines Mädchens“ spielen bei „Broadchurch“ das anbrandende Meer, die steilen Felsen und die behäbige Kleinstadt an der Küste atmosphärische Hauptrollen, hier wie dort ist ein höchst gegensätzliches Ermittlerpaar im Einsatz, bis in einzelne Dialoge hinein wirken zumal im ersten Teil des ZDF-Films Handlung, Milieu und Szenenfolge weitgehend wie eine Kopie. Im Grunde variiert lediglich die Opfer-Biographie: bei „Broadchurch“ ein elfjähriger Junge, in „Tod eines Mädchens“ eine vierzehnjährige Schülerin. Etwas mehr Eigengewicht gewinnt der zweite Teil: Die Figur des adeligen Gutsbesitzers, der nun seinen Auftritt hat, gibt es in der Vorlage nicht.

          Am Ende aber doch ein Plagiat? Reinhold Elschot, der Fernsehfilm-Chef des ZDF, antwortet zunächst allgemein. Natürlich ließen sich auch beim „Landschafts-Thriller“ Drehbuch und Regie „von der Literatur und von anderen Filmen inspirieren, die Geschichte des Fernsehens und die des Kinos ist voll davon“. Zudem, fügt er hinzu, habe man „die Entwicklung“ von „Tod eines Mädchens“ bereits begonnen, ehe man von „Broadchurch“ erfahren habe. Erst im weiteren Verlauf habe man „neben vielem anderen“ gewiss auch „von Elementen“ dieser britischen Serie profitiert. Entstanden sei schließlich aber „ein sehr eigener Film mit eigener Kraft“.

          Elschot hat noch eine Pointe parat. Das ZDF konnte inzwischen die ursprünglich beim Privatsender Sat.1 liegenden deutschen Rechte an „Broadchurch“ erwerben - und wird die erste Staffel schon im Frühjahr ausstrahlen. Womit am Ende alles unter einem Dach vereint wäre: das Original und sein Ableger. Ist damit auch alles gut? „Tod eines Mädchens“ ist ein durchaus problematischer Grenzfall stofflicher Anverwandlung. Dass das Original im ZDF überdies auf den Ableger folgt, also nach ihm gesendet wird, dürfte „Broadchurch“ nicht sonderlich nützen. Wer will schon wenige Wochen nach einem ersten Küsten-Drama ein weiteres sehen?

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